S-T

Becky  Sandstede


 

 

Die Malerin Gertrud Sandstede , genannt Becky Sandstede, wurdeam 7.8.1909 in Oldenburg als eines von vier  Kindern des Buchhalters August Sandstede und dessen Ehefrau Anna, geborene Ritterhoff, geboren. Unter vier Brüdern, dem Stiefbruder Paul aus erster Ehe des Vaters, den älteren Kurt und Karl sowie dem ihr nachfolgenden Rolf, wuchs Becky in dem bürgerlichen Elternhaus heran. Im weiteren Verlauf stieg der Vater zum Ministerialdirektor im Staatsministerium Oldenburg auf. Sandstedes wohnten in der Kastanienallee 22 in Oldenburg.

Becky besuchte von 1915 bis 1926 die Schule und schloss diese mit dem Cäcilien-Lyzeum in Oldenburg ab. Anschließend besuchte sie bis1927 die Frauen- und Haushaltungsschule in Oldenburg.

 Das Abschlussexamenam Städtischen Seminar für Hauswirtschafts-und Handarbeits-Lehrerinnen erreichte sie 1929.

1930 machte sie das Abschlussexamen am Arbeitsschul-Seminar in Düsseldorf zur Werklehrerin.

Im selben Jahr nahm sie eine Tätigkeit im Atelier Breuhaus de Groot in Düsseldorf an.

Von 1930 bis 1936 betätigte sich Becky Sandstede als Musterzeichnerin, Entwerferin und Koloristin bei  der Fa. Schlieper & Baum in Wuppertal-Elberfeld(20.10.1930 – 30.6.1932), Pongs & Zahn in Viersen( 1.7.1932 – 31.3.1933),der Baumwollweberei Ellrich a.H.(15.9.1935 – 31.12.1935) sowie der Fa.Burghardt Vossen in Gütersloh. Diese Tätigkeit endete 1936.

1933 - 1934 verlegte die Malerin ihren Wohnsitz nach Berlin und arbeitete als Musterzeichnerin und Entwerferin im Direktionsbüro der Würtembergischen Cattunmanufaktur.

Im Juli 1939 heiratete Sandstede Dr. Peter Beckmann, den Sohn von Max Beckmann, der aus der ersten Ehe des Malers mit Minna Tube hervorgegangen war.

Die Hochzeit fand im engsten Familienkreis in Oldenburg statt. Zwar war Minna Tube zugegen, nicht jedoch Max Beckmann selbst, weil  dieser zwei Jahre zuvor, unmittelbar nach Hitlers Eröffnungsrede anlässlich der Münchener Ausstellung           „ Entartete Kunst“ Deutschland fluchtartig verlassen musste und fast mittellos nach Amsterdam ins Exil ging.

Becky´s Ehemann wurde während des 2.Weltkrieges als Sanitätsrat an die Ostfront berufen. Becky selbst hatte mittlerweile einen Briefkontakt zu Max Beckmann in Amsterdam aufgenommen und reiste schließlich 1943 nach Amsterdam. Dort begegnete sie Max Beckmann, mit dem sie von 1941 bis 1943 und von 1947 bis 1949 den Briefkontakt aufrecht erhielt.

1943 ließ sich Becky Sandstede von ihrem Mann Peter Beckmann scheiden, weil zwei zu unterschiedliche Charakteren aufeinander trafen und dadurch die Basis für eine harmonische Ehe verloren ging. Von ihrem Mann erntete sie für ihre Malversuche nur Achselzucken. Ein weiterer Grund war ein unbändiger Kinderwunsch ihres Mannes, den sie nicht erfüllte. Die Ehe wurde deshalb auch unter anderem wegen  Kinderlosigkeit geschieden.

Ein weiterer Schicksalsschlag ereilte Becky mit dem Tod ihres Bruders Rolf, der im Krieg gefallen war.

In den Jahren 1944 bis 1945 wurde Becky Sandstede als  technische Zeichnerin bei der Firma Osram zwangsverpflichtet und musste dort bis Ende des Krieges arbeiten.

Das Ende des Krieges erlebte die Malerin in Berlin. Ihr Versuch, zu Fuß von Berlin nach Oldenburg zu gelangen, schlug fehl. Drei Wochen war sie unterwegs, dann musste sie wieder den Rückweg antreten. Sie sicherte sich in der Folge ein sehr bescheidenes Auskommen durch Zeichnen und die Fertigung kunstgewerblicher Arbeiten.

Am Ende machte sie eine  längere Krankheit mit mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt arbeitsunfähig.

Der Maler Paul Strecker, der seit Oktober 1946 die Leitung der Klasse „ Freie Malerei“ inne hatte, wollte Max Beckmann als Ehrensenator und Leiter seiner Meisterklasse nach Berlin berufen. Diese Botschaft sollte Becky Sandstede an Max Beckmann übermitteln.

Den Kontakt zu Strecker nutzte die Malerin und ließ sich von ihm hin und wieder ihre Arbeiten korrigieren. Trotz der Intensivierung ihrer künstlerischen Weiterentwicklung gelang es  ihr nicht, eine Aufnahme an der Hochschule für bildende Künste  zu erhalten. Eine Zulassung blieb ihr versagt. Auch eine Empfehlung Beckmanns, sich an Professor Heinrich Ehmsen zu wenden, brachte sie ihrem Ziel nicht näher. Zwar erhielt sie Zuspruch, jedoch nicht mehr.

1948 bot sich für Becky Sandstede nach dem Kriege erstmals die Gelegenheit, wieder nach Oldenburg zu reisen. Den Besuch in ihrem Elternhaus mag sich dabei durch den Tod ihres Vaters verlängert haben. Von Oldenburg aus begann Becky, die Weichen für einen Aufenthalt in England zu stellen. In Sprachkursen hatte sie sich darauf vorbereitet und gute Kontakte geknüpft. Im Februar 1949 erhielt sie das Einreisevisum und fuhr nach England,wo sie als Erzieherin in Littlestone on Sea in der Grafschaft Kent antreten sollte, sie aber einige Zeit später nach London übersiedelte.

1951 kehrte die Malerin nach Berlin zurück und betätigte sich dort als freischaffende Malerin und bis in die 60er Jahre hinein als Entwerferin. Diese Tätigkeit war auch ihr finanziell zweites Standbein.

In Berlin lebte Becky in unmittelbarer Nähe zu dem MalerHermann Kirchberger. Dieser war am Aufbau der Berliner Hochschule für bildende Künste als Werkstattleiter der pädagogischen Abteilung tätig und hatte um 1946 einen Ruf als  Professor für Wandgestaltung an der Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst in Weimar angenommen. Aufgrund seines Festhaltens an am Bauhaus orientierten Lehrvorstellungen und künstlerischen Differenzen in seiner Wandbildgestaltung im Foyer des Weimarer Theaters geriet er politisch unter Druck und legte resigniert sein Amt nieder.

Sein Werk fiel später der Zensur zum Opfer. Auf der Suche nach einem neuen Wirkungsfeld kehrte er 1951 zu einem Zeitpunkt nach Berlin zurück,als kulturpolitisch alle Weichen für eine weitere Hochschultätigkeit verstellt blieben.

Obwohl beide fast Nachbarn waren, kannten sie sich nicht und bedurften erst der Vermittlung Dritter.

Nach einer ersten flüchtigen Begegnung kamen sich beide immer näher. Als Becky im September 1952 zur Pflege der Mutter in Oldenburg weilte, teilte ihr Kirchberger in Briefen mit, dass er sich eine gemeinsame Zukunft mit Becky vorstellen könnte.

Der Umzug in sein Atelier in Berlin am Schöneberger Ufer folgte deshalb

1953.

In Berlin trat sie der Künstlervereinigung „ Der Ring“ bei, in welcher sich auch der in  dieserZeit  in Berlin wohnende und später in Oldenburg tätige Heinrich Schwarz befand.

Sie nahm als Mitglied dieser Künstlervereinigung unter anderem an der Große Berliner Kunstausstellung 1956, ausgerichtet in den Ausstellungshallen am Funkturm, in der Zeit vom 25.5.- 1.7.1956 teil. Bei denjeweiligen Ausstellungen wurde sie mit dem Namen  Gertrud Beckmann-Sandstede in den Ausstellungsktalogen aufgeführt.

Es folgte die Große Berliner Kunstausstellung 1957, die vom 20.4.-19.5.1957 ausgerichtet wurde und an der auch Heinrich Schwarz  teil  nahm. In einer Kunstkritik des Journalisten Erich Link heißt es:

„Die Künstlervereinigung „ Der Ring“ ist gut vorwärts gekommen. Die Tuschzeichnungen Werner Kleinschmidts, die Arbeiten von Gertrud Beckmann-Sandstede und die Clair-Obscurstiche von Karl Rössing haben hohes Niveau.

Weiterhin nahm sie an der Große Berliner Kunstausstellung  1959 teil,  die vom  24.4.-24.5.1959 statt  fand. HeinrichSchwarz war auch hier beteiligt.

Es folgte die Große Berliner Kunstausstellung 1960 (  6. 5.-6.6.1960) und die

Große Berliner Kunstausstellung 1964 ( 5.6.-5.7.1964).

Sandstede und Kichberger betätigten sich im Verlaufe der folgenden Jahre künstlerisch. Im Laufe der Jahre wuchs ihr künstlerisches Oeuvre qualitativ wie quantitativ. Obwohl beide gemeinsam arbeiteten, ging das Paar in ihren Bildvorstellungen und Umsetzungen getrennte Wege.

1958 heirateten Becky Sandstede und Hermann Kirchberger.

1961 zog das Künstlerehepaar in eine Atelierwohnung in der Kluckstraße in Berlin-Schöneberg.

Am 4. Dezember 1983 verstarb Hermann Kirchberger.

 In den folgenden Jahren unternahm Becky Sandstede mehrfach Reisen, die sie nach Tunesien, einige Länder innerhalb Europas, Kanada, die USA und die Kanarische Inseln führte.

1995 gab sie ihre Atelierwohnung auf und bezog eine Wohnung in einem Seniorenheim in Berlin-Wilmersdorf.

Am 24. März 1999 verstarb die Malerin in Berlin.

 

Becky Sandstede nahm in den Jahren 1956 bis 1990 in Berlinan 10 Einzelausstellungen  teil.

1958 fand eine Einzelausstellung im Landesmuseum Oldenburgstatt.

1960 in München in der Galerie Schumacher

1966 in Mannheim in der Gedok-Galerie

1969 in Frankfurt/Main in der Galerie von Oertzen

1972 in Orilllia/Ontario, Kanada

1983 im Kunstverein in Osterholz-Scharmbeck, Galerie im Gut Sandbeck.

2004 wurden Arbeiten von ihr im Elisabeth Anna-Palais in Oldenburg gezeigt

 

Im Zeitraum von 1974 bis 1990 nahm sie an 7 gemeinsamen Ausstellungen mit Hermann Kirchberger teil.

Arbeiten von ihr befinden sich im öffentlichen  Besitz in Berlin.


 

Quellenangaben:

 

Ausstellungskataloge der Großen Berliner Kunstausstellung der Jahre

1956, 1957, 1959, 1960, 1964

Becky Sandstede- Eine Künstlerin auf dem Weg von der angewandten zur freien Malerei, Unken Dohrmann, ISBN 3-928577-24-7


 

 

 Kurt Sandstede


 


 

 

Der Maler Kurt Sandstede wurde am 10. Dezember 1907 als eines von vier Kindern des Finanzbeamten August Sandstede und dessen Ehefrau Anna geborene Ritterhoff, geboren.

Kurt verlebte seine Kindheit und Jugend in Oldenburg. Er besuchte die Vorschule am Haarenufer und anschließend das Reform-Realgymnasium am Theaterwall. In der Schule zeichnete er sehr gerne und betätigte sich auch sportlich.

Die Schule schloss Sandstede mit der Mittleren Reife ab. Auf Wunsch seines Vaters begann er eine Banklehre bei der Oldenburgischen Landesbank.

Als er sie 1927 abschloss und als Bankkaufmann tätig war, wurde in ihm der Wunsch immer stärker, sein zeichnerisches Talent  ausbilden zu lassen und eine Kunstschule zu besuchen. Sein Ziel sollte sein, sich danach als Kunsterzieher zu betätigen und damit eine sichere Existenzgrundlage zu haben.

Voraussetzung für den Besuch einer Akademie war jedoch das Abitur.1929 bestand Sandstede  die Aufnahmeprüfung , um am Real-Gymnasium in Oldenburg das Abitur nachzuholen.

Sein Zeichenlehrer an dem Gymnasium war der Oldenburger  Maler Adolf Georg Niesmann, der in der Folge Kurt Sandstede stark förderte und ihn zu einem Sommeraufenthalt in Positano  einlud. Es entstanden in dieser Zeit mehrere expressive Aquarelle, die den Einfluss Niesmanns deutlich zeigen.

1931 schloss Kurt Sandstede die Schulzeit mit dem Abitur abund bewarb sich an der Kunstakademie in Königsberg, an der er angenommen wurde. Seine Lehrer dort waren Alfred Partikel ( 1888-1945) und Franz Xaver Wimmer (1881 – 1937).Im Februar 1932 stellte Sandstede  erstmals Arbeiten im. Als die Akademie im Wintersemester 1931/32 geschlossen werden musste, begab sich Sandstede an die Universität und das Werklehrerseminar in Halle insbesondere auch deshalb, weil seine Jugendfreundin und spätere Ehefrau Hildegard dort das Werklehrerseminar besuchte. Nach kurzem Aufenthalt dort studierte Kurt Sandstede an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Professor Heinrich Nauen. Während dieser Zeit förderten die Maler Heinrich Campenden und Ewald Mataré den Maler Sandstede. 1932 gewann er im Rahmen eines Akademiewettbewerbes mit einem Holzschnitt den zweiten Preis.

1933, Sandstede wohnte in Düsseldorf-Oberkassel, wurde er von den Söhnen der Vermieter-Familie für die Reiter-SA geworben. Er zog in eine billigere Dachkammer und funktionierte diese zu einer Atelierwohnung um. Im Sommer 1933 verließ Sandstede die Akademie und begab sich nach Berlin, um fortan dem Wintersemester an der Staatlichen Kunstschule in Berlin-Schöneberg und an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin zu studieren. Künstlerischer Lehrer war zunächst Professor Schorling. Da sich Sandstede immer körperlich betätige und durchtrainiert war, wurde ihm das Angebot unterbreitet, für den hohen Monatslohn von 300 Mark Ausbilder für „Wehrertüchtigung“ zu werden. Mit dieser Tätigkeit wurde Sandstede finanziell von seinem Elternhaus unabhängig.

Am 10. Juli 1934 heiratete Kurt Sandstede in Oldenburg Hildegard Hasenheier. Die Arbeit am Akademischen Wehramt war jedoch nur von kurzer Dauer, weil nach der „Röhm-Revolote“ am 30. Juni das von der SA geführte Hochschulamt aufgelöst wurde. Sandstede fehlte damit die finanzielle Grundlage. Er wechselte zwar noch zu Professor Kanoldt, konnte jedoch das Studium nichtmehr finanzieren und musste es ohne einen Abschluss  aufgeben. Durch Vermittlung seines ehemaligen Sportlehrers am Real-Gymnasium in Oldenburg gelang es ihm,  eine Stelle als Sportlehrer bei der HJ zu erhalten. Der Eintritt in die HJ veranlasste ihn, aus der SA wieder auszutreten.

1934 beteiligte sich Kurt Sandstede an der Weihnachtsausstellung des „ Oldenburger Künstlerbundes“  und des Oldenburger Kunstvereins im Augusteum in Oldenburg. Titel der Ausstellung:“  Werke Oldenburger und Ostfriesischer Künstler“.

1935 beteiligte er sich an einer Ausstellung Oldenburger Künstlerin der Kunsthalle Wilhelmshaven. In demselben Jahr nahm er an der Ausstellung „Bildender Künstler des Gau Weser-Ems“, Jahresausstellung 1935 des OldenburgerKunstvereins, teil.

1936 nahm er an der Ausstellung „ Drei norddeutsche Künstler“ in der Kunsthalle Wilhelmshaven teil. Neben Arbeiten von Sandstede wurden  Werke der Maler Walther Hundt und Ackermann-Speckenbüttel gezeigt. Im Dezember desselben Jahres zeigte er auf der Ausstellung „ Bildende Künstler des Gau Weser-Ems“  des Oldenburger Kunstvereins im Augusteum in Oldenburg mehrere seiner Arbeiten.

Im Dezember 1937 beteiligte er sich an der Ausstellung des Oldenburger Kunstvereins „ Oldenburger und  Ostfriesen“.

1938 wurden Arbeiten von ihm auf der Ausstellung „ Gaukulturwoche Weser-Ems 1938“ im Rahmender Ausstellung „Kunstschaffen im Gau Weser-Ems“ gezeigt.

Im Sommer 1939 wurde Sandstede als Offiziersanwärter beim Infanterie-Regiment 16 nicht mehr entlassen. Am 13. November kam er an die Westfront als Feldwebel O.A. des Infanterieregiments 154. Er beteiligte sich dabei an mehreren Kämpfen an der Westfront.

Nachdem Sandstede im Sommer 1940 in Nordfrankreich zum Oberleutnant  befördert worden war,wurde er zur Unteroffiziers-Vorschule in Wetzlar und anschließend zur HJ Gebietsführung nach Oldenburg abkommandiert.

So konnte er im Dezember 1941 an der großen „Gauausstellung„ im Augusteum teilnehmen.

1942 wurde Kurt Sandstede zur „ Kinderlandverschickung“ nach Berlin abkommandiert. Im selben Jahr nahm er an der“ Kunstausstellung des Gau Weser-Ems, Groningen 1942 „ im „ Haus Maas“ zu Groningen in der Zeit vom 3. bis 19.Juni 1942.Schirmherr war der Reichskommissar Reichsminister Seyß-Inquart.Veranstalter waren: Der Oldenburger Kunstverein und der Künstlerbund Bremen in Verbindung mit der Niederländisch-Deutschen Kulturgemeinschaft und der Ostfriesischen Landschaft. Neben Kurt Sandstede waren vertreten: Gerhard Bakenhus,Emil Brose, Franz Francken, Max Herrmann, Ursula Janssen, Wilhelm Kempin, Marie Meyer-Glaeseker, Georg Otto Willi Meyer, Georg Bernhard Müller vom Siel, Otto Naber, Paul Schütte, Elisabeth Schwecke, Bernhard Winter und Otto Wohlfahrt.

Im Dezember des Jahres 1943 nahm Sandstede an der Weihnachtsausstellung des Oldenburger Kunstvereins unter dem Titel: „ Deutsche Säle im deutschen Bild“ teil.

Auf dieser Ausstellung waren folgende weitere Oldenburger Künstler vertreten:

Bernhard Winter,Wilhelm Kempin, Walter Howard, Anna List, Nanne Suffrian,Walter Mütze, Otto Naber, Veronika Stein-Caspar und Gerd ter Vene.

Vom 7. Mai bis 6.Juni 1944 nahm Sandstede an der „Kunstausstellung. Gaukulturtage Weser-Ems 1944 teil. Auf dieser Ausstellung wurden Arbeiten folgender weitere Oldenburger Künstler gezeigt:

Marga von Garrel, Friedrich Hinrichs, Heino Johannsen, Helene Kempin, Wilhelm Kempin, Anna List, Otto Georg Willi Meyer, Marie Meyer-Glaesecker, Walter Mütze, Otto Naber, Paul Schütte, Bernhard Winter und Walter Howard.

Im Jahre 1945 kehrte Sandstede nach Ende des Krieges nach Schohusen zurück. Am 29. Mai wurde er zunächst in Esterwegen und dann in Fallingbostel interniert.

Als Sandstede 1947 aus der Internierung entlassen wurde, begann er eine Lehre für das Malerhandwerk, um seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie sicherzustellen. Am 19.März des Jahres wurde er Gründungsmitglied des Bundes Bildender Künstler Norddeutschlands, ZweigstelleOldenburg, musste allerdings bereits ein Jahr später wegen  fehlender finanzieller Mittel wieder austreten.

1949 erhielt Sandstede den Auftrag für die Restauration des von Professor August Oetker geschaffenen Wandbildes des Grafen Anton Günther am Hotel „ Graf Anton Günther“ in der Lange Straße in Oldenburg.

Nach seiner Meisterprüfung eröffnete Sandstede einen Handwerksbetrieb in Schohusen und Oldenburg. Bis 1951 kam  seine künstlerische Arbeit fast völlig zum erliegen.

1979 gab er den Malerbetrieb auf und widmete erneut der künstlerischen Arbeit.

1983 nahm er an der Gemeinschaftsausstellung der Oldenburger Künstler im Stadtmuseum Oldenburg mit dem Titel:“ Spielzeug“ teil.

1985 zeigte Sandstede in einer Einzelausstellung im Stadtmuseum Oldenburg eine größere Anzahl seiner Arbeiten.

1986 zeigte er Arbeiten in der Galerie in der Mühle in Oldenburg, Cloppenburger Straße 428.

In den Jahren 1987  und 1992 zeigte er Arbeiten in der Schalterhalle des NWZ- Pressehauses.

Vom 12. Dezember 1993 bis 16. Januar 1994 wurden in einer Retrospektive im Stadtmuseum Oldenburg eine größere Anzahl seiner Werke gezeigt.

Kurt Sandstede verstarb am 28.Mai 2002 in Oldenburg.

Im März 2003 zeigte das Stadtmuseum Oldenburg in einer Ausstellung aus dem Nachlass des Malers Ölbilder , Aquarelle und Zeichnungen.


 

Quellenangaben:

 

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.271

Ausstellungskatalog des Stadtmuseum Oldenburg anlässlich der Einzelausstellung des Malers mit dem Titel „ Kurt Sandstede- Oldenburg -,Ausstellung vom 12.12.1993 – 16.1.1994, Autoren: Ewald Gäßler und Jörg Michael Henneberg, Isensee-Verlag,          ISBN3-89442-168-1

Oldenburger Hauskalender von 2003


Leo Schaeffer

 

Leo Franz Adolf Schaeffer wurde am 4. September 1904 in Berlin als Sohn eines dort ansässigen Kaufmanns und dessen Ehefrau Maria geborene Scherkamp geboren. Die Familie zog nach seiner Geburt nach Münster, wo er auch aufwuchs. Bereits früh reifte in ihm der Entschluss einmal Kunstmaler zu werden, zumal er dafür zeichnerisches Talent hervor brachte.

Zunächst erlernte er jedoch den Malerberuf, den er mit der Gesellenprüfung abschloss.

Anschließend arbeitete er bei einem Kirchenmaler, der ihm auch die Gemälderestauration bei brachte.Bei den folgenden Wanderjahren verdiente er sich seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf der Bleistiftzeichnungen, die er anfertigte. Nach dem Tod seines Vaters 1935 kehrte er nach Münster zurück. Er erhielt dort von der Stadt Münster ein Stipendium für den Besuch der ansässigen Kunstgewerbeschule.

Nach dem Studium verzog er nach Stettin, wo er mehrere Jahre lebte. 1938 kaufte das Stettiner Museum eine Arbeit von ihm. Eine erste große Anerkennung.Im selben Jahr heiratete er Ilse Schröder. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor.

Leo Schaeffer trat dem Pommerschen Künstlerbund bei und stellte unter anderem in Stettin, Neustettin, Dresden und Breslau aus.Während des 2. Weltkrieges war er als Kriegsberichterstatter in Norwegen eingesetzt und geriet im Verlaufe des Krieges in russische Kriegsgefangenschaft.

1948 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Die Familie hatte mittlerweile ihren Wohnsitz nach Leer verlegt. Dieses war jedoch nur vorübergehend seine neue Heimat.

Zwar stellte er noch im selben Jahr seine Arbeiten in Leer aus, zog es danach jedoch vor, wieder auf „Reisen“ zu gehen.1950 fertigte er für die Stadt Waiblingen eine Jubiläumsmappe mit Stadtansichten. 1953 verzog er nach Karlsruhe, dann nach Ingelheim und Frankfurt/Main. 1957 zog er wieder nach Leer. Von 1966 bis 1969 lebte er in Kalzhofen. Schließlich zog es ihn wieder zurück nach Leer, wo er am 8.4.1981 starb. Unter anderem stellte 1985 und 2002  das Heimatmuseum in Leer seine Arbeiten aus.

Der Künstler malte mit Vorliebe Landschaften, aber auch Porträts, symbolische Motive und Architekturbilder.

           

Quelle. Biografisches Lexikon Ostfrieslands – Ostfriesische Landschaft - mit einem Beitrag von Herbert Oppermann ( S. 370 - 372)


Hermann Schauten

 

 

Hermann Schauten wurde am 15. März 1905 als einer von zwei Söhnen des gleichnamigen Vaters und dessen Ehefrau Mary in Düsseldorf geboren.

1925 wurde er an der Kunstgewerbeschule in Essen aufgenommen. Seine Lehrer dort waren Karl Kiete und Max Pfeiffer - Watenphul. Gleichzeitig erhielt er Unterricht bei dem Maler und Grafiker Josef Urbach.

 

Er besuchte ab dem 10. April 1929 die Kunstgewerbeschule in Düsseldorf, anschließend die Kunstakademie für Bildende Künste in Düsseldorf. Er war Mitglied in der Kunstvereinigung Düsseldorfer Malkasten. Er wurde an der Akademie  durch die Maler Wilhelm Schmurr und Max Clarenbach beeinflusst.

1937 verlebte Schauten einen halbjährigen Maleraufenthalt in Greetsiel.

Von März 1939 bis September 1940 bereiste Schauten die USA, wo er Porträts – und Landschaftsbilder malte.

Von 1941 bis 1945 leistete er den Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg ab. Während des Krieges lernte er seine Ehefrau Betty Riepma kennen, die er am 30. März 1945 heiratete.

Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor.

Fasziniert von der Krummhörn, besuchte er ab 1947 Greetsiel regelmäßig. Er war Mitbegründer und Anreger der „Greetsieler Woche“. 1964 verlieh ihm die Ostfriesische Landschaft den Titel“ Ostfriese Ehrenhalber“, das so genannte Indigenat.

1969 zeigte Schauten erstmals seine Gemälde in der Filiale der Kreis - und Stadtsparkasse Norden.

1971 wurde Schauten mit seiner Ehefrau Betta in Greetsiel sesshaft.

Am 3. Januar 172 ereilte ihn ein Schlaganfall. Dadurch wurde er in  seiner künstlerischenTätigkeit stark eingeschränkt. Am 12. November 1974 starb er plötzlich an akutem Herzversagen. Hermann Schauten fand seine letzte Ruhe auf dem Friedhof in Greetsiel.

Hermann Schauten war Landschaftsmaler. Seine oftmals schwermütigen Landschaften schuf er in Öl,- Aquarell- und Pastelltechnik,später auch als Zeichnungen.

1977 fand eine Ausstellung in Düsseldorf, ausgerichtet von der Künstlervereinigung Düsseldorfer Malkasten, statt.

1987  stellte das Ostfriesische Landesmuseum zu seinem Ehren eine größere Anzahl seiner Arbeiten aus. Zwei weitere Gedächtnisausstellungen fanden 1979 und 1985 im Rahmen der „Greetsieler Woche“ statt. 1995 fand eine weitere Retrospektive im Museum Kaiserwerth statt, wo Schauten einen Teil seines Lebens verbracht hatte.

 

 

Quelle:           

Bildende Kunst in Ostfriesland, herausgegeben vom Landesmuseum Emden 2011, . 175.

Landschaftsverband Rheinland – Rheinisches Archiv- und Museumsamt – Archivberatungsstelle „ Bildquellen zur Geschichte des Künstlervereins Malkasten in Düsseldorf, bearbeitet von Sabine Schroten, S.292.

Aiko Schmidt – Ein Beitrag über Hermann Schuten für die Ostfriesische Landschaft

( BLO IV, Aurich 2007, S. 372-374


 

Prof. Heinrich Schilking


 


 

 

 


 


 


 


 


 

 

Heinrich Schilking wurde am 25. November 1815 in Warendorf geboren. Nach der Schulzeit besuchte er die Kunstakademie Düsseldorf und studierte dort bei dem seit 1826 an der Kunstakademie Düsseldorf tätigen Carl Friedrich Lessing (1808-1880) und bei Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863), der 1834 zunächst an der Akademie als Hilfslehrer eingestellt wurde und 1839 die Professur erhielt.

Anschließend besuchte Schilking zwei Jahre die Antwerpener Akademie. Zudem bildete er sich auf Reisen an die Nord- und Ostsee weiter sowie in der Schweiz und Tirol, ehe er von 1860-1880 als Malerprofessor Hofmaler des Großherzoglichen Hofes in Oldenburg wurde.

Dort wurden von ihm nicht Porträts, sondern ausschließlich Ereignis- und Landschaftsbilder erwartet, die er vorwiegend als kleinere Gemälde produzierte, Heinrich Schilking gehörte auch zu den Malern, die sich im Hasbruch und dem Neuenburger Urwald künstlerisch betätigten und Walddarstellungen aus dieser Gegend schufen. Insbesondere die Waldlandschaften Schilkings zeugen von großer Innigkeit.

Da das von Schilking angefertigte Titelblatt des Oldenburg- Albums bereits den Turm der Lambertikirche zeigt, dürfte diese Arbeit erst nach 1874 oder 1875 entstanden sein.

Der Volksbote, das damalige Adressbuch der Stadt Oldenburgaus dem Jahre 1879, führt Heinrich Schilking für den Schlossplatz 6 auf. Die Wohnung befand sich  in unmittelbarer Nähe und in Sichtweise zum Oldenburger Schloss.

Ab 1890 lebte Schilking  wieder in Düsseldorf. Dort war er Mitbegründer der Künstlervereinigung „Malkasten“, dem viele bekannte und renovierte Kunstmaler angehörten. Am 19.10.1871 stellte man ihm ein Diplom für die Mitgliedschaft im KVM (Künstlervereinigung Malkasten) aus.

Ein weiteres Diplom zur Ehrenmitgliedschaft in Düsseldorfer Männer-Gesang-Verein, ausgestellt für H. Schilking 1892, zeugt davon, dass er neben seinem malerischen Talent offensichtlich auch musikalisch veranlagt war.

 

Heinrich Schilking war auf folgenden Ausstellungen des Oldenburger Kunstvereins vertreten:

70. KA, 5.-8-9-1852 mit dem Gemälde „Waldlandschaft“, das vom Kunstverein Hannover angekauft wurde.

72. KA., 14.-16.11.1852 mit einem Landschaftsgemälde.

102. KA., Gemälde mit dem Titel: Betende Fischer auf dem Königssee( Dieses Gemälde wurde vom Kunstverein Hannover zur Verlosung angekauft).

113.KA., 10.-12.7.1859, Waldlandschaft- angekauft vom KV Hannover

128.KA., 18.-21-7.1861, Gemälde Winterlandschaft.

134. KA., 3.-5.7.1862, Gemälde „ Eisgang an der Elbe bei Dessau“( angekauft v. KV Hannover).

145. KA., 3.-5.7.1864, Wintergemälde ( angekauft vom KV Hannover zur Verlosung).

166. KA., 8.-11.1.1869, Zeichnungen- Winterlandschaft im Harz, Zigeunerlager bei Nacht, Fischerhütte bei Wittenberge an der Elbe, Eiche bei Belo in der Mark, diverse Zeichnungen und Studien aus dem Hasbruch und dem Neuenburger Urwald.

180.KA., 26.-28.1.1873, Gemälde – Erinnerungen an die Siegerjahre 1870/71

202. KA., 6.-13.12.1877, Gemälde – Waldlandschaft -.

Jubiläumsausstellung des Großherzog von Oldenburg, 2 Landschaftsgemälde sowie „ Klosterruine von Hude im Schnee (98 cm x 136 cm)sign. Heinr. Schilking 1890.

275. KA., um die Jahreswende 1894/95, Gemälde –Balduinstein-.

24.-27.4.1904 Ausstellung zur Feier des 100jährigen Bestehens der Großherzoglichen Gemäldesammlung zu Oldenburg. Ölgemälde-Strandbild,Helgoland, Hünengrab, Fackelzug vor dem Oldenburger Schloss, Wassermühle,Flusslandschaft, sowie Aquarelle und Tuschezeichnungen.

Heinrich Schilking starb am 3. Oktober 1895 in Oldenburg.

 

Quellenangaben:

Oldenburger Hauskalender von 1936

Oliver Gradel – Kunstausstellungen im Oldenburger Kunstverein, 1843 – 1914, S. 163

José Kastler – Heimatmalerei- Das Beispiel Oldenburg-

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.271

Internetrecherche

Der Volksbote, das Adressbuch aus dem Jahre 1879.

Landschaftsverband Rheinland-Rheinisches Archiv- und Museumsamt-Archivberatungsstelle.

Sabine Schroyen: Bildquellen zur Geschichte des Künstlervereins Malkasten in Düsseldorf, S. 294-296, ISBN 3-933749-82-4

 

Reinhard Schmidt

 

 

Reinhard Schmidt wurde am 4. November  1933 in Norden als Sohn des

Landwirtes und Kaufmannes Rikus Edzard Engbert Schmidt und dessen

Ehefrau Alminia Haukea geborene Geiken geboren. Während der Schulzeit

zeigte er bereits großes Interesse am Zeichnen. Nach mehreren Jahren,

die er im Geschäft seines Vaters mitarbeitete, er hatte einen Sackhandel

und Sackreparaturbetrieb, absolvierte er von 1960 - 1963 ein

Grafikstudium an der Kunsthochschule Bremen. Während seines Studiums

heiratete er Dagmar Thiering. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.

Nach seiner Ausbildung war er bis 1969 in Wesel und Bremen als

Werbegrafiker tätig. Ab 1970 war er als freischaffender Maler tätig;

zunächst in Twistringen, ab 1976 in Greetsiel und dann in Groothusen.

Dort starb er am 29. Juni 1996.

Reinhard Schmidt erhielt Anregungen von Hans Trimborn und Herbert

Dunkel. Ein Kontakt zu den Malern August Leo Thiel und Hermann Schauten,

der ihm ein väterlicher Freund wurde, hatten Einfluss auf seine

Entscheidung, dass er sich für die bildende Kunst entschied.

Themen seiner Arbeit waren die ostfriesischen Küstenlandschaften, die er

in Pastellkreide oder in Ölfarben umsetzte. Im Verlaufe seines

Künstlerlebens entstanden etwa 400 Arbeiten, dazu kommen Ton -  und

Holzskulpturen, Zeichnungen pp, die während seiner Zeit als

Werbegrafiker entstanden.

Reinhard Schmidt nahm an etwa 20 Ausstellungen teil, die in Düsseldorf,

Köln, den Niederlanden und in Ostfriesland ausgerichtet wurden.

 

Quelle:

 

Bildende Kunst in Ostfriesland, herausgegeben vom Landesmuseum

Ostfriesland, S.175-176


 Ruth Schmidt Stockhausen


 


 

 

 


 


 


 


 


 


 

Ruth Schmidt Stockhausen wurde am 4. April 1922 auf der Insel Norderney

geboren. Sie hatte vier weitere Geschwister. Ihr Vater war als

Regierungsbeamter auf Norderney tätig. Ruth Schmidt Stockhausen verlebte

ihre Kindheit auf Norderney. Sie  lernte zu dieser Zeit Hans Trimborn

kennen, der sich zu Ruths Mutter hingezogen fühlte und Kontakte zu der

Familie hielt. Zur Schule ging sie in Wilhelmshaven. Dorthin wurde ihr

Vater versetzt, um die Überwachung eines Befestigungsbaues zu

übernehmen. Nach der Schulzeit ließ sich die Künstlerin zur Werklehrerin

ausbilden. Die Ausbildung schloss sie 1941 in Hildesheim ab. Von April

bis September besuchte sie während des Zweiten Weltkrieges  einen

Sommerakademie ähnlichen Kurs bei Professor H.W. Berger und Professor Kranz.

Dort erhielt sie unter anderem Zeichenunterricht und Vertiefung in der

Aquarellmalerei. In der Folge beschäftigte sie sich intensiv mit dieser

Maltechnik und schuf zahlreiche Werke.

1946 trat sie dem Oberhessischen Künstlerbund bei. Sie nahm  an mehreren

Ausstellungen teil, so in Dillenburg, Gießen, Marburg und Wetzlar. Für

einen Roman fertigte sie die Illustrationen. Nach einem Umzug nach Bonn-

Bad Godesberg trat sie 1954 in den GEDOK Bonn und die Künstlergruppe

Bonn ein. Ab 1956 war sie Dozentin für Werken und Malerei an der

Volkshochschule Bonn. In den Jahren 1955/57 wurden  Werke von ihr in

Bombay, Neu Dehli und Kalkutta gezeigt. Nachdem sie bislang naturgetreu

und naturalistisch gemalt hatte, entstanden 1960 erste abstrakte

Arbeiten. In diesem Jahr heiratete sie den Mediziner Dr. Hans-Dieter

Henschel und zog mit ihm nach Bad Nauheim, wo ihr Mann als Kurarzt eine

Anstellung fand. 1961 kam ein Sohn zur Welt. Gesundheitliche

Einschränkungen durch eine Trombose behinderten sie in der Folge an

ihrer künstlerischen Weiterentwicklung.1970 folgte die Scheidung. Nach

einem Ortswechsel war sie von 1975 bis 1979 Dozentin für freie Malere in

an der damaligen Kunstschule Westend in Frankfurt ( heute Academy of Visual Arts).

1984 kehrte sie nach Ostfriesland zurück und kaufte einen Gulfhof  zwischen

Hage und Dornum in der Cankebeerstraße 97.

2014 erkrankte sie schwer und verstarb schließlich am 22. Dezember 2014

in Dornum.

 

Ruth Schmidt Stockhausens Arbeiten fertigte sie in ÖL, Aquarell,

Tempera, Dispersionsfarbe und Mischtechniken. Collagenähnlich arbeitete

sie mitunter Gips, Sand und weitere  Mineralien unter.

Ein Hauptwerk ist das 1993 geschaffene und auf Ausstellungen in Bremen

und Emden gezeigte Triptychon "Zerstörung, Hunger, Flucht", bestehend

aus Farbe, Steinbrocken, Ziegelstücke, Erde, Sand und Stoff.

 

Quelle:

Bildende Kunst in Ostfriesland, herausgegeben vom Landesmuseum Emden

2011, S.176 u. 177

Prof. Dr. Klaus Hentschel (Stuttgart) - Ruth Schmidt Stockhausen,

Malerei-Grafik-Plastik

http://ruthschmidtstockhausen.de


 

 

Georg Schmidt-Westerstede

 

 


 


 


 


 


 


 


 

Der Maler  Franz Georg Schmidt wurde am 23. April 1921 in Wilhelmshaven als Sohn des Malermeisters Franz Schmidt und dessen Ehefrau Anno geborene Böhm, geboren.

Seine Kindheit und Jugend verlebt Georg Schmidt in Westerstede, wo sein Vater einen Malerbetrieb unterhält. Im Jahre 1935, Georg hatte die Schule beendet, erlernte er das Malerhandwerk und besuchte anschließend die Malerfachschule.

1939 wurde Georg Schmidt zum Kriegsdienst einberufen und nahm als Soldat am zweiten Weltkrieg teil. Er wurde dabei so schwer an einem Bein verwundet, dass dieses amputiert werden musste.

Im Harz lernte er während seiner Rekonvaleszenz  den aus Leipzig stammenden Professor Ollert kennen, der sein zeichnerisches Talent erkannte und ihn daraufhin förderte.

In den Jahren von1946 – 1947 belegte Schmidt zwei Semester Kunststudium an der Nordischen Kunsthochschule in Bremen in der freienMalklasse von Professor Schreiber.

Anschließend zog Schmidt nach Oldenburg um und baute sich auf dem Gelände des Rudervereins ein eigenes Haus.

1947 engagierte sich Georg Schmidt in dem neu gegründeten Bund Bildender Künstler in Oldenburg und zählt dabei zu den Gründungsmitgliedern.

Seit dieser Zeit nahm Schmidt wiederholt an Ausstellungendes BBK teil. Aus Verbundenheit zu seinem Heimatort gab er sich den Künstlernamen Schmidt - Westerstede.

1948 heiratete er die aus Burhave stammende Hanna Bruncken (1921 – 1961).

In den Jahren von 1949 bis 1950 etablierte sich Georg Schmidt als freischaffender Maler und arbeitete seitdem mehrere Jahre lang für die Nordwest-Zeitung und  den „Ammerländer“.

1950 kamen die Zwillingstöchter Dörte und Hille zur Welt.

1951 brachte Schmidt in Zusammenarbeit mit dem Verlag Eberhard Ries eine Grafikmappe mit Reproduktionen nach 12 Federzeichnungen von Georg Schmidt- Westerstede heraus.

1952 übernahm Georg Schmidt die künstlerische Ausgestaltung der Hössenschule in Westerstede mit Wandgemälde . Außerdem steuerte er den Wandschmuck der Volksschule in Tarbarg bei. Zudem übernahm er die Ausmalung des Gastraumes des „ Haus am Meer“ in Bad Zwischenahn.

Im Jahre 1953 lernte er im Rahmen einer Arbeit den Hannoveraner Maler Carl Buchheisrer kennen. Vom 27.3.-9. 4. 1953 unternahm ergemeinsam mit dem Maler und Kunstkritiker Rolf Höfer eine erste Reise nach Paris. In der Zeit vom 3. Oktober bis 14. Oktober folgte eine zweite Reisedorthin mit dem befreundeten Maler Max Hermann. In demselben Jahr stellte ergemeinsam mit Ernst Rufer im Wilhelmshavener Kunstverein aus.

1953 wurde die dritte Tochter  Susann geboren.

1954 gestaltete Schmidt zusammen mit Heinrich Schwarz fünf große Wandgemälde im Treppenhaus des Blocks D des Berufsbildungszentrums in Bremen.

1956 war Schmidt mit drei Gemälden auf der juryfreien Ausstellung des Bundes Bildender Künstler in Hannover vertreten.

1957 wurden Arbeiten von ihm, die auf einer Studienfahrt nach Murmansk entstanden, gemeinsam mit Arbeiten Emil Broses und Alfred Bruns sowie Fritz Köhler in einer Ausstellung des Oldenburger Kunstvereins im Schloss Oldenburg gezeigt. Etwa ein Jahr später zog die Familie in ein neues Haus am Achterdiek.

 

 In den nachfolgenden Jahren bis zum Jahre 1981 gestaltete und erledigte Schmidt -Westerstede eine größere Anzahl weiterer Auftragsarbeiten , unter anderem für den Altarraumder Kirche in Halsbek, einer Giebelwand für ein Mehrfamilienhaus in Brake, ein Glasmosaik für die Eingangshalle der Brigadekommandantur in Oldenburg - Bümmerstede,ein Glasmosaik am Fabrikgebäude der Fa. Müller in Bad Zwischenahn. Weitere Betonreliefs und Glasmosaiken entstanden in den Jahren in Oldenburg, Wilhelmshaven, Wiesenmoor, Metjendorf, Westerstede, Brake, Augustfehn und Cloppenburg.

 

Im Jahre 1961 starb seine Ehefrau Hanni.

In der Zeit vom 16. Dezember 1962 bis 18. Januar 1963 nahm Schmidt -Westerstede an einer Ausstellung des BBK Oldenburg im Schloss Oldenburg mit einigen Gemälden teil.

Erwähnenswert ist eine weitere Zusammenarbeit mit Heinrich Schwarz im Jahre 1968. Beide erhielten den Auftrag für ein Glasmosaik für das Hygieneinstitut von Lomé in Togo. In demselben Jahr nahm Schmidt -Westerstede an einer Ausstellung des BBK in der Haarenstrasse,Oktober 1968, teil.

1969 war der Maler in einer Ausstellung der „ Freie Gruppe“des BBK im Augusteum in Oldenburg mit zwei Entwürfen zu Glasmosaiken vertreten.

 

1980 nahm er an einer Ausstellung Oldenburger Künstler inTaastrup mit Gemälden, Aquarellen und plastischen Arbeiten  teil.

In demselben Jahr verunglückte Schmidt – Westerstede bei einem Verkehrsunfalls im Sommer bei einem Ferienaufenthalt in Schottland und wurde dabei schwer verletzt.

 

Am 12. Januar 1982 schied der Maler in Oldenburg freiwilligaus dem Leben.

 

 

 Quellenangaben:

 

 

Gerhard Wietek- 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, Seite271,ISBN 3-9801191-0-6.


 

Georg Schmidt-Westerstede-Retrospektive,herausgegeben aus Anlass er Ausstellung in der Landessparkasse zu Oldenburg in Westerstede 1998,Isensee-Verlag, ISBN 3-89598-516-3

 

 

 

 

August Schmietenknop

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

Der Zeichner und Kunstdrucker August Schmietenknop wurde am 31. Juli 1897 in Wardenburg geboren.

Nach seiner Schulzeit erlernte Schmietenknop bei der Firma Gerhard Stallung in Oldenburg den Beruf des Buchdruckers.

Seine Lehrzeit wurde dabei durch die Teilnahme als Artillerist im 1. Weltkrieg unterbrochen.

1922 bestand August Schmietenknop die Meisterprüfung . Er machte sich 1924 selbständig und war von 1923 bis 1925 als Lehrer an der Städtischen Gewerbeschule und am Werkhaus in Oldenburg tätig. In dieser Zeit schuf er außer vielen Plakaten, Diplomen für Behörden und Innungen sowie Vereinen auch Familienwappen und Linolschnitte, unter anderem auch die Glückwunschadresse des Oldenburgischen Staatsministeriums zum 80. Geburtstag des damaligen Reichspräsidenten.


 Quellenangaben:

 

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.271

Oldenburger Hauskalender von 1934, S. 47, ein Beitrag von Dr. Fritz Strahlmann

Oldenbuger Hauskalender von 1950, S. 49


Hermine Schmitt



 

Hermine Schmitt ( auch als Schmidt geschrieben) wurde 1873 in Oldenburg geboren. Sie studierte in den Jahren 1901/02 in Berlin und war in Oldenburg um 1907 bis Ende der 20er Jahre tätig. Schmitt war Gründungsmitglied des Oldenburger Kunstvereins, Malerin und Kunstgewerblerin.

Sie war Lehrerin von Bertha Harbers.

 

Quellenangaben Hermine Schmitt

 

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.271

 

Elisabeth Schmitz

 
















Der Name Elisabeth Schmitz ist in dieser Region kaum einem Kunstkenner bekannt. Wohl die wenigsten wissen, dass es sich um eine Oldenburger Kunstmalerin handelte und dass sie eine Schülerin des Oldenburger Malers Richard Wilhelm Kempins war.

 Insofern wird sicherlich auch niemand davon ausgehen, dass diese Künstlerin eine akademische Grundausbildung genossen hat  und viele Jahre in Oldenburg als freischaffende Malerin tätig gewesen ist.

Ein Grund dafür dürfte darin liegen, dass es trotz der vielen Jahre ihres  künstlerischen Schaffens seltsamerweise nur wenige Gemälde oder Zeichnungen von ihr in dieser Region gibt. Dadurch ist sie kaum oder gar nicht  im Bewusstsein der an der bildenden Kunstinteressierten Oldenburger, obwohl ihre Arbeiten durch einen hohen Grad an Qualität und Individualität  überzeugen. Elisabeth Schmitz war eine Vertreterin der “ Neuen Sachlichkeit“. Die  bisher aufgetauchten Gemälde von ihr zeigen Motive aus der Stadt Oldenburg. Sie spiegeln ein Stück lebendig gewordene Stadtgeschichte wider und dürften für Kunstliebhaber heute einen ganz besonderen Reiz haben.

Wann die Malerin ihre künstlerische Tätigkeit eingestellt hat, ist nicht bekannt. Die wenigen bekannten Arbeiten lassen keinen Rückschluss darauf erkennen.

 

 

Die Kunstmalerin Elisabeth Schmitz wurde am 19. September 1910 in der Kleinstadt Großörner im Mansfelder Seekreis, in der damaligen preußischen Provinz Sachsen, als einzige Tochter des Werkmeisters Ewald Schmitz( 1884 – 1974) und dessen Ehefrau Marie geborene Barowski ( 1888 – 1976), geboren. Einen Teil ihrer Kindheit verlebte Elisabeth in Großörner, dann zog die Familie nach Varel um. In Varel besuchte sie die Volksschule. Als sie mit 15 Jahren die Schule verließ, zog sie mit ihren Eltern am 1. August 1925 von Varel nach Oldenburg in die Donnerschweer Straße 30, weil der Vater bei der Bundesbahn eine neue Anstellung als Bundesbahnwerkmeister gefunden hatte. Elisabeth beschäftigte sich zu dieser Zeit bereits intensiv mit dem Skizzieren und Zeichnen von Gegenständen und hatte den Wunsch, Modezeichnerin zu werden.1926 begann sie aus diesem Grunde eine Ausbildung bei der Damenschneidermeisterin Anna Lühr in der Heiligengeiststraße 4, welche unter anderem auch Kostüme für das Oldenburger Theater anfertigte oder änderte. Nach einer dreijährigen Ausbildung, die Elisabeth erfolgreich abschloss, entwarf sie bis 1939 Modezeichnungen und betätigte sich in der Donnerschwer Straße zudem als Damenschneiderin.

Offenbar füllte dieser Beruf sie nicht vollständig aus, denn sie entschloss sich, Kunstmalerin zu werden.

In dem Zeitraum von 1939 bis 1942  bewarb sie sich mit einigen ihrer Arbeiten bei der Kunsthochschule in Bremen und wurde dort angenommen, studierte dort eine zeitlang und bewarb sich dann an der Akademie für Bildende Künste in München. Aufgrund der hereingereichten Zeichnungen wurde sie auch dort angenommen. Von 1942 bis 1943 belegte sie an der Akademie ein Wintersemester. Elisabeth plante, eine fundierte Ausbildung an der Akademie zu erhalten. Die Ereignisse, die im Frühjahr des Jahres 1943 in München auf sie einstürzten, machten ihre Planungen jedoch zunichte.

 

(Am 18. Februar 1943 verteilten  die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die zu der Widerstandsgruppe Weiße Rose gehörten, an der Universität München Flugblätter gegen den Nationalsozialismus.

Sie wurden daraufhin von der Gestapo festgenommen und bereits am 22. Februar 1943 hingerichtet).

 

 Elisabeth fürchtete plötzlich, dass sie das gleiche Schicksal ereilen könnte wenn herauskam, dass sich  ihr Vater Ewald im fernen Oldenburg  dem Kommunismus

verschrieben hatte, aus seiner politischen Gesinnung keinen Hehl machte und diese auch noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit in der Öffentlichkeit vertrat.

 

Sie kehrte aus diesem Grunde München den Rücken und zog es vor, wieder bei den Eltern zu wohnen. Um dennoch ihrem gesteckten Ziel einer ausgebildeten Kunstmalerin näher zu kommen, wandte sie sich an den Kunstmaler Richard Wilhelm Kempin (1885-1951), der in der Cloppenburger Straße Zeichen – und Malunterricht gab. Über mehrere Monate hinweg nahm sie bei ihm regelmäßig  Unterricht. Einige der aus zehn bis zwölf Personen bestehenden Schülerinnen - und Schülergruppe nannten sie liebevoll Liesel. Auch fiel vielen der Lernenden auf, dass Elisabeth bereits viel weiter war als die meisten anderen aus ihrer Gruppe.

 

Im Jahre 1945 wurde Elisabeth Schmitz zum Kriegsdienst verpflichtet. Sie arbeitete zunächst als technische Zeichnerin in der Überlandzentrale in Wiesmoor und anschließend bei der Energieversorgung Weser-Ems-AG in Oldenburg. Nach Ende des Krieges bis zum Jahre 1957 bestritt sie als freischaffende Malerin und Grafikerin ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihrer Bilder. Die ledig gebliebene Künstlerin lebte dabei nach wie vorbei ihren Eltern.

Der Verkauf ihrer Arbeiten lief schleppend, sodass sie hin und wieder Aufträge für Schneiderarbeiten an nahm.

 

In demselben Jahr bewarb sie sich bei der Stadt Oldenburgund fand zunächst eine Anstellung als ärztliche Aushilfssekretärin bei dem damaligen Amt für Krankenanstalten. Nach einigen Jahren wurde sie dort alsVerwaltungsangestellte dauerhaft übernommen.

Die Malerin, die Mitglied im Oldenburger Bund bildender Künstler war, nahm unter anderem 1960 in Oldenburg an der Niedersächsischen Kunstausstellung der im BBK zusammengeschlossenen Künstlergruppen teil. In dieser Gruppe befanden sich unter anderem auch bekannte Künstler wie Emma Ritter und Georg Schmidt–Westerstede.

 

Am 14.6.1963 zog Elisabeth Schmitz mit ihren Eltern von der Donnerschweer Straße zum Ahlkenweg 45, wo sie gemeinsam ein Haus gebaut hatten.

1972 starb ihr Vater Ewald, zwei Jahre später erkrankte ihre Mutter Marie, sodass Elisabeth Schmitz vorzeitig aus ihrem Beruf ausschied, um die Pflege für sie zu übernehmen. 1976 starb auch die Mutter.

Elisabeth wohnte bis zum Jahre 1991 im Ahlkenweg, dann begab sie sich  in ein Altenheim, in welchem sie am 4. März 1998 starb.

Sie wurde neben ihren Eltern auf dem Städtischen Friedhof an der Sandkruger Straße beerdigt.


 

Das Gemälde entstand 1952.Wenn jemand Angaben über den Verbleib des Bildes machen kann, bitte melden.

 


Quellenangaben:

 

    
1. Mehrere persönliche Gespräche mit noch lebenden Verwandten der verstorbenen Malerin, die ihre Erinnerungen an die Malerin wiedergaben.

     

2.Archivunterlagen der AOK Oldenburg über die Malerin, Vers.-Nr.9169525670.3.Weblink:http://wikipedia.org/wiki/Geschwister_Scholl über die Geschwister Scholl.

     

4.Akademie der Bildenden Künste München, Frau Dr. Birgit Jooss , Faxmitteilung, dass Elisabeth Schmitz an der Akademie München studiert hat.

     

5. Stadt Mansfeld – Kopie der Geburtsurkunde Elisabeth Schmitz.
6. Stadt Oldenburg- Personalbogen von Elisabeth Schmitz mit Lebenslauf.

     

7. Stenografen-Vereinigung Oldenburg – Bescheinigung über die absolvierten Lehrgänge inKurzschrift und Maschineschreiben vom 10.2.1955.

     

8. Zeugnis der Energieversorgung Weser-Ems, Betriebsabteilung Oldenburg Nr. 4 a über ElisabethSchmitz, datiert vom 5.Oktober 1945.

     

9. Amt für Krankenanstalten, Personalamt Az.: 1130 über die bisherige Tätigkeit Elisabeth Schmitz,datiert vom 6.9.1974

     

10. Ausstellungskatalog des BBK – Niedersächsische Kunstausstellung Oldenburg 1960 vom 2.7.-31.7.1960 in Neuen Gymnasium, Oldenburg, Alexanderstraße, Katalognr. 373.

     

11. Stadt Oldenburg, Az. 3047 46-1 Meldekartei G Nr. 641/Sch. Feststellung darüber, dass ElisabethSchmitz in Varel ansässig war.

     

12. Stadt Varel –Meldeamt. Schriftliche Mitteilung, dass Elisabeth Schmitz dort in keinemMelderegister verzeichnet ist.

     

13. BBK Oldenburg. Schriftliche Mitteilung, dass Elisabeth Schmitz von 1948 bis 1968 Mitglied im BBKOldenburg war. 


 Heino Schöne


 

 

Heino Schöne wurde am 1.10.1935 in Oldenburg geboren. Nachdem Besuch der Volksschule in Oldenburg - Eversten machte er von 1951 bis 1954 eine Ausbildung im Malerhandwerk. Seit 1958 arbeitete Schöne bei der Oldenburgischen Industrie - und Handelskammer. Seit dieser Zeit wandte er sich verstärkt der Malerei zu und belegte Kurse bei dem Oldenburger Kunstmaler und  Professor für Bildende Kunst und Kunstpädagogik, Reinhard Pfennig sowie dem Kunstmaler und Kunstkritiker Heinz Liers. Schwerpunktmäßig malte Heino Schöne Landschaften und Stillleben.

 

Seit 1977 war er immer wieder an Ausstellungen beteiligt. Der Autodidakt  schuf viele Landschaftsgemälde in Spachteltechnik., die spontan und unmittelbar in der Natur entstanden. Dabei kam es ihm nicht auf die genaue Wiedergabe des Motives an. Heino Schöne ging es  vielmehr um eine Verdichtung der besonderen Atmosphäre der Heide, der Wälder und des Huntetales.

 

Der Maler starb am 29.1.2005 in Oldenburg.

 

 Quellenangaben:

 

Oldenburger Hauskalender von 2006, Seite 90


 


 

Hermann Schomerus

 

 

 

 

Der Maler Hermann Schomerus wurde am 20. Februar 1910 in Oldenburg als eines von insgesamt vier Kindern des Malermeisters Carl Schomerus und dessen Ehefrau Helene geborene Bokelmann  geboren. Hermann Schomerus wuchs im Ehnernviertel auf, die Familie wohnte zu dieser Zeit in der Lambertistraße 61. Nach dem Besuch der Grund-und Mittelschule, welche sich beide in der näheren Umgebung seines Elternhauses befanden, erlernte Hermann ab 1925 bei seinem Vater das Malerhandwerk mit dem Schwerpunkt  Plakat - und Schildermalerei. Das zeichnerische Talent dafür war ihm in die Wiege gelegt worden. Die Berufsausbildung war in der Hauptsache auf die Reklame-Plakat-und Schildermalerei ausgerichtet. Mit der erfolgreich bestandenen Meisterprüfung schloss Hermann Schomerus die Lehre bei seinem Vater einige Jahre später ab.

 

1930, ein Jahr nach dem Tode der Mutter Helene, brach Hermann Schoners, er war gerade 20 Jahre alt, mit seinem Fahrrad in Richtung Südeuropa auf. Die mehrere Monate dauernde Reise führte ihn nach Frankreich und Italien, weil er dort Land und Leute kennenlernen und die Schönheiten der Landschaft auf Papier einfangen wollte. Vor allem während seines Italienaufenthalts entstanden viele Zeichnungen, Skizzen und Aquarelle, die jedoch in den nachfolgenden Jahrzehnten fast alle verloren gingen.

 

 

Einige Zeit nach seiner Rückkehr , der Vater hatte sich nachdem Tode der Ehefrau Helene zwischenzeitlich neu gebunden, zog die Familie Mitte der dreißiger Jahre von der Lambertistraße zur Nadorster Straße 157. Hermann Schomerus arbeitete zunächst weiter in dem väterlichen Betrieb.

 Als der 2.Weltkrieg ausbrach, wurde auch er zum Wehrdienst eingezogen und einer Fernmeldeeinheit zugeteilt. Aufgrund einer schweren Erkrankung erklärte man ihn einige Zeit später jedoch für andauernd dienstuntauglich und entließ ihn aus dem Militärdienst, so dass er wieder nach Oldenburg zurückkehren konnte.

Um die eigenen zeichnerischen und malerischen Fähigkeiten ausbilden zu lassen, nahm Hermann Unterricht bei dem anerkannten und bekannten Oldenburger Maler Wilhelm Kempin (1885-1951), der in der Cloppenburger Straße Zeichen-und Malunterricht erteilte.

In der Zeit von 1944 bis 1946 nahm Schomerus jeweils einmalig der Woche mit zehn bis zwölf anderen Schülerinnen und Schülern an diesem Unterricht teil und erlernte dort unter anderem die Öl- und Aquarellmalerei. Wenn Wilhelm Kempin einmal verhindert war, gestaltete die mit ihm befreundete Malerin Marga von Garrel den Unterricht anstelle Kempins. In den Sommermonaten fuhr die Schülergruppe auf Fahrrädern mit ihren Malutensilien häufig in die Tingelnder Marsch, um dort unter freiem Himmel zu zeichnen oder zu skizzieren.

 

Wie intensiv der Einfluss von Kempin zu dieser Zeit auf Hermann Schomerus war, zeigt das 1946 von ihm gemalte Bild“ Mummeln in der Vase“. Nicht nur eindeutige Ansätze der Neuen Sachlichkeit, der Stilrichtung der sich auch Kempin häufig zuwandte, sondern auch die von Kempin immer wieder in seinen Arbeiten als Thema verarbeiteten „ Mummeln“, einer Teichrosenart, sind in dem Gemälde von Schomerus  zu erkennen.

 

Unter den Kempinschülerinnen befand sich unter anderem neben der bereits ausgebildeten Malerin Elisabeth Schmitz ( 1910 – 1998), die ihre Technik, weiter verfeinern wollte, auch Charlotte Mayer, eine kleine, zierliche  lernbegierige Person, die Hermann Schomerus sofort auffiel. Nach der Ausbildung bei Kempin trennten sich zwar zunächst ihre Wege, einige Zeit später jedoch kamen sie wieder in Kontakt miteinander, als sich beide an der Volkshochschule Oldenburg für einzweijähriges Kunstgeschichtsstudium anmeldeten.

 

Zusätzlich zu diesem Studium schlossen sich beide der Malgruppe des Kunsterziehers Heinz Liers (1905 – 1985) und des Grafikers Kurt Philipsenan, die Öl-und Aquarellmalerei mit dem Schwerpunkt Porträt- und Figurenmalerei unterrichteten. Über vier Jahre lang ließen sie sich von den beiden Künstlern unterrichten.  Das mittlerweile ineinander verliebte Paar heiratete 1949. Hermann Schomerus zog zu Charlotte Mayer-Schomerus, wie diese nun hieß, in das Haus Markt 22 in der Oldenburger Innenstadt und richtete sich auf dem Bodenraum des Hauses  ein Atelier ein. Dort betätigte er sich als selbstständiger Grafiker,

Reklame-Plakat-und Schildermaler, während sich seine Frau Charlotte der Malerei widmete. In jeder freien Minute machte sich das Paar gemeinsam  auf den Weg in die Umgebung, um vor Ort zu malen oder zu zeichnen. In ihrem Urlaub zog es beide immer wieder nach Italien, dem Land, an dessen Schönheit sich Hermann Schomerus aufgrund seiner damaligen Fahrradtour immer wieder gerne erinnerte und das er lieb gewonnen  hatte.

 

Hermann Schomerus trat bereits früh in den Oldenburger Kunstverein ein, ebenso in den Bund Bildender Künstler und war dort lange Jahre Mitglied in der „ Freie Gruppe“, die von Emil Brose geleitet wurde. Eine engere Beziehung und Freundschaft entstand in dieser Zeit zu dem Maler und Grafiker Ernst Walter Mütze.

Hermann Schomerus nahm in der Zeit vom 6.10. – 27.10.1957 an einer Gemeinschaftsausstellung des BBK Oldenburg im Oldenburger Schloss mit einem Ölgemälde

mit dem Titel „Venedig“, teil, ebenso an der Weihnachtsausstellung des BBK Oldenburg, Freie Gruppe, am 28.11.1955 des Oldenburger Kunstvereins in den Räumen des Landesmuseum. Eine weitere Ausstellungsbeteiligung folgte am 30.5.1956 des BBK. Es handelte sich um eine Juryfreie Ausstellung für Nordwestdeutschland in Hannover. Am 4.1.1956 beteiligte sich Schomerus an der BBK-Ausstellung in den Theatervorräumen im Großen Haus und im Schloss. Am 21.12.1962 folgte eine Ausstellung des BBK-Freie Gruppe-  in den Räumen des Oldenburger Kunstvereins im Alten Schloss.

 

In den sechziger Jahren hatte Hermann Schomerus bereits einen eigenen naturalistisch geprägten Malstil entwickelt, der einen Rückschluss auf eine frühere Ausbildung bei Wilhelm Kempin nicht mehr erkennen ließ.

Sonnenbeschienene Bauernhöfe und Anwesen aus Erzhorn und Ohmstede, gemalt in zarten pastosen Farben, waren beliebte Themen seiner Arbeiten und  standen im Widerspruch zum zeitweiligen schwermütigen Gemütszustand des Malers, zumal der talentierte introvertierte Maler immer wieder unter auftretenden Depressionen litt.

1962 zerbrach die Ehe mit Charlotte Mayer-Schomerus. In der Folgezeit lernte der Maler Anne Spielerin kennen, die er 1964 heiratete. Nachdem die Familie, seine Frau hatte ein Kind mit in die Ehe gebracht, einige Zeit in der Cloppenburger Straße wohnhaft gewesen war, zog sie in die Brüderstraße 32, von wo aus der Maler seinem Beruf weiter nachging.

Die Erkrankung machte sich mittlerweile immer stärker bemerkbar.

Am 1. Juni 1971 besiegelte sich sein Schicksal. Der Kunstmaler schied an diesem Tage freiwillig aus dem Leben.

Hermann Schomerus wurde auf dem Alten Osternburger Friedhof  beigesetzt.

 

 

 Quellenangaben:

 

1. Alle Informationen über den Maler Hermann Schoners stammen von Angehörigen des Künstlers.

2. Ausstellungskatalog über die  Weihnachtsausstellung des BBK-Freie Gruppe- im Oldenburger Schloss vom 6.10. – 27.10.1957.

3. NWZ Nr. 276 vom 28.11.1955, Artikel mit der Überschrift:Weihnachtsausstellung der „Freien Gruppe“ in den Räumen des OldenburgerKunstvereins im Landesmuseum.

4. NWZ Nr. 124 vom 30.5.1956 Artikel mit der Überschrift: Oldenburger Künstler stellen ins Hannover aus- Die juryfreie Ausstellung  des Bundes Bildender Künstler in Nordwestdeutschland.

5. Artikel vom 4.1.1956. Überschrift: Graphik und Plastik Oldenburger Künstler-Ausstellung in den Theatervorräumen im Großen Haus und im Schloss.

6. Ausstellungskatalog über die Ausstellung des BBK-Freie Gruppe- in den Räumen des Oldenburger Kunstvereins im Alten  Schloss am 21.12.1962.

7. Gerhard Wiebke -200 Jahre Malerei im Oldenburger Land-Seite 272, herausgegeben von der Landessparkasse zu Oldenburg aus Anlass des 200jährigen Jubiläums, ISBN 3-9801191-0-6.

 

Karl Schröder

 

Der Maler Karl Schröder wurde  am 9. Januar 1907 in Mühlheim/ Baden als Sohn eines Reichsbahnbeamten, geboren. Nach der Schulzeit, Schröder schloss das Gymnasium mit dem Abitur ab, begab er sich 1926 an die Kunstakademie Karlsruhe und studierte dort bei Professor Georg Scholz ( 1890 – 1945 ).

Gegen Ende der 20er Jahre wechselte Karl Schröder an die Hochschule für bildende Künste in Berlin. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Veronika Caspar kennen. Beide belegten dort Zeichenkurse bei Professor Peter Fischer.

1930 reiste Schröder ein erstes Mal nach Paris, 1932 ein zweites Mal. Er traf sich dort mit Veronika Caspar. Beide Künstler intensivierten ihre Auseinandersetzung mit der modernen französischen Malerei.

Noch vor 1933 kehrte Karl Schröder als Meisterschüler von Professor Hermann Giebel ( 1885 – 1945 ) an die Kunstakademie Karlsruhe zurück. 1934 verließ er die Akademie, als die NS-Kulturbürokraten alle Lehrenden und Studierenden aus der Akademie drängten, die ihrer kulturpolitischen Linie entgegen traten.

Karl Schröder zog in die kleine Stadt  Durlach und hielt sich dort mit Gelegenheitsarbeiten finanziell über Wasser. 

Im Januar 1940 wurde Schröder zum Kriegsdienst eingezogen. 1941 nahm er am Russlandfeldzug teil. 1945 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und konnte während eines Gefangenentransportes in die englische Kriegsgefangenschaft wechseln. Noch im selben Jahr wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er kam anschließend nach Oldenburg zu Veronika Stein – Caspar, die seit 1932 mit dem ersten Nachkriegsvorsitzenden des Oldenburger Kunstvereins, Dr. Werner Stein (1898 – 1981), verheiratet war.

Oldenburg wurde Schröder zur zweiten Heimat.

Der damalige Direktor des Landesmuseum Oldenburg, Dr. Walter Müller - Wulckow        (1886 – 1964) bot Schröder an, im Oldenburger Schloss Zeichenunterricht zu erteilen.

Da Schröder sich als Kunsterzieher und Zeichenlehrer sehr bald profilierte, vermittelte ihm Dr. Müller – Wulckow 1953 eine feste Anstellung an der Leibfrauenschule in Oldenburg, die damals noch eine reine Mädchenschule geführt wurde. Dort arbeitete Schröder bis zum  Jahre 1975 als Kunstpädagoge und schied dann aus dem Schuldienst aus.

1950 stellten Karl Schröder und Veronika Stein – Caspar gemeinsam im Oldenburger Kunstverein aus.

Nachdem sich Veronika Stein – Caspar in Freundschaft von ihrem Ehemann Dr. Werner Stein getrennt hatte, heiratete sie Karl Schröder im Jahre 1954.

Das Künstlerehepaar bezog am Marschweg, heute Matthias –Claudius – Straße, ein Atelierhaus.

Bis 1977 beschickte Karl Schröder keine Ausstellungen mehr und arbeitete stattdessen in größter Zurückgezogenheit. Dabei präsentierte er seine Arbeiten nur ungern und selten interessierten Besuchern.

1977 richtete das Stadtmuseum Oldenburg eine Einzelausstellung des Malers aus.

Es folgte 1979 eine Gemeinschaftsausstellung des Künstlerehepaars in der Handburg in Leer.

1987 folgte eine Einzelausstellung im Stadtmuseum Oldenburg.

1995 folgte eine Gemeinschaftsausstellung des Ehepaares in der Galerie Klostermühle in Hude.

Am 3. Oktober 1996 starb der Maler. Er wurde anonym auf dem Waldfriedhof in Oldenburg - Ofenerdiek bestattet.

 Mehr als sechs Jahrzehnte lang  komponierte Karl Schröder Stillleben in meditativer Auseinandersetzung mit wenigen Gegenständen wie Flaschen, Wassergläsern und anderen Gegenständen in immer neuen Farbnuancen.


 

 Quellenangaben:

 

Karl Schröder, 1907 – 1996 – Ein Leben für die Kunst –

Veröffentlichungen der Oldenburgischen Landschaft, Band 2

ISBN 3-89598-441-8, 1997, Isensee Verlag Oldenburg


 

 

Paul Schütte

 

Der Maler Paul Schütte wurde am 20. April 1901 in Oldenburg geboren. Der Maler Hugo Zieger war es, der Paul Schütte inspirierte, selbst Maler zu werden. Von 1919 bis 1920 besuchte Paul Schütte die Kunstakademie in Düsseldorf und von 1920 bis 1921 die Akademie in München, wo er Schüler von Professor Hermann Gröber     ( 1865 – 1935) wurde.

Es schloss sich in der Folgezeit ein Studium an der Akademie in Berlin an.

Paul Schütte kehrte nach Oldenburg zurück und widmete sich hier der Stillleben – und Porträtmalerei .

Er unternahm Reisen innerhalb Deutschlands und nach Holland, außerdem hielt er sich eine längere Zeit in Detroit im Bundesstaat Michigan auf.

In Oldenburg lebte Paul Schütte 1929 in der damaligen Haareneschstraße 29, 1951  bis 1961/62in der Charlottenstraße 5.

Mehrere seiner Arbeiten sind im Besitz des Stadtmuseums Oldenburg.

 

Paul Schütte verstarb im Jahre 1968.

 

 

 

 


 

Quellenangaben:

 

1.     OldenburgischerHauskalender von 1934

2.     Adressbucher Stadt Oldenburg von 1929

3.     Adressbucher Stadt Oldenburg von 1951

4.     Adressbuchder Stadt Oldenburg von 1961/62

5.     Katalog zur Kunstausstellung Gaukulturtage Weser-Ems aus dem Jahre 1944

6.      Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei imOldenburger Land, ISBN 3-9801191-0-6

7.     Mitgliederverzeichnis des Oldenburger Kunstvereins aus dem Jahre 1953


 

Hans Schuster


 


 Johann Schuster, genannt Hans Schuster, wurde am 22. November1900 als Sohn des

Kirchenmalers Christof Schuster und dessen Ehefrau Sofia in Ansbach/ Mittelfranken geboren. Schon früh zeichnete sich ab, dass sein Vater ihm sein künstlerisches Talent vererbt hatte. Hans Schuster besuchte zunächst die heimische Volkshauptschule. Nach der Schulzeit besuchte er die Berufsfortbildungsschule und erlernte  zunächst das Monteurhandwerk. In seiner Freizeit beschäftigte sich Hans Schuster intensiv mit der Malerei.

In Ansbach lernte er seine zukünftige  Frau Minna Kiefer (1899-1945) kennen. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, meldete sich Schuster, er war gerade erst 18 Jahre alt, als Soldat zum Kriegseinsatz. Von 1914- 918  war er  Soldat an verschiedenen Kriegsfronten eingesetzt, unter anderem im Baltikum und in Oberschlesien. Hin und wieder kehrte er während dieser Zeit in seine Heimatstadt zurück. Im April 1919 wurde sein Sohn Herbert geboren, mit Minna Kiefer wurde er 1921 getraut. Im Februar 1922 erblickte seine Tochter Erika das Licht der  Welt. Hans Schuster kehrte im selben Jahr nach Ansbach zurück und blieb dort zunächst.

In den 20er Jahren reiste er nach Breslau und studierte  eine Zeitlang an der dortigen Kunstakademie. Während seines Aufenthaltes in der Stadt lernte er einige Bühnenbildner des Breslauer Theaters kennen und nutzte diese Bekanntschaft, um mit ihnen gemeinsame Projekte zu verwirklichen. Sein künstlerisches Talent und die damit verbundenen  Fähigkeiten waren in dessen Kreisen gerne gesehen.

Umgekehrt konnte Schuster auf diese Weise weitere Erfahrungen sammeln. Nach seiner erneuten Rückkehr nach Ansbach zeichnete er für die regionale  Fränkische Zeitung  Karikaturen zu tagespolitischen Themen und widmete sich weiter der freien Malerei.

 

Als 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach, wurde Hans Schuster einberufen und musste deshalb abermals seine Familie verlassen. Von 1939 bis1945 diente er bei der Kriegsmarine unter anderem als Kriegsberichterstatter auf einem U-Boot. Fast zwangsläufig verschlug es ihn dabei nach Nordwestdeutschland, genauer gesagt nach Wilhelmshaven und Varel. Bei Fronteinsätzen wurde er mehrfach schwer verwundet. Eine solche Verwundung war der Durchschuss seines rechten Armes. Durch diese Verletzung büßte Hans Schuster die  Beweglichkeit  des Armes ein, so dass er zunächst nicht weiter malen konnte.In den folgenden Monaten trainierte er seine linke Hand hartnäckig und schulte so zum Linkshänder um. Jetzt erst konnte er die Hand wieder für die Malerei gebrauchen.

Gegen Kriegsende (17.3.1945) hielt sich Schuster im Bereich Oldenburg herum auf. An diesem Tage erreichte ihn die telegrafische Nachricht, dass bei einem Fliegerangriff seine Frau Minna, die Kinder Herbert und Erika sowie sein Schwiegervater in Ansbach  ums Leben gekommen waren. Bei dem Bombentreffer auf sein Wohnhaus verbrannten auch  seine sämtlichen im Hause gelagerten Arbeiten. Schuster  reiste zwar nach Ansbach, kehrte kurz darauf jedoch wieder nach Nordwestdeutschland zurück

.

In Varel lernte er die Postangestellte Erna Georg kennen, die er 1946 heiratete und mit der er anschließend nach Oldenburg in die Kastanienallee 1 zog. Die Ehe blieb kinderlos und wurde um 1950 herumgeschieden.

 

Einige  Zeitspäter lernte er die Krankenschwester Elisabeth Paulus (1916-1989) auf einem Treffen des  Bayernvereins, dem beide angehörten, kennen und heiratete sie 1951. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor. Von der Kastanienallee 1 aus zogen Schusters in die Bümmersteder Straße 145, die später in Sandkruger Straße umbenannt wurde.

 Hans Schuster widmete sich in den nachfolgenden Jahren weiterhin der Malerei. Bereits früh schloss er sich dem Oldenburger „ Bund Bildender Künstler“ an und war an zahlreichen Ausstellungen des BBK  vertreten.1953  schloss er  sich dem BBK  „Freie Gruppe“ unter Emil Brose an und bildete mit Ewald Westholm und Karl Nagel eine Arbeitsgemeinschaft.

Mitglieder in der „Freie Gruppe“ waren unter anderem Hermann Holst, Otto Planck, Gerd Themen, Emil Wolff, Alfred Bruns und Ingeborg  Schwanke-Harding, um nur einige wenige zu nennen.

 

Hans Schuster malte seine Bilder nie in der freien Natur. Vielmehr prägte er sich die Motive seiner Landschaftsgemälde ein und malte sie dann aus der Phantasie heraus. Meistens kniete er dabei auf der Erde im Wohnzimmer, die Hartfaserplatte oder die Leinwand vor sich, mit dem Daumen, dem Pinsel oder dem Palettmesser die Farbe auftragend. Hans  Schuster malte auf Bildträgern, die ihm geeignet erschienen. Zahlreiche Bilder entstanden deshalb auf Packpapier, Raufasertapete, grundiertem Putzlappen, Hartfaserplatten oder Leinwand.

Die schrecklichen Kriegserlebnisse rissen Hans Schuster häufig nachts aus dem Schlaf. Er stand dann spontan auf und begann zu malen. Seinen bedrückenden persönlichen Erlebnissen gab er ein Gesicht, indem er Karikaturen von Personen malte, farblich überzeichnet, schwermütig, bedrohlich. Fast alle diese Arbeiten befinden sich in privater Hand.

Hervorragend sind einige seiner Blumenstillleben. Der Stadt-und Kulturausschuss der Stadt Oldenburg kaufte 1963 zum Beispiel von ihm das Ölgemälde „Anemonen“ für das Trauzimmer des Standesamtes.

Die letzte Ausstellung Hans Schusters führte ihn nach Bad Zwischenahn, wo er im Juli 1966 gemeinsam mit Karl Nagel und Ewald Westholm in der Wandelhalle seine Arbeiten einem größeren Publikum präsentierte.

Im Rahmen der Ausstellungseröffnung erklärte er unter anderem zur Bedeutung seiner Arbeiten:

 „ Ich sehe die Natur und Menschen nicht so wie sie scheinen, sondern wie sie sind.

Es ist der Versuch durch Dinge hindurch bis zu ihrem Grund vorzudringen“.

 

Der Maler Johann Schuster starb im selben Jahr am 23. November 1966 in Oldenburg. Er  wurde auf dem Städtischen Friedhof an der Sandkrüger Straße bestattet.

Die Grabstätte wurde mittlerweile eingeebnet.

 


 

 Quellenangaben:

 

1. Viele Information zu dem Maler Johann Schuster erhielt ich in persönlichen Gesprächen mit Angehörigen des Künstlers.

2. Kopie aus dem Bundesarchiv – Stammrolle des Johann Schuster R 1/14 sowie SA-Führer- Fragebogen vom 1. November 1934

3. Auszug aus dem Ausstellungskatalog: Winterausstellung des BBK Oldenburg , Heiligengeistwall 14 (Nationalhaus), 9.-30. Dezember 1962.

4. Auszug aus dem Ausstellungskatalog der Niedersächsischen Kunstausstellung des BBK im Neuen Gymnasium Oldenburg vom 2.Juli.-31.Juli.1960.

5. Preisliste der BBK-Winterausstellung 1959/60, ohne Hinweis auf Ausstellungsort  mit Preisen und Titel der Werke verschiedener Künstler.

6.  Zeitungsartikel über den Maler Hans Schuster, ohne Datum und Hinweis auf Zeitung, Der Artikels mit H.L. signiert (vermutlich Heinz Liers).

7.  Telegramm 093, abgesandt aus Ansbach am 17.3. um 07.41 Uhr, entgegengenommen vom Amt Oldenburg an Hans Schuster mit der Nachricht: Frau Erika Herbert und Schwiegervater bei Fliegerangriff schwer verunglückt Bombenschaden - sofort kommen-Kraft bestätigt Standesamt-


 Dr. Heinrich Schwarz

    

   

               

Der Maler und Bildhauer Heinrich Schwarz wurde am 19. Dezember 1903 in Berlin als eines von fünf Kindern des gleichnamigen Architekten Heinrich Schwarz und dessen Ehefrau Ottilie geborene Markmann geboren.

     

Heinrich wuchs am Kurfürstendamm in Berlin als auch in Pritzerbe bei Brandenburg an der Havel, dort wo sein Großvater eine Schneidemühle und Ziegeleien betrieb, auf. Diese Idylle auf dem Lande betrachtete er als seine eigentliche Heimat, zumal er sich dort mit ansehen Kindern nach Lust und Laune austoben konnte.

     

Im Kindesalter malte und zeichnete Heinrich viel und konnte mit Bunt- und Zeichenstiften geschickt umgehen.

     

Sowohl in der Grundschule als auch in der weiterführenden Schule war er zunächst jedoch ein unauffälliger und durchschnittlicher Schüler, für den das Spielen in der Freizeit im Vordergrund stand. In der Pubertät, Heinrich Schwarz war etwa 16 Jahre alt, vollzog sich in ihm jedoch eine Wandlung. Während er ein paar Monate zuvor noch andere Neigungen als das Lernen hatte, interessierte er sich in der Schule plötzlich brennend für Deutsch, Literatur, Geschichte und Biologie. Seine Merkfähigkeit war dabei erstaunlich. Gedichte, nur einmal gelesen, konnte er anschließend auswendig aufsagen. Er beschäftigte sich nun auch intensiv mit der Malerei und schuf Gemälde von erstaunlich guter Qualität.

     

Sein Vater erkannte sein Talent jedoch zunächst nicht.

    

Als 1920 in Berlin die Jahresausstellung der „Juryfreien“ bevor stand, begab sich der Senior zu dem Professor Hermann Sandkuhl(1872-1936), der für die Auswahl der Arbeitender Ausstellung verantwortlich war.

     

Der Vater wollte seinen Sohn von der Malerei abbringen, indem er den Professor bat, ihn zu Hause zu besuchen und die Bilder seines Sohnes zu begutachten. Er hoffte, dass Hermann Sandkühl ein vernichtendes Urteil über dessen Arbeiten abgibt und sein Sohn daraufhin die Malerei aufgibt. Anzumerken ist, dass seinerzeit jeder Einwohner Arbeiten für die Ausstellung einreichen konnte. Heinrich Schwarz senior vertrat die Ansicht, dass es in der Familie noch nie einen Künstler gegeben hat und mit Malerei kein Geld zuverdienen sei.

     

Als Professor Sandkühl kurz darauf zu Besuch kam und sich die Arbeiten des jungen Heinrich vorlegen ließ, verwirklichte sich die Hoffnung des Vaters jedoch nicht. Statt einer Ablehnung suchte der Professor sieben Arbeiten des 17jährigen heraus und teilte ihm mit, diese Gemälde in die Ausstellung nehmen zu wollen. Überrascht und gleichermaßen Stolz über dieses Urteil, zeigte sich der Vater nunmehr großzügig bei der Bewilligung von Geldfür Pinsel, Farben und Papier. Im selben Jahr hatte der junge Obersekundaner des Gymnasiums und Autodidakt Gelegenheit, seine sieben Gemälde auf der Juryfreien Kunstausstellung in Berlin im gleichen Raum mit den berühmten Malern Louis Corinth und Max Lieberman auszustellen. Für den jungen Mann war es der erste und ein vielbeachteter Auftritt in der Öffentlichkeit.1

Nachdem Heinrich Schwarz am 20.9.1922 die städtische Leibnitz-Oberrealschule in Charlottenburg mit der Erlangung des Abiturs verlassen hatte, begann er zunächst ein Kunststudium an der Staatlichen Kunstschule Berlin unter dem Expressionisten Georg Tappert (1880-1957).

     

Obwohl er in Georg Tappert einen hervorragenden Lehrmeister fand, behagte ihm derBetrieb dort nicht. Mit ausschlaggebend dafür war wohl auch, dass er über den Stoff, derin der Eingangsklasse vermittelt wurde, bereits weit hinweg war. Schwarz beendete dasKunststudium nach knapp einem Jahr, weil neben den für ihn untragbaren Bedingungenan der Kunstschule noch der Wunsch seines Vaters allgegenwärtig war, dass er ein Jurastudium absolvieren sollte. Das Motto des Vaters war: „Besser du hast keine Zeit alskein Geld zum Malen“. Nicht die Malerei, sondern ein Studium der Rechte würde ihm, so der Ratschlag des Vaters, später die nötige finanzielle Sicherheit bringen.2

     

Am 26.4.1923 begann Heinrich Schwarz mit dem Jurastudium in Jena und wurde imCorps Saxonia aktiv.3 Während des Studiums nahm er Kontakt zu dem Künstler CharlesCrodel auf, durch den er künstlerische Anregungen erhielt. Außerdem nahm er Unterrichtbei einem Stubenmaler in Lichtenhain in der Nähe von Jena. Dieser machte ihn mit demUmgang von Leim- und Kalkfarben vertraut. Dieses Wissen benötigte er, um Wände fürihre Bemalung vorzubereiten. Schwarz interessierte sich für diese Technik, weil in ihm dieIdee gereift war, einmal monumentale Wandgestaltungen zu kreieren, um dadurch eigeneKunst in die Öffentlichkeit transportieren zu können und vor allem haltbar zu machen. ZweiJahre verbrachte er als Student in Jena. Er setzte es anschließend in Göttingen fort.Während der Studienzeit blieb Schwarz seiner Heimatstadt in künstlerischer Hinsicht engverbunden.

     

1924 wurde er im jungen Alter von 21 Jahren in Berlin in den Vorstand der „Juryfreien“gewählt und arbeitete dort mit den Malern Otto Dix, Wassily Kandinsky, Georg Kolbe,Oskar Schlemmer, Gerhard Marks und Karl Schmidt- Rottluff zusammen. Aber auch LovisCorinth und Max Liebermann stellten mit ihm ihre Bilder aus.4

     

Ab 1926 hielt sich Heinrich Schwarz wieder in Berlin auf, weil er dort sein Referendariatabsolvierte.

     

Ab dem 5.8.1926 war er in Berlin-Spandau im Rahmen seines Studiums als Referendarbeim dortigen Amtsgericht tätig. In dieser Zeit hatte er Gelegenheit, seine Arbeiten inBerlin in den Galerien Nierendorf und Wilczek auszustellen. Diese Ausstellungstätigkeiterstreckte sich auf die Jahre 1926 bis 1930.

     

1927 begann er mit seiner Doktorarbeit und trat im selben Jahr in den DeutschenKünstlerbund ein, der unter anderem von Lovis Corinth und Max Liebermann in Weimargegründet worden war. Als Heinrich Schwarz 1929 eine sechsmonatige Ausbildung bei Dr.Menzel in Berlin hinter sich gebracht hatte, wurde er ein Jahr später zum Gerichtsassessorernannt und legte die Große Staatsprüfung ab. Es folgte die Bestellung zum Hilfsrichterbeim Amtsgericht in Wittenberge. Diese Tätigkeit übte er bis zum 31.12.1930 aus.

     

Am 2. Februar 1931 heiratete Heinrich Schwarz seine erste Frau Otti Markmann. EinenMonat nach der Heirat erhielt er das Doktor-Diplom. Ab dem 15. Juni 1931 war Schwarzberuflich als Hilfsrichter beim Landgericht III in Berlin eingesetzt. Finanziell abgesichertbegannen die Eheleute Schwarz mit der Familiengründung. In den Jahren 1932, 1934 und1938, erblickten drei Kinder das Licht der Welt.

    

 Die Jahre 1934 bis 1948

     

Am 1. Oktober 1934 wurde Heinrich Schwarz in das Reichs-und Preußische Ministeriumfür Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung mit Sitz in Berlin abberufen. DasReichsministerium wurde inoffiziell auch Reichswissenschaftsministerium oderReichserziehungsministerium genannt, existierte von 1934 bis 1945 unter demReichsminister Bernhard Rust und diente den Bemühungen Adolf Hitlers, die Schulen desDeutschen Reiches grundlegend im Sinne des Nationalsozialismus umzustrukturieren.

     

Schwarz wurde zunächst im Amt für Volksbildung eingesetzt und 1935 zum Regierungsratbefördert.Im selben Jahr trat er in den Bund Nationalistischer Deutscher Juristen ein. Abdem 1. April 1937 fungierte er als Vorsitzender des Künstlerischen Prüfungsamtes.

     

Am 27. Juli 1937 wurde er als Kunstreferent ebenso wie Museumsdirektor Dr. von Oppenund Ministerialdirektor Dr. von Staa von ihren Dienstgeschäften entbunden. DieHintergründe für diese Maßnahme dürften darin gelegen haben, dass sich Schwarz für die„entarteten“ Expressionisten eingesetzt hatte.

     

Eine ausführliche Schilderung über die Hintergründe und damit zusammenhängendenEreignisse, die unter anderem auch zur Entlassung von Heinrich Schwarz führten, würdeden Rahmen seiner Biografie sprengen. Eine umfassende Beschreibung findet sich jedochin dem Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz 1970, Band VIII, herausgegeben im Auftragedes Stiftungsrates vom Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hans GeorgWormit.

     

Fest steht auch, dass ihm unterstellt wurde, Mitglied im „Bund Deutsche Schlaraffia e.V.“zu sein. (Die Schlaraffia ist eine am 10. Oktober 1859 in Prag gegründete, weltweitedeutschsprachige Vereinigung zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor. Das Wort„Schlaraffe“ soll vom mittelhochdeutschen Wort „Slur-Affe“ abgeleitet sein, was damals soviel hieß wie „sorgloser Genießer“.) Er legte einen Diensteid ab, in dem er eineMitgliedschaft in diesem Bund bestritt. Am 16. Oktober 1937 wurde Heinrich Schwarzseiner Aufgaben entbunden und mit sofortiger Wirkung der Wissenschaftsabteilungzugewiesen.

     

Am 9.11.1937 trat er in die SS ein (Die Schutzstaffel der NSDAP (Abkürzung SS) wurde inder Weimarer Republik am 4. April 1925 als Sonderorganisation der NSDAP zunächstzum persönlichen Schutz Adolf Hitlers gegründet).

     

1938 misslang der Versuch des Künstlers, eigene Arbeiten ausstellen zu dürfen.Auch die Ausführung eines Wandteppichentwurfes für das Luftfahrtministerium wurdeabgelehnt.

     

Mit Wirkung vom 28.3.1938 wurde Schwarz als sogenannter Staffelmann in dieSchutzstaffel aufgenommen. Er legte im selben Jahr den Vorsitz des KünstlerischenPrüfungsamtes nieder und war nunmehr für Kirchenangelegenheiten zuständig. ImSeptember desselben Jahres wurde er zum Scharführer beim Stab des Rassen- undSiedlungsamtes befördert. (Das „Rasseamt der SS“ wurde bereits Ende Dezember 1931gegründet und war zuständig für Rassenuntersuchungen und Ehegenehmigungen fürAngehörige der SS. Später wurde es als „Rasse- und Siedlungsamt“ bezeichnet und abJanuar 1935 als SS- Hauptamt geführt).

    

Schon zwei Monate später wurde er zum Oberregierungsrat befördert und war an der staatlichen Hochschule für Musik für Disziplinarsachen einschließlich Gnadenerweise zuständig. Am 28.8.1939 wurde er zu einer militärischen Übung in die Wehrmacht eingestellt, im Dezember zum Unteroffizier befördert. Er nahm anschließend an demPolenfeldzug sowie an einem Fronteinsatz am Westwall in Frankreich teil.

     

Am 17.6.1940 wurde Schwarz auf „Anordnung des Führers“ mit sofortiger Wirkung zumReichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete abgeordnet.

     

Am 31.7.1940 wurde er aus der Wehrmacht entlassen und trat am 1.10.1940 in dieNSDAP ein. Am 20.4.1941 wurde er zum SS Obersturmführer befördert. Drei Monatespäter wurden ihm die Tätigkeiten „Deutsches Schulwesen, niederländisches Schul- undHochschulwesen, Kirchenangelegenheiten sowie Jugendfürsorge“ übertragen. In dieserFunktion hatte er die Verantwortung und den Auftrag, in den Niederlanden dieVerbindungen zwischen religiösen Belangen und dem öffentlichen Schulwesen zutrennen.

     

Dieses Anliegen war besonders schwierig und in der holländischen Bevölkerungunverständlich, da im Gegensatz zu Deutschland die Verbindung zwischen Kirche undöffentlichem Schulwesen in Holland seid eh und je Tradition und Selbstverständlichkeitwar.

     

Am 22.5.1942 wurde Heinrich Schwarz zum Ministerialrat befördert, sechs Monate späterzum SS-Sturmbannführer. Schwarz geriet nach dem Einmarsch der Alliierten kurz vorEnde des 2. Weltkrieges in den Niederlanden in amerikanische Kriegsgefangenschaft.Von Holland aus kam er in ein Kriegsgefangenenlager nach Rotenburg/Wümme undanschließend in ein Internierungslager nach Fallingbostel. Dort erkrankte er schwer an derLungenkrankheit Tuberkulose, Daraufhin wurde er in ein in der Nähe befindlichesKrankenhaus verlegt, weil man mit seinem baldigen Tode rechnete.

     

In dieser Zeit erreichte ihn die Nachricht, dass seine erste Frau am letzten Kriegstag beieinen Beschuss getötet wurde. Der gesundheitliche Zustand von Heinrich Schwarzstabilisierte sich wider Erwarten nach einigen Wochen, sodass man ihn nachWildeshausen in die auf diese Krankheit spezialisierte Großherzogin-Elisabeth-Heilstätteverlegte.

     

Nach weiteren Fortschritten wurde er viele Monate später zu einerRehabilitationsmaßnahme nach Totdmoos, im Schwarzwald geschickt. Dort lernte er seinezweite Frau, Annemarie Bünger, kennen. Gemeinsam beschlossen sie, sich inWildeshausen niederzulassen. Mit den Kindern bezogen sie zunächst eine Dachwohnung.Dort lebte die Familie für die nächste Zeit in bescheidensten Verhältnissen.

     

Am 15. Juni 1948 stellte Heinrich Schwarz einen Antrag auf Entnazifizierung beimLandkreis Oldenburg. Die Entnazifizierung war eine Zielsetzung und einMaßnahmenbündel der Vier Mächte nach ihrem Sieg über das nationalsozialistischeDeutschland, die ab Juli 1945 umgesetzt wurden. Nach dem Potsdamer Abkommensollten die deutsche und österreichische Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie,Jurisdiktion und Politik von allen Einflüssen des Nationalsozialismus befreit werden. Diessollte im Zusammenhang einer umfassenden Demokratisierung und Entmilitarisierunggeschehen. Die betroffenen Personen wurden in fünf Kategorien eingeteilt:

    

         

1.Hauptschuldige (Kriegsverbrecher)

    

2.Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer)


 

3.Minderbelastete

     

4.Mitläufer


 

5.Entlastete

           

Am 21. Oktober 1948 wurde nach ausgiebiger Prüfung derEntnazifizierungs-Hauptbeschluss des Landkreises Oldenburg mit dem Ergebnisrechtskräftig, dass Heinrich Schwarz der Kategorie 5 zuzuordnen und damit entlastet ist.

     

In diesem Verfahren wurden unter anderem sieben Entlastungszeugen gehört. Unterihnen befand sich der Professor A.L. de Block, Kanzleichef der Ersten Kammer derGeneralstaaten und außerordentlicher Professor an der katholisch-ökonomischenHochschule in Tilburg/Niederlande. Von ihm wurde eine beglaubigte Abschrift vorgelegtdie beinhaltet, dass Heinrich Schwarz in seiner Funktion als Obersturmbannführer inHolland bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gegangen ist, um den Belangen derHolländer Rechnung zu tragen und nicht noch größere Beschwernisse durch die deutscheBesatzung zu erzeugen.

     

Heinrich Schwarz konnte wegen der gesundheitlichen Einschränkungen, die durch dieTuberkulose verursacht worden war, keinen Beruf mehr ausüben. Er wurde deswegen1948 in den Ruhestand versetzt. Seine einstimmige Wahl zum Professor an der BerlinerKunsthochschule konnte er wegen dieser Erkrankung nicht befolgen.

     

Der Neubeginn

     

Heinrich Schwarz hatte neben dem Tod seiner ersten Frau Otti auch den Verlust vielerseiner vor und während des Krieges entstandenen Werke zu beklagen. Obwohl er sich immer wieder mit den Folgen der Lungenerkrankung auseinandersetzen musste,explodierte der Künstler förmlich in seinem kreativem Schaffensprozess, weil er sich, freigeworden von den seelischen Belastungen der Vergangenheit, ausschließlich der Kunst widmen konnte.

Der Bildhauer Heinrich Schwarz

In ersten Ausstellungen nach dem Kriege in den Jahren 1948 und 1949, zeigte er unteranderem in Wilhelmshaven und Todtmoos Aquarelle, Ölgemälde und Kleinplastiken. In jenem Jahr wurde er Vorstandsmitglied des BBK Nordwestdeutschlands und des BBKOldenburg.

     

1950, dem Jahr der Heirat mit Annemarie Bünger, stellte er etwa 100 Bilder, Zeichnungenund Entwürfe für Wandbilder in der Kunsthalle Bremen aus. Dabei war auch der Entwurffür ein Wandbild für das Landeskrankenhauses Wehnen bei Oldenburg.
Die finanzielle Lage verbesserte sich im Verlaufe der Jahre insoweit, dass HeinrichSchwarz in der Lage war, ein kleines Häuschen mit Atelier in Wildeshausen in der StraßeAm Zuschlagsweg zu kaufen.

     

Am 15.9.1951 war er neben Adolf Niesmann Mitbegründer der „Junge Gruppe“ innerhalbdes BBK Oldenburg und dem „ Neues Forum Böttcherstraße“ Bremen. In den 50er Jahrengehörte er in Berlin außerdem der Künstlervereinigung „Der Ring“ an und nahm als derenMitglied an der Großen Berliner Kunstausstellung 1955 und 1957, ausgerichtet vom13.Mai bis 11.September 1955, bzw. 20.4.- 19.5.195 in den Ausstellungshallen amFunkturm, teil.

     

Es folgte die Teilnahme an der Großen Berliner Kunstausstellung 1959, ausgerichtet vom24.4.-24.5.1959.

     

Schon 1954 konnte er auf eine zweite große Einzelausstellung in der Bremer Kunsthalle verweisen.

     

In den folgenden Jahren bekam er mehrere Arbeitsaufträge unter anderem überWettbewerbserfolge für Wandgestaltungen.

     

So kann man noch heute Betonreliefs und Wandgemälde von ihm in Brake, Bookholzberg,Bremen, Bremerhaven, Clausthal-Zellerfeld Cloppenburg, Delmenhorst, Eschershausen,Göttigen, Großenkneten, Groß-Ippener, Hannover, Hildesheim,Jever, Lüneburg,Mannheim, Oldenburg, Rodenkirchen, Schillig, Schwanewede, Soltau, Syke, Uelzen,Varel, Vechta, Verden, Wildeshausen, Wilhelmshaven, Wittingen, Zeven und BadZwischenahn, bewundern.

     

Aber auch international machte sich Schwarz einen Namen. Deshalb findet man seine

Arbeiten auch in Valencia/ Spanien, Lagos/ Nigeria, Lome ́, Ankara/Türkei und AddisAbeba/Äthiopien. Mehrere seiner Werke sind heute unter anderem im Besitz von Museenoder im öffentlichem Besitz der Städte Oldenburg, Berlin, Hamburg, Bonn und Bremen bzw. Schleswig.

     

In den folgenden Jahren nahm Heinrich Schwarz auch immer wieder an Ausstellungendes BBK teil, unter anderem vom 2.10. – 30.10.1955 , BBK-Freie Gruppe- sowie vom 6.-27.10.1957 im Goslaer Museum mit dem Titel: „Oldenburger Künstler“.

     

1958 zog Heinrich Schwarz von Wildeshausen mit seiner Frau Annemarie in ein von ihmentworfenes Haus mit Atelier nach Steinkimmen bei Delmenhorst, um sich in den spezielldafür hergerichteten Räumlichkeiten noch besser künstlerisch entfalten zu können. In derZeit vom 6.5. bis 6.6.1960 nahm er abermals an der Großen Berliner Kunstausstellungteil.

     

Weitere Ausstellungsbeteiligungen innerhalb des BBK und dem Oldenburger Kunstvereinfolgten. So war er 1964 im Oldenburger Kunstverein ebenso vertreten wie 1967 auf der1. Herbstausstellung des BBK im Oldenburger Schloss.

     

Als Schwarz am 19. Dezember 1968 seinen 65. Geburtstag feierte, konnte er auf fast zweiJahrzehnte als zweiter Vorsitzender des Landesverbandes des BBK und Mitglied derNiedersächsischen Sezession, der „Junge Gruppe Oldenburg“, zurückblicken.

     

Aber auch bei Einzelausstellungen in der ganzen Republik glänzte der Maler mit seinen

     

Landschafts-, Tier- und Menschenbildern. In der Bearbeitung der Werkstoffe entwickelteder Künstler eine besondere, ihn auszeichnende Fertigkeit. Metallkompositionen,bestehend aus geätztem Zink, Kupfer, Bronze, Messing, zum Teil collagenhaftzusammengeklebt und mit Uhu überzogen, lieferten die Werkstoffe, die er innuancenreiche Grau-,Schwarz- und Rostgold-Töne steigerte und ins Dekorativeverfremdete. Ebenso verschaffte er sich einen hohen Bekanntheitsgrad durch seinegroßformatigen Beton- und Glasmosaikarbeiten. Es entstanden auf diese WeiseKunstwerke von unverwechselbarer Art und Güte.

    

Im April des Jahre 1970 wurde auf dem neu gestalteten Pferdemarkt in Oldenburg eine von der Firma Hecker gestiftete und von Dr. Heinrich Schwarz entworfene 25 Tonnenschwere und 4,50 m hohe Betonpferdeplastik aufgestellt. Die Skulptur fand in derBevölkerung seinerzeit ein unterschiedliches Echo. Heute ist diese Skulptur aus demStadtbild nicht mehr wegzudenken, obwohl sie den ursprünglichen Platz durch notwendig gewordene Baumaßnamen verlassen musste und an anderer Stelle auf dem Pferdemarkt einen neuen Standort fand. Obwohl die Firma Hecker den Auftrag für das Kunstwerk Dr.Heinrich Schwarz erteilte, löste sie dennoch innerhalb des Berufsverbandes einige kontroverse Diskussionen unter den Künstlern aus, die letztendlich zum Ärgernis allerBeteiligten wurden.

     

Heinrich Schwarz, der sich wegen des ihm erteilten Auftrages durch die Firma Hecker massiv angegriffen fühlte, sprach in diesem Zusammenhang von Neid. Der Maler Karl Schwoon nahm in der Diskussion eine klare Position für Heinrich Schwarz ein. Auf derAusstellung des BBK„ Junge Gruppe“ Oldenburg im Dezember 1970, erreichte dieAuseinandersetzung schließlich ihren Höhepunkt. Heinrich Schwarz und der mit ihm befreundete Karl Schwoon, beide Mitglied der „ Junge Gruppe“, wurden nicht von einer im Dezember geplanten Ausstellung informiert und nahmen daher nicht an dieserAusstellung teil.

     

Heinrich Schwarz mutmaßte, dass er und Karl Schwoon, der eine abweichende Meinungeines Oldenburger Kunstrezensenten zu der von Schwarz gestalteten Betonpferdeplastiköffentlich vertrat, durch den Ausschluss an der Ausstellung abgestraft werden sollten. Ervermutete einen Komplott und verteilte deshalb bei der Ausstellungseröffnung einFlugblatt unter den Besuchern, in welchem er seine Ansichten formulierte.

     

Hier der Wortlaut des Flugblattes:

    

   

     

              

Einen Augenblick bitte:

    

   

            

Von dem Vorhaben dieser Ausstellung sind einige Mitglieder der jungen Gruppeabsichtlich nicht verständigt und infolgedessen auch nicht ausgestellt worden. Zu ihnengehören Karl Schwoon und ich selbst. Der ehrliche Alfred Bruns hat uns auch den Grundgesagt. Wörtlich: „ Den Ausschlag gab die Pferdemarktsache!“ Was mich betrifft, so ist dasnicht schlimm. Zwar: Wenn man mich künstlerisch für so altersschwach hält, hier hätteman es im Vergleich mal beweisen können. Es ist nicht schlimm; denn seit eh und jewerde ich von ein paar Oldenburger Kollegen heimlich und offen verfolgt, ich bin das alsogewöhnt und habe nie mit gleicher Münze heimgezahlt. Ich hätte auch diesmal wiedergeschwiegen. Aber Karl Schwoon ist hier ausgeschlossen worden. Schwoon ist ja nichtnur ein angesehener Maler, sondern als selbstloser Helfer aller Künstler, als Inhaber derGalerie Schwoon, als Mitbegründer des BBK und der „Jungen Gruppe“ aus demKulturleben Oldenburgs in den schweren Jahren nach dem Krieg nicht wegzudenken.Hätte man ihn gefragt, ob er zu Gunsten von Kollegen auf die Beteiligung an dieserAusstellung verzichten würde, er hätte vermutlich- genau wie ich – sofort zugestimmt.Aber er ist, dazu noch zur Feier seiner Rückkehr aus Hamburg nach Oldenburg, heimlichausgeschlossen worden. Warum? Weil er seine von Jürgen Weichardt abweichendeAnsicht über meine Pferdeplastik geäußert und die Veröffentlichung seines Leserbriefesschließlich erreicht hat. Wenn ungestraft seine Meinung zu sagen, ausschließlich einemkleinen Kreis vorbehalten sein soll, wenn vorgeschrieben wird, was man gut, was manschlecht zu finden hat, wenn ausgestellt nur der wird, der sich dem fügt, dann muss ichaus meinem Schweigen heraustreten und auf eine Manipulation hinweisen, die demkulturellen Niveau Oldenburgs einfach nicht zuzumuten ist, Man sollte sich davondistanzieren. Ich danke Ihnen

     

gez. Heinrich Schwarz.

     

Aufgrund dieses Flugblattes erschien am 14. Dezember in der Zeitung unter derÜberschrift: Polemik bei der BBK-Ausstellung – Schwelende Krise offen zutage getreten –Flugblatt von Heinrich Schwarz - .

     

In diesem Artikel wurde dargestellt, dass Alfred Bruns die Nichteinladung der Künstlerdamit begründet habe, dass künstlerische Gründe hierfür ausschlaggebend gewesen seinsollen; zudem hätten sonst andere Künstler ihre Teilnahme abgesagt, da Schwarz einigen„Neid“ wegen der Pferdemarktplastik unterstellt habe. Schwoon habe keine Einladungerhalten, weil nach Meinung des Organisationsteams seine Bilder den gestelltenAnsprüchen nicht genügten. Zudem seien die Plastiken von Schwarz nicht inordnungsgemäß durchgeführten Wettbewerben der Öffentlichkeit zugänglich gemachtworden, so der Verfasser des Artikels.

     

Die Situation unter den Künstlern beruhigte sich danach wieder.

    

   

     

Im Mai 1973, kurz vor Vollendung seines 70sten Lebensjahres, ehrte das OldenburgerStadtmuseum Heinrich Schwarz mit einer Einzelausstellung.
Bis zum Jahre 1977 nahm der Künstler an einer Anzahl weiterer Ausstellungen teil.Erwähnenswert ist dabei eine weitere Ausstellung im Oldenburger Stadtmuseum, die inder Zeit vom 2.12.1975 – 11.1.1976 ausgerichtet wurde, und eine Ausstellungsbeteiligunginnerhalb des BBK Oldenburg und Ostfriesland im Hause Dahlmannstrasse 18 in Bonn inder Vertretung des Landes Niedersachsen im Bund im Oktober des Jahres.

     

Anlässlich seines 60sten Geburtstages erschien 1964 ein Buch mit dem Titel „HeinrichSchwarz – Arbeiten 1953 – 1964“; ein weiteres Buch mit dem Titel: „Heinrich Schwarz“folgte 1973 zu seinem 70sten Geburtstag.

     

Am 9. November 1977 starb Heinrich Schwarz in seinem Haus in Steinkimmen. Der Malerund Bildhauer fand seine letzte Ruhe aus dem Friedhof in Ganderkesee.

       

     

Heinrich Schwarz schuf im Verlaufe seines Lebens als Künstler unter anderem über 3000Kunstwerke, die in einem Werkverzeichnis dokumentiert sind. Er hat er an einer Vielzahlbedeutender Ausstellungen teilgenommen und sich dadurch bundesweit bekanntgemacht. Seine Bedeutung als Künstler wird auch dadurch zum Ausdruck gebracht, dasser in den bedeutenden Nachschlagewerken “ Dresslers Kunsthandbuch“,„ Vollmer“ und„Thieme/ Becker“ zu finden ist. Mit seinem Tod verlor die Kunstszene einen äußerstkreativen und modern ausgerichteten Künstler, der in der Region zahlreiche Spurenhinterlassen hat.

     

Heinrich Schwarz hatte vor allem in jüngeren Jahren mit vielen Künstlerinnen undKünstlern Kontakt. Es gab viele belanglose Gespräche und Treffen, aber auch solcheBegebenheiten mit Künstlern, die für immer in seiner Erinnerung haften blieben.

     

Heinrich Schwarz hielt diese besonderen Erlebnisse, die ihn teilweise prägten, schriftlichfest.

     

Es handelt sich dabei um Erlebnisse mit dem Dichter und Dramatiker Arno Holz(1863-1929), den Malern Lovis Corinth(1858-1925), der Zeichnerin und Grafikerin KätheKollwitz (1867-1945),dem Maler Willy Jaekel(1888-1944) und dem Schauspieler HeinrichGeorge(1893-1946).

     

Seine Schilderungen, der er die Überschrift:
Begegnungen mit großen Ostdeutschen
gab, sind in der Anlage seiner Lebensgeschichte nachzulesen. 


 

 

Begegnungen mit großen Ostdeutschen:

Mancherlei Menschen großen menschlichen Ranges lernte ich kennen, und nicht lange

brauche ich in meinen Erinnerungen zu kramen, wenn ich über die Begegnungen mit

einigen großen Deutschen des Ostens erzählen soll.

Da ist zunächst Arno Holz, der große Anreger und Feuerkopf. Als ich ihn kennen lernte,

war freilich das Feuer schon im Verlöschen. Ein Leberleiden hatte den Tod vorgezeichnet,

hatten die Gesichtshaut gelb und schlaff gemacht und Maßhalten in allen Dingen diktiert.

Aber die Tummelplätze des Lebens suchte er dennoch auf. Ich war, ein blutjunger Maler

mit ersten Erfolgen, an seinen Tisch auf dem Filmball in Berlin lanciert worden. Er war

freundlich und leise, und fesselte mich mit seinem Gespräch mehr als der Trubel des

Festes, der zu den einzelnen Tänzen auch unseren Tisch oft fast leer machte.

Dabei tat sich auch ein junger Schriftsteller hervor; glatt, elegant, ein Charmeur, der sich

für unwiderstehlich hielt. Als er gerade mal wieder eine der jungen Damen unseres

Tisches zum Tanz entführt hatte, sagte – in Bezug auf ihn – Arno Holz zu mir:

“Merkwürdig, dass sich die Armut immer so aufplustern muss“.

Ich begriff wohl, dass hier geistige Armut gemeint war, verstand aber den sonstigen Sinn

der Worte nur halb und erwiderte leichthin:“ Gott, vielleicht kann er nichts dafür“. Ich wollte

damit sagen, dass man ihn halt verbrauchen musste wie er ist. Arno Holz aber ließ sich

durch derlei Redensarten nicht vom tiefen Sinn seines Gedankens ablenken. „Freilich“,

sagte er, “kann er dafür! Unverschuldete Armut trägt man wie eine Krone, verschuldete

aber wie ein Pojatz. Und geistige Armut ist immer verschuldet!“

Arno Holz wird nicht einmal geahnt haben, wie stark er mit diesen paar Worten in mein

Leben eingegriffen hat. Ich habe ihn nie wieder gesehen, und er ist bald danach

gestorben. Mir aber blieb er lebendig und sein Satz: “Unverschuldetete Armut trägt man

wie eine Krone, geistige Armut aber ist immer verschuldet und macht einen zum Pojatz“,

ist mir tief eingebrannt. Er half mir in diesen Jahren, über 20 Jahre später, dabei zu

lächeln, wenn sich verschuldete Armut aufplusterte, und den eigenen Kopf schlicht zu

tragen, so als sei er unsichtbar gekrönt.

Lehrte mich Arno Holz, der Dichter, den Kopf hoch zu tragen, so sorgte sein

ostpreußischer Landsmann, der Maler Lovis Corinth dafür, dass ich ihn nicht zu hoch trug.

Ich war mit zwei Bildern erstmalig in die Ausstellung der Berliner Sezession aufgenommen

worden, und war sehr stolz darauf.

Mit einem Freunde hatte ich mich eines Mittags in dieser Ausstellung verabredet, war

etwas zu zeitig da und fand in den sonst um diese Zeit völlig leeren Räumen ausgerechnet

vor meinen Bildern zwei mir unbekannte ältere Herren. Der eine von ihnen, recht klapprig

und auf einen Stock gestützt, lobte meine Sachen über den grünen Klee.

Daran, wie er sich dabei ausdrückte:“Sehen Sie, das bisschen Rot balanciert die ganze

Geschichte“, oder: „ schön, wie die Farbe fließt, nichts Klebriges, nichts Gequältes“,

merkte ich, dass der Mann selbst Maler oder so etwas sein musste. Ich ging also, stolz

geschwellt, auf die Herren los:“ Ist schön, dass Ihnen die Bilder gefallen. Gestatten Sie,

dass ich mich bekannt mache, ich bin der Maler“.

„Na, da haben wir ja was schönes angerichtet, König,“ sagte der Klapprige zu seinem

Begleiter.

Und zu mir: “Ihr jungen Herren seid sowieso immer schon größenwahnsinnig, wenn Euch

aus Versehen mal was geglückt ist“. Doch dann auf mein über diese kalte Dusche recht

bestürztes Gesicht eingehend: “Ich heiße Corinth, und so schlimm ist es nicht gemeint“.

Ja, es war Corinth, der große, verehrte, für uns Jungen in unerreichbarer Höhe schaffende

und ringende Corinth; geradeweg, streng und unnachsichtig in der Kunst, und gutmütig

den Menschen gegenüber. Ich habe dann noch viel von ihm gelernt.

Als ich Käthe Kollwitz kennen lernte, war ich schon älter. Sie wurde von zahlreichen

Stellen und Männern des Dritten Reiches bekämpft und beschimpft, und ich hatte ihr, der

graphischen Meisterin des sozialen Gewissens, wenigstens ein Atelier zuschustern

können, damit sie ohne Raum-und Heizsorgen ihr Altersschaffen vollenden konnte.

Wir standen in diesem Atelier: Sie, klein, schlicht, weißhaarig, schon wieder in die Erde

zurück wachsend, bedankte sich bei mir dafür.

Ich wehrte beschämt ab, es sei, dessen war ich mir quälend bewusst, viel zu wenig, und

ich wollte nur hoffen, dass sie in diesen Räumen wenigstens die Zeit bis zur wieder

gebührenden Anerkennung überbrücken möge.

Da sah sie mich von unten mit so traurigem Blick an, dass ich ihn nie vergesse: “Ach, Herr

Doktor, das ist ja das Schlimmste: Es strömt nun nicht mehr“. Ich verstand: Es strömte ihr

nicht mehr zu die Kraft, aus der der menschliche Geist – Verkörperung meiner

Vorstellungen- Sehnsüchte, Hoffnung schöpft. Die Kraft war ihr plötzlich versiegt.

Aber war es nicht eine überragende Leistung an sich, eine ganze geistige Welt, das

Eingeständnis des verwundeten Alterns in so wenige schlichte Worte zu fassen? Mir blieb

es wie eine ihrer erschütternden Zeichnungen ein dauerndes Erlebnis. Und darum erzähle

ich es hier.

Willy Jaeckel, der Schlesier, Maler des Waldes, der Dünen und der Frauen hatte,

gutherzig und liebenswürdig wie er war, seine große künstlerische Krise. Er dachte, das

schlesisch Zwielichtige zu verlieren, den Zauber, der zwischen Traum und Wirklichkeit

geistert, und ganz zum eleganten Damenmaler zu werden.

In dieser Zeit flotter Atelierfeste – es war Jaekels Geburtstag und wieder mal ein fröhlicher

Mordsbetrieb in seinen Räumen – stand ich auf dem Balkon und atmete nach dem Wein -

und Tabakgeruch gierig die Nachtluft hoch über den Bäumen des Kurfürstendammes ein.

Ich wollte nun gehen.

Am nächsten Tag begannen ein paar Urlaubstage, und ich wollte ganz früh aufs Land in

meine Heimat fahren. Das erzählte ich Jaekel, der still und freundlich wie immer, zu mir

trat. Da fasste er plötzlich, wie gehetzt, meinen Arm: “Nehmen Sie mich mit, Schwarz! Ich

muss hier raus. Frische Luft, Wald, Wasser, Himmel, ich muss hier raus“.

Ach, war das schön!

Er, der Freund, hatte es also richtig erkannt: Dann war der Wandel zum Großen nicht weit!

Jaekel fuhr am nächsten Tag nicht mit aufs Land.

Er kam viel zu spät ins Bett und verschlief die Zeit. Aber der Wandel begann in der Tat,

nicht plötzlich, nicht gewaltsam ( alle Gewalt war Jaekel fremd); vielleicht auch nicht mit

ganz genügender Kraft (war sie zu sehr verbraucht?). Aber er fand zurück und hat uns,

ehe sein zärtliches gütiges Herz im Trümmerschutt des Luftkrieges erstickt wurde, noch

manches bedeutendes Werk geschenkt.

Der dicke Heinrich George wird vielen aus diesem oder jenem Film bekannt sein. Was mir,

als ich ihn kennen lernte, außer seiner großen künstlerischen Leistung als Schauspieler,

so gefiel, war, dass er treu und verlässlich an seiner pommerschen Heimat hing, und aus

ihr viele schöne und besinnliche Geschichten zu erzählen pflegte.

Freilich, im Verkehr hatte er auch seine Mucken. So duldete er zum Beispiel nicht, dass

jemand an seinem Tisch Zigaretten rauchte. Zigarren und Pfeife ja, aber keine Zigaretten;

mochte das sonstige Lokal auch zum Schneiden mit Zigarettenqualm erfüllt sein.

Ungemütlich wurde er auch, wenn jemand seine schauspielerische Leistung nicht voll

würdigte, etwas dazwischen redete, wenn er sich Mühe gab, im Gespräch alle

Anwesenden zu fesseln.

Er war halt mit Leib und Seele Schauspieler, und die Anwesenden mit seinem Spiel,

seinen Worten, seinen Gebärden zu fesseln, war ihm ein dauerndes Bedürfnis.

Während des Krieges trafen wir uns einmal in Holland. Er hatte am Vorabend wohl den

Richter von Zalamea gespielt oder einer Filmpremiere beigewohnt, und nun wollten wir

den Sonntagvormittag mit einer kleinen Strandwanderung füllen und anschließend

gemeinsam zu Mittag essen. Aus der Strandwanderung wurde nichts, weil George, als ich

ihn im Hotel abholen wollte, noch längst nicht fertig war, vielmehr wie ein Berg von Fleisch

und Fett erst vor dem Rasierspiegel stand.

Dann musste er frühstücken und dann war er von holländischen Filmleuten zum Essen in

ein bekanntes Schlemmerlokal eingeladen worden; aber er hatte gleich gesagt, dass wir

beide zum Essen verabredet seien, und so hatte man mich also in die Einladung

einbezogen.

Und nun mussten wir wohl bald los . Bei Tisch hatten wir ja dann Gelegenheit zu einem

ruhigen Gedankenaustausch.

Aber auch beim Mittagessen kamen wir nicht dazu. Denn kaum, dass die Gäste an den

anderen Tischen des kleinen Luxus-Restaurants George erkannt hatten – denn er war in

Holland fast ebenso bekannt wie Deutschland – kaum, dass er merkte, dass man über ihn

tuschelte und sich gegenseitig auf ihn aufmerksam machte, fühlte er sich auf der Bühne

und spielte den Leuten eine Sauf - und Fressszene vor, dass ihm das Maul schäumte.

Die Kellner mussten die Gerichte nochmals reichen, er schmatzte und schnaufte vor

Fresswohlbehagen. “Hach“ rief er „das schmeckt göttlich! Dazu sollten wir Rheinwein

trinken. Der Mosel ist zu leicht, ja, Rheinwein....“ und es folgte, während die

beflissentlichen Kellner tatsächlich Rheinwein brachten, eine Hymne auf den Rhein.

Dann zitierte er, während der nächste Gang serviert wurde, in dem dann unser dicker

Freund auch mit Behagen herum spachtelte, die Falstaff'sche Lobrede auf den Sekt und,

als nun wirklich auch dieser noch gebracht wurde, schlurfte er ihn so genießerisch hinein,

dass auch der nüchternste Zuschauer merken musste, wie gut er schmeckte. Der

Versuch, ihn abzulenken und in ein geistiges Gespräch zu ziehen, schon damit bei den

Holländern nicht der falsche Eindruck entstünde, als hätte er nur für Essen und Trinken

Sinn, wurde überhaupt nicht gewürdigt.

„Ja“, schnaufte er, „aber was ist das alles gegen das herrliche Gefühl, langsam satt zu

werden. Herrlich, jene Zeiten, da die Männer noch fressen konnten. Heute kann man sie

vor einen gebratenen Ochsen setzen, sie wissen nicht einmal was damit anzufangen!“. So

ging es in einem fort bis in die Nachmittagsstunden, da er irgendwo anders hin musste,

und wir und mit der Versicherung voneinander verabschiedeten, uns für das Nachtmahl

aber bestimmt etwas Zeit füreinander zu nehmen.

George ist, erst Mitte Fünfzig Jahre alt, in einem russischen Internierungslager gestorben.

Ob er, der sich vom jungen Edelkommunisten später zu abweichenden Ansichten

verwickelt hatte, politisch verdächtig werden konnte, will ich nicht untersuchen. Mir bleibt

jedenfalls ein von seinem Beruf besessener Diener an der Kunst und ein der Heimat im

Osten stets treuer Deutscher

 

Quellenangaben:

     

1. Persönliches Interview des Verfassers mit Eike Schwarz, geführt vom Verfasseram 7.8.2010.

     

2. Verfasser Heinrich Schwarz,undatiert( 1 Seite) Titel: Heinrich Schwarz – Mein Lebenund meine Arbeit? -.

     

3. Schriftliche Mitteilung Eike Schwarz am 18.8.2010.

     

4 Dr. Manfred Meinz – Heinrich Schwarz zum 70. Geburtstag, Verlag Siegfried Rieck,Delmenhorst.

     

5. Bundesarchiv zu Berlin, Rem-Pers.-Akt Ministerium f. Wissenschaft, Kunst undVolksbildung(Akte SS-Revords, v. Sept. 1934 bis 11.11.1942).

     

6.de.wikipedia.org/.../Reichsministerium_für_Wissenschaft,_Erziehung_und_Volksbildung –

     

7. Bundesarchiv zu Berlin, Rem-Pers.-Akt Ministerium f. Wissenschaft, Kunst undVolksbildung(Akte SS-Revords, v. Sept. 1934 bis 11.11.1942).

     

8. Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz 1970, Band VIII, herausgegeben im Auftrage desStiftungsrates vom Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hans GeorgWormit.

     

9. de.wikipedia.org/wiki/Schlaraffia

     

10. Diensteid vom 4.8.1937, Geschäftsnummer Zi Nr. 2457/37, abgelegt von HeinrichSchwarz(Der Reichs – und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung undVolksbildung)

     

11. de.wikipedia.org/wiki/Schutzde.
12. wikipedia.org/wiki/SS-Hauptämter staffel

     

13. Bundesarchiv zu Berlin, Rem-Pers.-Akt Ministerium f. Wissenschaft, Kunst undVolksbildung(Akte SS-Revords, v. Sept. 1934 bis 11.11.1942).

     

14. Persönliches Interview des Verfassers mit Eike Schwarz, geführt vom Verfasser am7.8.2010.

     

15. de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung

     

16. Staatzsarchiv Oldenburg, Entnazifizierungsakte Dr. Heinrich Schwarz, Best. 351Karton Nr.613 Ola 3220.

    

   

  

              

17. Artikel der Oldenburger Norwest- Zeitung-Ausgabe Wilhelmshaven-vom 11.5.1948,in dem
über die Ausstellung berichtet wird.

     

18. Zeitungsartikel der „ Wehrataler“vom 15.12.1949, in dem über die Ausstellungberichtet
wird.

     

19. Dokumentation zum 30jährigen Jubiläum des Bundes Bildender KünstlerLandesgruppe
Oldenburg S. 10.

     

20. Zeitungsartikel des Weser Kurier vom 4.4.1950, in welchem über die Ausstellungberichtet
wird.

     

21. Dokumentation zum 30jährigen Jubiläum des Bundes Bildender KünstlerLandesgruppe
Oldenburg S. 4.

     

22. Zeitungsartikel der Bremer Nachrichten vom 14.9.1954 und des Weser Kurier vom13.9.1954, in denen über die Ausstellung berichtet wird.

     

23. Flugblatt Heinrich Schwarz – Maler und Bildhauer, undatiert, anonym.

     

24. Dokumentation zum 30jährigen Jubiläum des Bundes Bildender KünstlerLandesgruppe
Oldenburg S. 11.

     

25. Ausstellungskatalog der „ Grosse Berliner Kunstausstellung“ 1960, S Nr, 213 – 215.

     

26. Dokumentation zum 30jährigen Jubiläum des Bundes Bildender KünstlerLandesgruppe
Oldenburg S. 13.

     

27. Artikel von Ewald Brandt im Mitteilungsblatt des Bundes Bildender Künstler fürNordwestdeutschland e.V..undatiert. Titel: Dr. Heinrich Schwarz 65

     

28. Zeitungsartikel in der Nordwest-Zeitung, Verfasser Klaus Fricke,, mit dem Titel:Pferde
müssen erst „fliegen“ lernen, undatiert.

     

29. Flugblatt , von Heinrich Schwarz, datiert 6.12.1970.

     

30. Zeitungsartikel des Delmenhorster Kreisblattes mit dem Hinweis auf die Ausstellungim Stadtmuseum Oldenburg, datiert: Dezember 1973.

               

31. Dresslers Kunsthandbuch, Seite 934.

     

32. „Vollmer“, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts, Band4, S.238.

     

33. Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler „ Thieme/Becker“, Band 29/30, S. 362. 

    

   

  

 

 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

 


 

 


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

Ingeborg Schwonke-Harding

 

Ingeborg Schwonke wurde am 14.4.1919 in Oldenburg als einziges Kind des Bankkaufmanns Kurt Schwonke und dessen Ehefrau Henriette, geborene Huntemann, geboren. Sie wuchs im Haareneschviertel der Stadt Oldenburg auf; die Eltern hatten in der Adlerstraße 7 eine genügend große Wohnung gefunden.


Ihre frühe Kindheit verlebte Ingeborg als einziges Kind überwiegend sorgenfrei, zumal ihr Vater beruflich und finanziell bereits abgesichert war und es daher kaum Einschränkungen im täglichem Leben  gab. Die Adlerstraße galt damals als ruhiger Wohnbereich und Ingeborg konnte mit anderen Kindern unbeschwert auf den Straßen des Haareneschviertel spielen. Parallel zum beruflichen Aufstieg des Vaters folgte der Umzug in die Cäcilienstraße 6, in ein repräsentatives und geräumiges Haus im Theaterviertelder Stadt.


 

Als  vorteilhaft erwies sich die günstige Lage mit ihrer unmittelbaren Nähe zur Helene-Lange-Schule, zur Cäcilienschule und, wie sich später als wichtig erweisen sollte, zum Oldenburger Theater.
Nach dem vierjährigen Besuch der Grundschule wurde Ingeborg auf die Helene-Lange-Schule, eine höhere Mädchenschule, eingeschult. In der Schule kam sie gut mit, sodass sie problemlos die Sexta bis Quarta schaffte. Als Schule gab es die Helene-Lange-Schule bis zur Mitte der 1930er Jahre. Als Gebäude gibt es sie auch heute noch; das Gebäude steht am Cäcilienplatz und wird vom Staatstheater als Lager - und  Übergangsraum in Anspruch genommen. Bei der heutigen Helene-Lange-Schule handelt es sich lediglich um eine Namensgleichheit mit der "Integrierte Gesamtschule Marschweg".

 

Nach bestandener Quarta sollte Ingeborg als weiterführende Schule die Cäcilienschule besuchen, um dort Latein zu lernen. Aus diesem Grunde wurde sie Ostern 1932 in die kaum weiter entfernte Cäcilienschule eingeschult. Sie wurde der Klasse Untertertia U III zugeteilt und gehörte in der Folgezeit der Untersekunda des Mädchengymnasiums ein Jahr lang an. An der Cäcilienschule lernte sie auch Edith Ruß als Klassenkameradin kennen und freundete sich mit ihr an. Diese Freundschaft sollte bis zum Ende der 1960er Jahre halten.

 

Anmerkung:

 

Edith Maria Ruß wurde am 22. Januar 1919 in Hildesheim geboren. 1929 zog sie mit ihren Eltern nach Oldenburg. Nach der Schulzeit begann Edith Ruß  im April 1939 ihre journalistische Laufbahn mit einem Volontariat bei den „ Oldenburger Nachrichten“ . Sie übernahm dort die Schriftleitung in der kulturpolitischen Abteilung. 1941  wechselte sie nach Berlin zu der Frauen-Illustrierten „ Hella“. 1943 erfolgte kriegsbedingt die Einstellung der Illustrierten.

Nach Oldenburg zurückgekehrt, übernahm sie die Feuilleton-Leitung bei der                   „ Oldenburger Staatszeitung“.

Trotz ihrer gesicherten Position gab sie 1945 den Journalistenberuf auf und begann ein Lehramtsstudium  an der Pädagogischen Akademie in Oldenburg. Im Alter von 53 Jahren schloss sie ein Zusatzstudium zur Sonderschullehrerin ab und unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung 1978 geistig behinderte Kinder.

Die kunstinteressierte Pädagogin sammelte ab dem Jahre 1980 vorwiegend Kleinplastiken, die sie dem Oldenburger Augusteum für die ständige Ausstellung  „Kunst des 20. Jahrhunderts“ zunächst leihweise zur Verfügung stellte.

Alssie 1990 an Krebs erkrankte, schenkte sie dem Augusteum die Exponate.

 

Am 18. Juli 1993 verstarb Edith Ruß. Sie vermachte ihr gesamtes Barvermögen von fast 2 Millionen Mark der Stadt Oldenburg mit der Maßgabe, ein Haus für die „Kunst im Übergang ins neue Jahrtausend“ zu bauen. So entstand in Oldenburg das Edith Ruß-Museum für Medienkunst.) 

Quelle: Weblink:Biografiedes Edith-Ruß-Hauses (http://www.edith-russ-haus.de/german/er.html)

 

Die Sommerferien des Jahres 1934 verlebte Ingeborg nach der Konfirmation als Austauschschülerin in Schweden. Eine solche Reise mit den damit verbundenen Kosten konnte sich damals bei weitem nicht jede Familie leisten. Durch den finanziellen Status des Elternhauses konnte Ingeborg allerdings eine solche Reise ermöglicht werden.
 
Ingeborgs schulische Leistungen waren zwar über dem Durchschnitt, herausragend  waren jedoch ihre zeichnerischen Fähigkeiten, wie sich im Zeugnis widerspiegelte. 
Im Verlaufe der Schulzeit reichte ihr der angebotene Handarbeits- und Zeichenunterricht bei weitem nicht aus. Insgeheim hatte sie offenbar schon Zukunftspläne geschmiedet. Nicht ohne Einfluss blieb auch die Nähe zum Oldenburgischen Landestheater.
 

Henriette Schwonke berichtete einmal, dass ihre Tochter als Volontärin beim Theater gearbeitet hätte, wenn auch nur vorübergehend und im geringen Umfang. Auch hieß es, sie hätte - wohl freiberuflich - als Bühnenbildassistentin gearbeitet. Diese Angaben können nicht abschließend belegt werden. Entsprechende Personalunterlagen des Theaters ließen sich nicht ermitteln.
 
Im Winter des Jahres 1934/35 nahm jedenfalls die fünfzehnjährige Ingeborg Schwonke Zeichenunterricht bei dem in der Blumenstraße 21 wohnenden Grafiker Wilhelm Kaufmann. Der 1892 in Varel geborene Kaufmann zählte zum Kreis um Gerhard Bakenhus und war Mitglied des Werkbundes und der Vereinigung für junge Kunst. Mit ihm bekam sie  vor allemin der grafischen Zeichenkunst einen hervorragenden Lehrmeister. Er hatte seine Ausbildung als Grafiker an der Akademie in Dresden absolviert , 1926 im Oldenburger Kunstverein ausgestellt und 1933 an der Ausstellung „Kunst im Gau Weser-Ems“ teilgenommen. Dadurch konnte er wohl dem hohen Anspruch von Kurt Schwonke genügen und den Nachweis für einen kompetenten und fundierten Zeichenunterricht erbringen. Neben der Ausbildung bei Kaufmann schloss Ingeborg Schwonke am 22.03.1935 die Schulausbildung an der Cäcilienschule mit der Reife für die Obersekunda des Mädchengymnasiums ab. Auch im Abschlusszeugnis wurden ihr die herausragenden Zeichenfähigkeiten mit der Note „Sehr gut“ bescheinigt, was wohl nicht zuletzt auf die privaten Unterrichtsstunden bei Wilhelm Kaufmann zurück zu führen ist. Nach der Schulzeit half Ingeborg Schwonke zunächst im elterlichen Haushalt. Vermutlich immer noch eine Karriere als Malerin oder Bühnenbildnerin vor Augen, wollte sie sich daneben im Bereich der  Zeichen- und Aquarellmalerei weiterbilden. Abermals sah sich Kurt Schwonke nach einem qualifizierten Fachmann um, der seine Tochter unterrichten sollte.


Er fand Otto Naber, den Zeichenlehrer der Oldenburger Oberrealschule, der auf dem Dachboden seines Hauses im Weidamm 8 ein Atelier eingerichtet hatte und Privatunterricht erteilte. Naber hatte an den Kunstgewerbeschulen in Hannover und Kassel studiert; anschließend führten ihn Studienreisen nach Holland, Paris und Wien. Seit 1906 war er als Zeichenlehrer in Wilhelmshaven tätig. Von 1919 an war Naber an der Oberrealschule in Oldenburg tätig. Referenzen konnte Naber folglich genug vorweisen, zumal er auf rege Ausstellungstätigkeiten verweisen konnte. So war er zum Beispiel auf den Ausstellungen des Oldenburger Kunstvereins von 1904 und 1911 vertreten und stellte auch 1933 bei der Ausstellung „Kunst im Gau Weser-Ems“ aus. Zudem hatte Naber zusammen mit dem Maler Georg Siehl-Freystett die Kunsthalle in Wilhelmshaven gegründet.
In der Folgezeit verbrachte Ingeborg Schwonke manche Stunden in dem Atelier von Otto Naber. Ihre Arbeiten, die durch den fundierten Unterricht schnelle Fortschritte machten, konnten sich sehen lassen, wie ein frühes Aquarell aus dem Jahre 1936 dokumentiert. Nach ihrer Ausbildung bei Naber sollte Ingeborg Schwonke zunächst die Haushaltsführung im Detmolder Pensionat Diekmann erlernen. Ob dabei frühere Kontakte des gebürtigen Detmolders Naber eine Rolle spielten, lässt sich nicht mehr feststellen. Sie nahm in Horn bei Detmold jedenfalls Kontakt zu dem Maler und Grafiker Bruno Wittenstein auf, um ihre künstlerischen Fähigkeiten weiterhin auszubilden. Wittenstein, 1876 in Hamm/Westfahlen geboren, studierte an den Akademien in Berlin, München und Rom und war von den genannten Lehrern Ingeborg Schwonkes wohl der bekannteste Künstler. Bei ihm wurde Ingeborg Schwonke nur 1936 unterrichtet.

Noch während ihrer Ausbildung im Pensionat bewarb sie sich für ein Kunststudium bei der Nordischen Kunsthochschule in Bremen; am 05.01.1936 erreichte die Kunsthochschule ihre Bewerbung. In dem beigefügten Lebenslauf verwies Schwonke auf die zahlreichen Unterrichtseinheiten bei ihren jeweiligen Privatlehrern. Ihr Ziel, Karriere als Theater- und Bühnenmalerin zu machen, stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest.
Die  Antwort der  Kunsthochschule ließ immerhin ein halbes Jahr auf sich warten. Erst im Juli 1936 erhielt sie die Nachricht, dass sie angenommen sei. Vorgemerkt war sie für das Sommersemester 1936: Vorstufe, unter der Leitung von Professor Scharfschwerdt.

Ingeborg Schwonke absolvierte in Bremen lediglich dieses eine Semester, brach dann das Studium ab und kehrte zu ihren Eltern nach Oldenburg zurück. Hintergründe für ihren vorzeitigen Abbruch sind nicht bekannt. Es folgte eine Zeit der Bewerbungen, unter anderem beim Stadttheater in Greifswald. Doch schließlich wurde sie als Ausstattungsassistentin für die Spielzeit 1938/1939 eingestellt.

Ihre Tätigkeit in Greifswald sollte sich als glücklich erweisen, zumal sie ihren geheimen Wünschen, einmal Bühnenbildnerin zu werden, ein deutliches Stück näher kam. Gleichzeitig mit ihr erhielt nämlich auch der junge Schauspieler Charles Regnier seine erste Anstellung in Greifswald. Die schnell geschlossene Freundschaft mit Regnier führte dazu, dass Schwonke bereits nach kurzer Zeit das Bühnenbild zu dem Weihnachtsmärchen „Rotkäppchen“ sowie zu einer Komödie gestalten durfte. Regnier  führte hierbei Regie. Zu diesem Zeitpunkt war wohl für die Malerin ein Traum in Erfüllung gegangen.
Dieser Traum endete jäh, als Regnier zum Ende der Spielzeit 1940 nahegelegt wurde, Greifswald schnellstens zu verlassen. Die Gestapo hatte begonnen, sich für sein Umfeld zu interessieren; Regnier war wegen seiner Homosexualität bereits mehrere Monate in einem Konzentrationslager inhaftiert gewesen. Nach der Spielzeit verließ er das Stadttheater und machte in der Folgezeit als Schauspieler Karriere. Unzählige Haupt- und  Nebenrollen in Fernsehfilmen sowie Theateraufführungen machten ihn über Deutschland hinaus bekannt.)


Ingeborg Schwonke blieb noch bis 1941 in Greifswald und kehrte dann abermals nach Oldenburg zurück. Sie  widmete sich hier zunächst der Malerei und präsentierte ihre Arbeiten erstmals einem größeren Publikum auf der „Großen Gauausstellung Weser-Ems“ im Jahre 1941. An dieser Gemeinschaftsausstellung nahmen Künstlerinnen und Künstler wie Karl Schröder, Paul Schütte oder Elisabeth Schwecke teil.

Knapp drei Jahre lang blieb Schwonke in Oldenburg, ehe es sie wieder in die Ferne zog. Am 21.08.1944 erhielt sie eine Anstellung am Theater in Erfurt. Ihren Bemühungen, dort als Bühnenbildnerin zu arbeiten wurde, wurde Rechnung getragen. Lange hielt diese Anstellung jedoch nicht an. Bereits am15.April 1945, einen Tag nach ihrem Geburtstag, verließ Schwonke Erfurt und kehrte erneut nach Oldenburg zurück. Einer Freundin erzählte sie, dass sie wegen des Einmarsches der Russen die Stadt habe verlassen müssen. Erfurt sei, so erzählte sie einmal, ihre glücklichste Zeit gewesen. Erzählungen zufolge soll sie in Erfurt eine Verlobung mit einem Ungarn eingegangen sein. Dieserhabe sich jedoch irgendwann nicht mehr sehen lassen. 

In der elterlichen Obhut widmete sie sich wiederum ganz der Malerei. Finanzielle Not brauchte sie nicht zu fürchten, war sie doch nach wie vor durch ihren Vater abgesichert. Nur hin und wieder verkaufte sie Gemälde an Freunde oder Bekannte. 

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges schlug im April 1945 die Britische Militärregierung in Oldenburg ihre Zelte auf. Von England aus wurde Thomas Harding, Offizier, Ingenieur und Flieger der Royal Air Force, nach Oldenburg abkommandiert.

Harding war ab 1946 als Mitglied der alliierten Kontrollkommission in Oldenburgtätig. Er wurde am 02.11.1914 in Cardiff als Sohn des William Godfry Harding und dessen Ehefrau Catherine geb. Davies, geboren.

Unter welchen Umständen sich Ingeborg Schwonke und Thomas Harding kennen lernten, konnte nicht festgestellt werden. Fest steht, dass Kurt Schwonke einer Heirat seiner Tochter mit dem Offizier keineswegs abgeneigt war, zumal gerade in dieser Zeit solche Verbindungen ihre Vorteile hatten und durch den Status des Thomas Harding das familiäre Ansehen keine Nachteile erfahren hätte. 

Die Heirat von Ingeborg Schwonke und Thomas Harding erfolgte am 09.09.1948 als Haustrauung in der Cäcilienstraße, was in der damaligen Zeit durchaus üblich war. Ihre Eltern entschlossen sich, fortan die Oberwohnung des Hauses zu beziehen, während das junge Ehepaar den Rest des Hauses für sich in Anspruchnehmen konnte.

Schnell zeigte sich, dass es zwischen den Eheleuten nur wenige Gemeinsamkeiten gab. Ingeborg Schwonke-Harding stand der Fliegerei ihres Mannes völlig ablehnend gegenüber, und dieser wiederum hatte überhaupt keinen Zugang zur Kunst.

Harding handelte zunächst mit Kriegsschrott und in der Folgezeit mit Edelmetall, wie Kupfer und Messing, mitunter auch mit Wäscheklammern und Dingen des täglichen Bedarfs. Durch seine Flugleidenschaft und seinen beruflichen Aktivitäten war er zwangsläufig oft außer Haus. Schwonke-Harding hatte sich mittlerweile dem Bund Bildender Künstler (BBK) angeschlossen und nutzte die Gelegenheit, sich auf verschiedenen Ausstellungen zu präsentieren. 
 

In der Zeit vom 13.03.1955 bis 11.04.1955 nahm sie an einer Gemeinschaftsausstellung „Junge Gruppe“ des BBK im Oldenburger Stadtmuseum teil. Neben ihr waren Künstler wie
Gerhard Bakenhus, Max Hermann, Heinz Liers, Adolf Niessmann, Karl Schwoon,Hans-Joachim Sach, Dr. Heinrich Schwarz, Eva Simmat, Otto Blanck, Alfred Bruns, Rolf Hofer und Veronika Caspar-Schröder vertreten.
Sie selbst stellte drei Ölgemälde aus, die sie mit „Stilleben“, „Kinder unter Bäumen“ sowie „Häuser und Bäume“ betitelte. 

Danach nahm sie die Möglichkeit wahr, an einer Ausstellung in Hannover teilzunehmen. Dort fand in der Zeit vom 27.05.1956 bis 20.06.1956 ebenfalls eine Gemeinschaftsausstellung des BBK statt.

Diese Ausstellung wurde im Künstlerhaus Hannover in der Sophienstraße durchgeführt. Vertreten waren dort neben Emil Brose, Alfred Bruns und Veronika Caspar-Schröder auch Georg Schmidt-Westerstede, Hans Schuster, Luzie Uptmoor, Otto Blanck, Eva Simmat, Hermann Holst, Gerd Thelen, Emil Wolff, Heino Johannsen, Charlotte Meyer - Schomerus, Ernst Walter Mütze, Annemarie Strackerjahn und Rolf Höfer. Schwonke - Harding war dort mit zwei Gemälden mit den Titeln „Vorstadt“ und „Stilleben mit zerschnittenen Birnen“ vertreten. 

 

Weiter stellte sie im Oldenburger Schloss gemeinsam mit Werner Tegethof, A.Strackerjahn, Karl Schwoon, Dr. Heinrich Schwarz, Reinhard Pfennig, Max Hermann, Ernst Rufer, Klaus Kähler, Wolf Gerlach, Veronika Caspar Schröder und Alfred Bruns aus. Die Arbeiten der Künstler wurden im Zeitraum vom 09.12.1956 bis 06.01.1957 gezeigt und durch die „Junge Gruppe im BBK“ mitorganisiert. „Rotes Dach und Bäume“, „Häuser und Bäume am Fluss“ sowie „Fensterausblick“ waren die drei Gemälde, die Schwonke - Harding auf dieser Ausstellung zeigte. 
 

Durch den Kontakt zum BBK ergaben sich zwangsläufig Kontakte zu einigen anderen Künstlern. Adolf Niessmann und Alfred Bruns besuchten sie hin und wieder.

Neben ihrer Malerei  beobachtete sie die traditionellen Bridgeabende ihrer Mutter in dem Hotel Hassenbürger in der Raiffeisenstraße 31 sehr genau. Sie selbst pflegte ebenfalls Bridge zu spielen.
Um sich die Zeit während der Abwesenheit ihres Mannes zu vertreiben, nahm sie an Bridgeabenden mit Bekannten teil, wobei man sich wechselseitig besuchte. Solche Bridgeabende wurden etwa bei Frau Bargmann am Schlossgarten, bei Frau Plätzer in der Dobbenstraße oder bei Ilse Prinz in der Bismarckstraße/EckeHindenburgstraße durchgeführt.
 

Thomas Harding hatte zwischenzeitlich in der 17-jährigen Tochter der Ilse Prinz eine flugbegeisterte Anhängerin gefunden, die ihn gerne zu seinen Flügen begleitete. Aufgrund der herrschenden Geld- und Benzinknappheit wurden mit der Auster-Propellermaschine vielfach nur Platzrunden gedreht, die allenfalls wenige Minuten dauerten. Die meiste Zeit verbrachte Harding vor und nach den Flügen damit, am Motor des Flugzeuges herumzubasteln. Die Verbindung mit der jungen Frau Prinz war Ingeborg Schwonke-Harding ein Dorn im Auge. Die eigene Ehe war kinderlos geblieben. Sie selbst interessierte sich nicht für die Fliegerei, aber ihr Mann nutzte jede freie Minute, um mit einer 17-jährigen zu fliegen. Zudem war sie umgeben von Menschen, die keine oder nur wenig Ahnung von ihrer Malerei hatten. Im Rahmen eines Bridgeabends eskalierte schließlich die Situation. Es kam zum offenen Streit,  insbesondere mit Ilse Prinz. Ab sofort gab es keine Bridgeabende mehr. Ihrem Mann verbot Schwonke-Harding zwar weiterhin Flüge mit der Tochter von Ilse Prinz zu unternehmen, die Flüge fanden indes lediglich ohne ihr Wissen statt.

Als  deprimierend empfand sie neben ihrer vorhandenen Eifersucht sicherlich die Tatsache, dass sie sich und ihre Malerei unverstanden fühlte. Weder ihr Mann noch das Umfeld würdigten ihre künstlerischen Fähigkeiten. Sie äußerte einmal, dass sie sich mit niemand unterhalten könne, weil ja doch keiner etwas von Kunst verstehe.

In den 1950er Jahren drängte Harding seine Frau mehrfach, das Haus in der Cäcilienstraße zu verlassen. Sein  Ziel war es offenbar, dass sie sich von ihren Eltern lösen sollte. Das wurde von ihr jedoch abgelehnt. Zum Ende der Dekade zog Harding aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus. Die Ehe war in eine schwere Krise geraten und Ingeborg Schwonke-Harding sprach in dieser Situation vermehrt dem Alkohol zu. 

Die Inhalte ihrer Bilder drücken in vielen Bereichen ihre Sehnsüchte nach Geborgenheit und trauter Zweisamkeit aus: Dinge, die sie offenbar nie ausreichend bekommen hatte. Viele ihrer Arbeiten zeigen ein Paar, das Hand in Hand unter einem Dach aus schützenden Baumkronen spazieren geht. Ab 1962 versuchte sich Schwonke-Harding in der abstrakten Malerei. Als sie einmal mit einer Arbeit fertig geworden war, erzählte sie einer Freundin, dass sie unendlich lange an dieser Arbeit gesessen hätte, weil sie es mit dem Thema sehr schwer gehabt habe. Dennoch malte sie in der Folgezeit einige Arbeiten, die durchaus sehenswert sind. Mit Beginn der 1960er Jahre ließ auch ihr künstlerisches Schaffen nach, von dieser Zeit an entstanden nur noch vereinzelt Bilder.


Ingeborg Schwonke-Harding nahm 03.11.1964 eine Stelle als Pfortenhilfe im Nachtdienst beim Evangelischen Krankenhaus an. Neben dem Pfortendienst war sie für die Weitervermittlung der auflaufenden Telefongespräche zuständig. Das Oldenburger Staatstheater suchte sie nur noch hin und wieder mit ihrer Mutter im Rahmen von Veranstaltungen auf. Mit ihrer Freundin Edith Ruß überwarf sie sich in dieser Zeit endgültig. Sie hatte persönliche Dinge von Edith Ruß verlegt und nicht mehr wiedergefunden. 1970 starb ihr Vater, von dem sie bislang den größten Rückhalt erfahren hatte.
Ende des Jahres 1972 endete die Anstellung beim Evangelischen Krankenhaus. Durch den jahrelangen Alkoholmissbrauch erlitt Schwonke-Harding einige Jahre später einen ersten Schlaganfall, von dem sie sich in der nachfolgenden Zeit zunächst wieder erholte.
1979 verstarb ihre Mutter.
Ungeachtet der Warnzeichen ihres Körpers setzte Schwonke-Harding  ihren bisherigen Lebenswandel fort. Am 28.11.1983 erlitt sie schließlich abermals einen Schlaganfall. Am Tag darauf starb sie im Alter von 64 Jahren. Ihre letzte Ruhestätte fand die Malerin, ebenso wie sechs Jahre später ihr Mann und zuvor ihre Eltern, auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg.

Viele ihrer Arbeiten hatten jahrelang im Keller ihres Hauses gestanden und derart unter der vorhandenen Feuchtigkeit gelitten, dass sie unbrauchbar wurden. Ein anderer Teil der Arbeiten wurde bei der Auflösung des Haushaltes entsorgt.
Aufgetaucht sind bis zum heutigen Tage erst 73 Arbeiten, die sich überwiegend in Privatbesitz befinden.

 

Wer sich in Galerien, Antiquitätengeschäften, in Auktionshäusern und auf Auktionen auf die Suche nach Arbeiten von Ingeborg Schwonke(-Harding) begibt, sucht meistens vergeblich nach ihnen. Die Anzahl ihrer Arbeiten, die noch im freien Handel sind, ist äußerst gering. Überwiegend befinden sich ihre Gemälde in privater Hand. Die Eigentümer dieser Stücke haben sie in der Vergangenheit meistens direkt von der Künstlerin gekauft.
Ein anderer Teil des Werkes kam über die Auflösung des Haushaltes in den Handel. Auf das Legieren ihrer Bilder hatte die Künstlerin verzichtet. 
Ein Marktwert ist zurzeit nicht ermittelbar, zumal aufgrund der geringen vorhandenen Anzahl der Arbeiten eine Nachfrage so gut wie nicht vorhanden ist. Wer dennoch glaubt, ein Ölgemälde oder Aquarell bzw. eine Gouache gefunden zu haben, wird sich einer von zahlreichen verschiedenen Signaturen gegenüber sehen, welcher sich die Künstlerin bediente. Zweifel können insbesondere da aufkommen, wo sich die Signaturen auf ähnlichen Bildern so stark voneinander unterscheiden, dass die Annahme nahe liegt, Arbeiten verschiedener Künstler in den Händen zu halten. Es sei jedoch angemerkt,dass die Malerin nicht weniger als elf unterschiedliche Signaturen verwandte,um ihre Bilder zu kennzeichnen. Um eine bessere Zuordnung durchführen zukönnen, sind die jeweiligen Signaturen hier dargestellt.

 

Seit sich in den letzten Jahren Material über die Künstlerin zusammengetragen habe, sind insgesamt 73 Arbeiten von Schwonke(-Hardings) Hand bekannt geworden. 


 

 Die Eltern:

 

Kurt Schwonke wurde  am 28.4.1887 in Thorn als Sohn des Mittelschullehrers Gustav Schwonke und dessen Ehefrau Martha, geborene Fehlauer, geboren.

Henriette Huntemann, geboren am 01.08.1891, stammte aus Bremen. Sie war die Tochter des in Bremen ansässigen Bauunternehmers J. H. Huntemann.


Kurt Schwonke besuchte das Thorner Realgymnasium und wurde Bankangestellter. Nach Abschluss der Ausbildung orientierte er sich nach Nordwestdeutschland. Zum 01.10.1908 wurde er Kontoführer bei der Oldenburgischen Landesbank in Wilhelmshaven.

Ungefähr zur selben Zeit absolvierte er sein „Einjährig-Freiwilliges-Dienstjahr“ beim 1.Westpreußischen Fußartillerie-Regiment Nr.11 (Thorn), an dessen Reserve-Übungen er später noch teilnahm. Seine Tätigkeit bei der Oldenburgischen Landesbank, die ihn mittlerweile nach Oldenburg geführt hatte, wurde vom Ersten Weltkrieg unterbrochen. Entsprechend seiner Ausbildung wurde er zum Leutnant der Reserve befördert und als Batterieführer eingesetzt. Auf die Bekanntschaft mit Henriette Huntemann folgten 1917 die Heirat und die gemeinsame Wohnung in der Adlerstraße 7 in Oldenburg; am 14.4.1919 erblickte Ingeborg  als einziges Kind des Ehepaares Schwonke das Licht der Welt.

 

Während Henriette Schwonke sich ausschließlich der Erziehung ihrer Tochter widmete, widmete Kurt Schwonke seine ganze Kraft den Geschicken der Oldenburgische Landsbank. 

Ausdruck seines unermüdlichen Schaffens war bereits 1921 die Ernennung zum Direktor der Revisionsabteilung. In den folgenden Jahren brachte er es zu Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung. Kommunalpolitisch engagierte er sich über zehn Jahre im Stadtrat von Oldenburg. Als Freimaurer widmete er sich viele Jahre der Förderung kirchlicher und sozialer Einrichtungen. 

1929 kaufte das Ehepaar ein standesgemäßes Wohnhaus im Theaterviertel in der Cäcilienstraße 6, wo nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen werden konnten.

Henriette Schwonke spielte regelmäßig und an vielen Abenden mit anderen Frauen Bridge im Bridgeverein. Sie trafen sich im Hotel Hassenbürger in der Raiffeisenstraße 31und verbrachten dort viele gesellige Abende.

Nach einem arbeitsreichen Leben wurde Kurt Schwonke im Jahre 1956 in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Fast 40 Jahre lang war er zudem Aufsichtsratmitglied der Kölner Versicherungs-AG „Amisia“ gewesen.

Gesundheitlichmachte ihm eine schmerzhafte Hüftarthrose zu schaffen, die zu einer Gehbehinderung führte. Am 25.2.1970 starb Kurt Schwonke im Alter von 83 Jahren, er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Gertrudenfriedhof. Einige Jahre später wurde Henriette Schwonke neben ihrem Mann bestattet; sie starb 88-jährig, am12.10.1979.


 

Exkurs- Charles Regnier erinnert sich:


„Sollte ich jemals meine Lebenserinnerungen aufschreiben, käme dann auch Ingeborg vor.


Es würde berichtet, wie wir am 1. September 1938 am Stadttheater in Greifswald unsere ersten Theatererfahrungen begonnen hatten.

Ich war vierundzwanzig, sie wohl etwas jünger. Ich kam aus Berlin, sie aus Oldenburg. Sie war Bühnenbildassistentin. Ich jugendlicher Charakterspieler mitd em Zusatz im Vertrag „ Rollen nach Individualität“. Ein weiter Begriff, der es jederzeit erlaubte, mich für das einzusetzen, was Direktion oder Regie gerade glaubten, als meine Individualität erkennen zu können. Also, ein junger Mann für alles.

Ingeborg ging es nicht besser. Als einzige Hilfskraft des Bühnenbildners, der auch für Ausstattung und Kostüme zuständig war, musste sie nicht nur mithelfen im Fundus neu zu bemalende Kulissenwände auszusuchen, sie musste sich auch in der Schneiderei um Stoffe für neue, oder um die Änderungen alter Kostüme kümmern; für Oper, Operette und Schauspiel. Also, das junge Mädchen für alles.

Da sie auch Kostümanproben zu beaufsichtigen hatte, lernte sie bald Sängerinnen und Sänger, Schauspielerinnen und Schauspieler so kennen, wie sie in Wirklichkeit geschaffen waren. Sie kannte ihre körperlichen Mängel und gewiss auch ihre unübersehbaren Vorzüge, ihre Eitelkeiten und ihre Komplexe. Sie lernte schnell, wie und womit einer Operettendiva geholfen werden kann, um am Abend das Publikum mit ihren Kollorathuren bezaubern zu können. Kurz, wie man Illusionen schafft, nicht ohne selbst dabei Illusionen zu verlieren.

Ich hingegen, um das kurz anzuführen, hatte mir die Psyche des Schauspielers ganz anders vorgestellt. Sie sollten und konnten, stellte ich mir in meiner frühen Unerfahrenheit vor, nichts anderes im Kopf haben als eben nur das Theater mit allen seinen Geheimnissen. Alltagssorgen und alltägliche Überlegungen, so meine romantische Vorstellung, dürfen und konnten, selbst wenn sie existieren, keinen Platz in den Köpfen haben.

Die Wirklichkeit war natürlich ganz anders. Manche der Kollegen waren schon seit Jahren an diesem Theater, hatten Familien und gingen morgens wohl auf die Probe, aber in erster Linie eben so eher „zur Arbeit“. Ich erkannte bald, nicht ohne einen Hauch Missachtung, dass Schauspielerei eben ein Beruf ist oder sein kann wie jeder andere. So verlor ich auch einige Illusionen. Wir waren eben beide, Ingeborg Schwonke und ich, Anfänger.
 
Nicht gerade enttäuschend, aber doch ernüchtert, was der Freude an der Arbeit zwar nichts nahm, aber eine Art Distanz schuf zur Wirklichkeit des Betriebes und zu den Kollegen.

Ähnlich ging es unserem humorvollen Dramaturgen und unserem ebensolchen weltoffenen Oberspielleiter. Beide waren gleichzeitig mit uns nach Greifswald gekommen. So saßen wir oft zu viert abends irgendwo zusammen, schmiedeten Pläne, die von unserem ambitionierten Vorstellungen gekennzeichnet waren und von denen wir wussten, dass sie sich hier und heute nicht werden verwirklichen können.

 

Auchin der Einstellung zur damaligen politischen Wirklichkeit, in der wir lebten, waren wir fast wortlos vom ersten Tag an einer Meinung. So waren es schöne Stunden fantastischer Gespräche, gewürzt mit humorvollen und natürlich hier zuboshaften Berichten über die Ereignisse der vergangenen Tage. 

Es war eine schöne Zeit, wenn auch zuletzt, aber doch noch weit entfernt, Krieg war. 

Ich spielte, zu meiner großen Verwunderung, schon sehr schnell schöne große Rollen und durfte sogar auch bald Regie führen.

Als erstes das Weihnachtsmärchen „Rotkäppchen“!

Ingeborg Schwonke durfte, ganz allein, das Bühnenbild machen. Ein erster Höhepunkt in unser beider Theaterarbeit. Danach machten wir noch, sie als Bühnenbildnerin, ich als Regisseur, eine Komödie; und das auch noch mit gutem Erfolg.

Was wollte man eigentlich mehr?

Als dann gegen Ende der Spielzeit 1940 unser Dramaturg eines Morgens von der Gestapo aus dem Bett geholt wurde, bestellte mich kurz darauf der Intendant zu sich. Er war ein vorsichtiger, uns in jeder Weise wohlgesonnener Mann. Als solcher gab er mir, da er aus der Stadt anonyme Hinweise auf meine Person bekommen hatte, den freundschaftlichen, auch in meinem Interesse guten Rat, ihn darum zu bitten, mich aus meinem bereits abgeschlossenen Vertrag herauszulassen, was ich natürlich tat und er natürlich genehmigte.

So packte ich meine Koffer und verließ Greifswald.

Viele Jahre später sah ich Ingeborg Schwonke wieder, und zwar in Oldenburg während einer Theatertournée.

Sie war ganz Malerin geworden und immer noch die liebenswürdige humorvolle junge Frau, mit noch lebendigen Erinnerungen an unsere gemeinsame heitere Zeit unserer jungen Anfängerjahre in Greifswald.

Nach der Theatervorstellung besuchte ich Ingeborg Schwonke gemeinsam mit Sonja Ziemann in deren Wohnung, die in unmittelbarer Nähe des Theaters lag.


Im Rahmen dieses Besuches schenkte sie mir ein von ihr gemaltes schönes Bild,das ich heute noch habe.“

  

(Quelle: Handschriftlichverfasster Brief Charles Regniers, den er mir am 14.10.1997     zusandte und in dem er seine Erinnerungen über Ingeborg Schwonke-Harding nieder schrieb.Der Briefliegt mir im Original vor.)

 

Der große Schauspieler starb am 13.09.2001 im Alter von 87 Jahren.

 

Quellenangaben:

 

1.    Handschriftlichverfasste Briefe des Schauspielers Charles Regnier vom 14.10.1997 und19.10.1997  an Jürgen Derschewsky(Brief befindet sich im Besitz des Autors dieses Buches).

2.    Katalogdes Stadttheaters Greifswald  fürdie Spielzeit 1938/39. Dort werden die Schauspieler und Mitarbeiter desStadttheaters vorgestellt, unter ihnen Charles Regnier und Schwonke-Harding.

3.    Schreibender Oldenburgischen Landesbank vom 22.September 1997 über die beruflichenStationen Kurt Schwonkes.

4.    Diversepersönliche Gespräche mit noch lebenden Zeitzeugen, unter ihnen derNachlassverwalter der verstorbenen Künstlerin. Die in den Gesprächen erlangtenErkenntnisse wurden von mir protokolliert und in die Biografie eingearbeitet.

5.    Schreibendes Evangelischen Krankenhauses Oldenburg – Personalabteilung -

6.     Städtische Kliniken Oldenburg ,Antwortschreiben vom 16.7.1997.

7.    EvangelischeKirchengemeinde Oldenburg – Friedhofsverwaltung  und Kirchenbüro– Einsichtnahme in Kirchenbuch am 3.7.1997

8.    Heirats-und Sterbeurkundeurkunde aus dem Nachlass Harding vom 20.10.1952 bzw.5.12.1983.

9.    SchriftlicheMitteilung auf eine Anfrage  desKulturamtes der Stadt Greifswald vom 8.9.1997.

10.  Schriftliche Mitteilung derStadtverwaltung Erfurt vom 25. August 1997, aufgrund einer schriftlichenAnfrage zu Schwonke - Harding, Tagebuchnummer 976/97.

11.  Schriftliche Mitteilung desOldenburgischen Staatstheaters vom 28.7.1997 – Personalabteilung –zu einerAnfrage über die Malerin Schwonke-Harding.

12.  Nachrichtenblatt zurTraditionsgemeinschaft des ehemaligen 1. Westpreußischen FußartillerieregimentsNr. 11/ Thorn vom 15.8.1971.

13.  Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei imOldenburger Land – Seite 272, ISBN 3-9801191-0-6, herausgegeben von derLandessparkasse zu Oldenburg aus Anlass des 200jährigen Jubiläums.

14.  Schlusszeugnis der CäcilienschuleOldenburg vom 25.3.1935, Hauptbuchnr. 4794

 

15.  Staatsarchiv Bremen , Schreiben vom15.7.1997 – Anmeldeunterlagen der Nordischen Kunsthochschule Bremen vom5.1.1936 für Ingeborg Schwonke – Harding.

16.  Staatsarchiv Bremen -Handschriftlicher , von Ingeborg Schwonke gefertigter Lebenslauf für dieNordische Kunsthochschule Bremen, datiert vom 5. Januar 1936 sowiedazugehöriger Personalbogen der Malerin, Stammbuch Nr. 133, Aktennummer90,Inventarverzeichnis des Staatsarchives Bremen:  STAB 4.114 – 416 No.90.

17.  Allgemeines Lexikon der bildendenKünstler, Band 36, Seite 134 – Bruno Wittenstein  betreffend

18.  Ausstellungskatalog des BundesBildender Künstler am 9.12.1956 – 6.1.1957 im Oldenburger Schloss

19.  Ausstellungskatalog des BBK – JungeGruppe –  vom 13.3. – 11.4.1955 imStadtmuseum Oldenburg

20.  Ausstellungskatalog des BBK inHannover in der Zeit vom 27.5. – 20.6. 1956

21.  Ausstellungskatalog – GaukulturtageWeser –Ems , Oldenburg 1941

22.    Katalog zur Gemeinschaftsausstellung des BBK –Junge  Gruppe – im OldenburgerStadtmuseum.

23.  Weblink:Biografie desEdith-Ruß-Hauses ( http://www.edith-russ-haus.de/german/er.html)


 

 


 


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

Karl Schwoon

 

 


 


 


 


 


 


 

Der Maler und Grafiker Karl Schwoon wurde am 13. Mai 1908 in Oldenburg als Sohn des Postamtmannes Johann Hermann Theodor Schwoon( 3.12.1874 – 26.11.1949) und dessen Ehefrau Paula Helene Anna Johanne geb. Rehkopp ( geb. 10.1.1881) geboren. Nach dem Besuch der Oberrealschule verließ er die Schule mit der Obersekunda,  um  von 1927 -1928 im Malersaal des Oldenburger Theaters eine praktische Lehre bei dem Bühnenbildner Bernhard Halbgott zu absolvieren. Seine erste künstlerische Ausbildung erhielt er 1928 – 1931 am Desaster Bauhaus. Dort studierte er bei Paul Klee, Wassilij Kandinsky und  Oskar Schlemmer. Er beendete das Studium mit dem Bauhaus - Diplom.Von 1932 bis 1940 war Schwoon als freischaffend in Berlin  tätig und Mitarbeiter des Verlagshauses Otto Elster KG. 1939 heiratete er Alwine Dorothea Ursula Peitsch. Das Ehepaar hatte eine Tochter und zwei Söhne.  Von 1940 bis 1945 leistete er Kriegsdienst.. Sein bis zum Jahre 1943 geschaffenes Gesamtwerk einschließlich der sich anschließenden Berliner Zeit ab dem Jahre 1932 ging durch einen Bombenangriff auf die Stadt  Berlin im Jahre 1943 verloren.

Nachder Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft kehrte Schwoon nach Oldenburg zurück und gründete am 14.12.1947 die private Galerie Schwoon. Zunächst befand sich diese in der Brüderstraße, dann am Theaterwall.  Im März 1949 musste er diese schließen. Von 1949 bis zum Sommer 1951 wurde die Galerie unter dem Namen „ die Insel“ fortgeführt, musste dann jedoch aufgrund finanzieller Probleme endgültig geschlossen werden, da die Stadt eine weitere Unterstützung ablehnte.

In dieser Zeit stellten Oldenburger Künstler wie Max Herrmann, Adolf Niesmann,Willi Oltmanns, Heinrich Schwarz und Alfred Bruns ihre Werke aus. Darüber hinaus war „ die Insel“ das damals bedeutendste Kulturzentrum Oldenburgs, in dem auch Buchlesungen, Musik – und Theaterveranstaltungen sowie Bildbesprechungen stattfanden.

Karl Schwoon  erwarb sich während dieserJahre bemerkenswerte Verdienste um die Pflege der zeitgenössischen Kunst.

 

 Karl Schwoon war außerdem von 1946 bis1947 Geschäftsführer des Oldenburger Kunstvereins und  1946 auch Schriftführer des Oldenburger Kulturbundes. Er gehörte zu den Mitbegründern des Bundes Bildender Künstler Nordwestdeutschlands, Landesgruppe Oldenburg ( 1947).Auch arbeitete er als Geschäftsführer der Volksbühne sowie des Film-Clubs Oldenburg.

 

 1951 zog Schwoon nach Hamburg und war dort bis 1969 als Bildredakteur bei der Zeitschrift Hör Zu tätig. Außerdem führte er in dieser Zeit zeitweilig eine Galerie.1952 kam seine Familie nach Hamburg. In seiner Hamburger Zeit unternahm Schwoon Studienreisen nach Schweden ( 1961), in die Schweiz ( 1963 ) und nach Amerika      ( 1964,1969,1971).

Seit Ende 1969 lebte er als freischaffender Maler in Wildeshausen. Bis zu seinem Tode am 3,1,1976 in Wildeshausen nahm er ständig am Künstlerleben teil und war mit seinen Arbeiten an vielen Ausstellungen des bbk vertreten.

 

Die Arbeiten von Karl Schwoon haben die Bauhauslehre nie verleugnet. Sie vereinen abstrakte, meist auf Variationen geometrischer Grundformen aufgebaute Kompositionen mit gegenständlichen Resten und spiegeln auf intuitive Weise Zeitstimmungen.

Seine Bedeutung für Oldenburg liegt besonders darin, dass er hier in der Nachkriegszeit die treibende Kraft für die Auseinandersetzung mit der Gegenwartskunst und für die Wiederanknüpfung an die vom Dritten Reich unterbrochene Kunstentwicklung war.

 

Quellenangaben:

 

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S272-273

Oldenburger Hauskalender von 1977

 

 

Wernhera Sertürner


 

 

 

Die Malerin Eleonore Irmgard Wernhera Leopoldine Sertürner wurde am 19.7.1913 in Hameln. Ihr Vater war Jurist und später Bürgermeister der Stadt Hameln.

Wernhera besuchte das städtische Oberlyzeum. Die Bekanntschaft mit der Töpferin Gertrud Kraut war vermutlich mitverantwortlich dafür, dass sie sich der Kunst zu wandte.

1932 verließ sie die Victoria-Luise-Schule mit bestandenem Abitur. 1934 begann sie auf Wunsch ihres Vaters mit einem Studium der Volkswirtschaftslehre und Kunstgeschichte an der Fakultät für Allgemeine Wissenschaften in Hannover.

Zusammen mit ihrer Schwester ging sie 1935 nach Berlin an die Reimannschule. 1936 wechselte an die Staatsliche Kunstschule zu Berlin und wählte den Lehramtsstudienjahrgang.

Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Reinhard Pfennig kennen, der dort ebenfalls studierte.

 

1940 heirateten sie in Berlin-Zehlendorf.

 

1941 begab sich Wernhera Sertürner nach München und studierte an der Akademie der Bildenden Künste unter  Adolf Schinnerer (1876-1949) und Olaf Leonhard Gulbransson (1873-1958).Sie erhielt ein Stipendium wurde Meisterschülerin und unterhielt ein eigenes Atelier.

In dieser Zeit schuf sie unter anderem Selbstbildnisse und Porträts von Reinhard Pfennig.

1942 kehrte sie nach Hameln zurück. Dort kam ein ersten Kind auf die Welt.

Während des 2. Weltkrieges wurde ihr in München bestehendes Atelier durch einen Bombentreffer völlig zerstört. Sie kehrte daraufhin nicht mehr nach München zurück.

1946 kehrte Reinhard Pfennig aus dem Krieg zurück und erhielt in Iburg einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule. Wernhera reiste ihrem Mann mit der Familie nach und unterrichtete am örtlichen Gymnasium.

In der Folgezeit beschäftigte sich die Künstlerin mit der Herstellung von Schattenfiguren und Handpuppen, außerdem unterstützte sie ihren Mann im Beruf.

1953 kam ein zweiter Sohn auf die Welt.

1957 erhielt Wernhera Sertürner von der Gemeinde Wiefelstede einen Auftrag für ein Gefallenen-Denkmal.

Mittlerweile traten Wernhera und ihr Mann Reinhard Pfennig dem Bund Bildender Künstler in Oldenburg bei und waren dort in der „ Junge Gruppe“ aktiv. Sie beteiligten sich dort an zahlreichen Ausstellungen.

 

Sie hatten ihren Wohnsitz zwischenzeitlich nach Oldenburg verlegt, weil Reinhard Pfennig eine Professsur für Kunsterziehung an der Carl-vonOssietzky-Universität erhalten hatte.

Wernhera gab eigene Kurse und Seminare für Studenten.

1961 fuhr die Malerin mit ihrem Mann erstmals nach Ischia. 1962 baute sie auf einem Restgrundstück ein Atelier mit Blick auf die Bucht des Ortes .

In Folge entwickelte sich der kleine Ort S. Angelo schnell zu einer kleinen Künstlerkolonie deutscher Maler.

Die Gegend mit Bucht, Gemäuern und den mediterranen Lichtverhältnissen inspirierten die Malerin. Unter diesem Eindruck schuf sie eine Anzahl großer farbiger Ölgemälde.

Die Gemälde malte sie auf loser grundierter Leinwand, rollte sie dann zusammen und spannte sie erst auf Keilrahmen, nachdem sie wieder von ihrer Reise zurück gekehrt war.

Auch Motive aus Ponza, Pompeii und Herculaneum , Säulen, Kapitelle und kubische Räume sowie historische Figuren finden sich auf ihren Ölgemälde wieder.

 Sie nahm vom 6. – 27. Oktober 1957 an der 1. Herbstausstellung des BBK, Gruppe Oldenburg  im Oldenburger Schloss unter den Namen Wernhera Pfennig mit 2 Ölgemälden (Nr. 64 18/1957 und Nr. 65 19/1957, teil.

Vom2. Juli bis 31. Juli 1960 beteiligte sich Wernhera Sertürner-Pfennig an der Niedersächsischen Kunstausstellung im Oldenburg im Neuen Gymnasium, Alexanderstraße  mit 2 Arbeiten in Mischtechnik.

1962 beteiligte sich die Künstlerin an der Niedersächsischen Kunstausstellung inHildesheim. Sie fand vom 26.8. – 16. September in der Werkschule Hildesheim statt. Daran beteiligt die im BBK zusammen geschlossenen Künstlergruppen. Sertürner zeigte dort die Arbeiten „ So wohnen sie ( Nr. 249 – Tempera, datiert 1961 und Nr. 250 – Struktur-Studie, Aquarell, 1961).

 

In der Zeit vom 27. November bis 23. Dezember 1966 wurden in einer Ausstellung in der Galerie Ursula Wendtorf in Oldenburg Arbeiten der Jahre 1963 – 1966 gezeigt.

 

In der Zeit vom 12.2.-12.3.1967 nahm sie an der Ausstellung der „Junge Gruppe“ desBBK im Oldenburger Kunstverein mit drei Arbeiten teil (Nr. 60 – 62 –„Ponza“,“PeterellaI“,Peterella II“.

 

1969 ließ sich die Malerin von Reinhard Pfennig scheiden. Sie wollte sich anschließend ganz auf die Malerei konzentrieren. Im Sommer lebte sie in Ischia, in den Wintermonaten in Feldturns in Südtirol.

 

1972 kehrte sie nach Hameln zurück und pflegte ihre erkrankte Mutter bis zu ihrem Tode im Jahre 1973. Weitere Sommeraufenthalte in Ischia folgten. Die Winter verbrachte sie nun allerdings in Hameln. Sie trat der Künstlergemeinschaft „Arche“ bei und betätigte sich regelmäßig an Ausstellungen.

 

In diesem Zusammenhang sind folgende weitere Ausstellungstätigkeiten bekannt:

 

Galerie Ursula Wendtorf - Oldenburg Scheideweg 81
14. bis 28. Febr. 1960
Gemeinschaftsausstellung
Wernhera Pfennig–Sertürner und Prof. Reinhard Pfennig

Galerie Ursula Wendtdorf – Düsseldorf 1972     

                                  

 „arche“ 17.08 – 08.09.1974

 „arche“  10. – 31. August1975   

 „arche“8. – 29. August 1976 

„arche“  19.11. – 10. 12. 1978  

St. Maur 22.03.-27.04. 1980

 „arche“in der FH Wilhelmshaven 07.05. – 21.05.1980  

KunstkreisHameln Rolf Flemes Haus

26.Oktober– 21. November 1982

Einzelausstellung- Ölbilder, Temperabilder, Tuschezeichnungen 1966 – 1982

  „arche“ 16. 06. – 10.07.1983

„Malerei,Grafik, Plastik“ 

12.Kunstmarkt  Hannover  Künstlerhaus Sophienstr.1,2. Okt. – 5. Okt.1986

Hannover, Kubus vom 1. Juni bis29. Juni 1986

Ausstellung: „Man Kann ja nie Wissen“

 „arche“ 14.11.–24.12.1986 ( „ herbst 86“ )

Galerie im Künstlerhaus Hannover 1987                                                                      

„arche“8. April – 15. Mai 1988

 

Bund BildenderKünstler für Niedersachsen e. V.
„arche“ Herbstausstellung 1990. Hochzeitshaus

 

vom 20. August bis 30. September 1988„Ich,Künstler in Niedersachsen „ im Schloß Holdenstedt bei Uelzen

„arche“ Herbstausstellung 1988

Kunstkreis1. – 3. 09 1989 ,9. Kunstmarkt in Hameln

 

vom 20. August bis 30. September 1988„Ich,Künstler in Niedersachsen „ im Schloß„arche“ 16. 11– 15. 11 1992 „40 Jahre arche“

 „arche“ 29.10.– 21.10.1993 (Galerie und Hochzeitshaus)





 „arche“ 15. Januar – 14. Februar 1993

  „arche“ Januar 1994

  Eröffnung  der neuen Galerie im Haspelmath-Turm Arbeiten  1977 - 1992  

„arche“ 9.07. –27.07.1997

(„Klang“ )

„arche“September 1998

„arche“  Herbstausstellung 2000

„arche“  im Juli 2001 eine große Einzelausstellung der „ Arche“ organisiert.

Im September des Jahres erlitt sie eine Oberschenkelfraktur, von der sie sich nicht mehr erholte. Am 22. September 2001 verstarb die Künstlerin.

 2006 erwarb das Museum in Hameln einen Teil ihrer Arbeiten.

In einer Sonderausstellung zeigte das Museum in der Zeit vom 13. Juli  bis 18.November 2007 Arbeiten der verstorbenen Künstlerin.


 

Quellenangaben: Mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von Klaus-Dieter Pfennig.

 

 

Johann Georg Siehl-Freystett

 

Der Marine-und Landschaftsmaler Johann Georg Siehl-Freystett wurde am 16. Februar 1868 als Sohn des  Rheinfischers Johann Georg Siehl (1842-1871) und dessen Frau Dorothea geb. Hauss (1842 – 1905) in Freystett geboren.Weil er in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, blieb den talentierten jungen Mann eine akademische Ausbildung an einer Kunstakdemie verwehrt. Stattdessen begann er eine Ausbildung zum Maler und Anstreicher. Als Geselle verdiente er seinen Unterhalt zunächst in Freystett, später in Freiburg, wo er an Ausmalungen  von Kirchen eingesetzt wurde.

1888 zog es ihn als Freiwilliger zur Marine. Er versah seinen Dienst  bis 1892 in  der II. Matrosen-Artillerie-Abteilung im damaligen Rüstringen, dem heutigen Wilhelmshaven.

Obwohl sein zeichnerisches Talent seinen Vorgesetzten auffiel und diese sich bemühten ihm einen Platz an der Kunstakademie in Karlsruhe zu verschaffen, bleiben diese Bemühungen ohne Erfolg.

Nach Ende des Militärdienstes ließ sich Siehl-Freystett in Wilhelmshaven nieder und betätigte sich dort als Fotograf .Für die Bestreitung seines Lebensunterhaltes reichten die Auftragsarbeiten  gerade so aus, obwohl ihm der Großherzog zu Oldenburg und der Prinz Heinrich von Preußen Anerkennung für seine fotografischen Leistungen zollten.

Nebenbei malte Siel-Freystett in erster Linie Schiffporträts der Kaiserlichen Marine. Diese Arbeiten waren so gut ausgeführt, dass sie von der  Marine als  Postkarten aufgelegt  und als Werbung verwandt wurden.

Bereits 1905 hatte er Kontakt zu Oldenburg. Ein mit J.G.Siehl signiertes Gemälde wurde in jenem Jahr von ihm gemalt und zeigt den Eingang der Landesausstellung 1905 in Oldenburg  mit der von Adolf Rauchheld errichteten Haupthalle.

Um 1906 gab er das Fotogeschäft auf und betätigte sich nur noch als freischaffender Künstler. Den Nachnamen Freystett fügte er seinem Namen Siehl hinzu, in Erinnerung an seinen Geburtsort.Im Verlaufe der Zeit wandte er sich verstärkt der Landschaftsmalerei zu. Vor allem in Wilhelmshaven und dem Umland fand er reizvolle Motive. Marschen-und Moorlandschaften fanden genauso seine Zustimmung wie die Stadt Wilhelmshaven mit seinen Hafen-und Werftanlagen.

Die aus Barbizon kommende Landschaftsmalerei beeinflusste auch  Siehl-Freystett eine zeitlang. Es sind  einige typisch Dötlinger Motive bekannt, zum Beispiel das Urstromtal der Hunte bei Dötlingen.

1912, als die Kunsthalle in Wilhelmshaven gegründet wurde, war er einer der Mitbegründer dieses Kunst-und Kulturhauses.

In den Jahren 1907 bis 1913 nahm er in Oldenburger Kunstverein an insgesamt 4 Ausstellungen mit insgesamt 11 Gemälden teil.

1913 unternahm er eine Studienreise in den Odenwald.

1915 meldete er sich erneut zum Marinedienst. Während dieser Zeit entstanden mehrere Schiffsmotive, vorwiegend mit Torpedo und Schnellbooten.

Johann Georg Siehl Freystett war zwei Mal verheiratet.

Er starb am 15. August 1919 in Rüstringen überraschend an einem Schlaganfall. Ein großer Teil seiner Arbeit ist bis heute verschollen. 

 

Seine Arbeiten befinden sich unter anderem im Besitz der Kunsthalle Wilhelmshaven, der Städtischen Sparkasse Wilhelmshaven, der Gemeinde Waldbrunn, Deutsches Schifffahrtsmuseum und im Privatbesitz.

 

Quellen:

1.     Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.134-135.

2.     2. Kunst an der Jade – Wilhelmshaven 1912 – 1987 – 75 Jahre Kunstverein Wilhelmshaven – Herausgegeben vom Verein der Kunstfreunde für Wilhelmshaven e.V.

3.     Oliver Gradel – Kunstausstellungen im Oldenburger Kunstverein,1843-1914, Seite 174.

4.     Lars U. Scholl (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 278-279



Öl auf Leinwand, signiert, 92 cm x 116 cm, 


 Eva Simmat

    

   

               

Die Kunstmalerin Eva Simmat wurde am 6. März 1923 in Tilsit als eines von zwei Kinderndes Bauern Karl Heinrich Simmat (1891-1961) und dessen Ehefrau Ella geboreneBaronowsky (1886-1961) geboren.1

     

Eva wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf. Sie besuchte als Kind die Grundschule inLappienen, anschließend die höheren Schulen in Sackenburg und schließlich das Lyzeumin Lyck. In der Schule fiel sie auf, da sie zeichnerisch sehr begabt schien.

     

1938 verließ sie die Schule mit der Mittleren Reife. In den nachfolgenden zwei Jahren halfsie im Haushalt ihrer Eltern mit. Während dieser Zeit nahm sie an einem künstlerischenFernkursus teil. Anschließend besuchte sie eine private Handelsschule in Tilsit.

     

Studienausweis der Kunstakademie Dresden aus dem Jahr 1941

     

Eva strebte trotz erheblicher Vorbehalte ihrer Eltern eine berufliche Ausbildung alsKunstmalerin an. Deswegen suchte sie in Tilsit in der SA-Straße 612 das Arbeitsamt aufund legte dort mehrere ihrer Zeichnungen vor. Man händigte ihr daraufhin einige Adressenvon Kunstakademien aus. Eva schrieb die Kunstakademie in Dresden an und erhielt vondort nach einiger Zeit einen Aufnahmeantrag, den sie ausgefüllt und mit einigen ihrerArbeiten versehen wieder zurück sandte. Ihre Hoffnung, eine professionelle künstlerischeAusbildung an einer Kunstakademie beginnen zu können, erfüllte sich schließlich, als ihrdie Akademie einige Zeit später mitteilte, dass sie dort angenommen worden sei.

       

     

Am 1.4 .1941 begann sie in Dresden an der Kunstakademie bei Professor Willy Waldapfel(1883-1965) der seit 1934 als Lehrer an der Akademie unterrichtete und bis 1945, nachdem Ausscheiden des Malerkollegen Guhr, den Zeichensaal leitete.4

     

Eva Simmat verließ die Akademie am 15.7.1943, begab sich nach Königsberg undstudierte an der dortigen Kunstakademie ein weiteres Semester.5 Sie verließ anschließenddie Akademie und kehrte in ihr Elternhaus zurück. Ab Herbst 1944 verließen die letztenFrauen die Akademie, weil sie zu kriegswichtigem Dienst herangezogen wurden.6 Der 2.Weltkrieg erreichte Ende 1944 auch Tilsit mit den angrenzenden vielen kleinen Dörfernund Höfen. Familie Simmat traf es dabei ebenso wie viele andere Familien auch.7

     

Sie mussten Haus und Hof zurücklassen. Mit Pferd und Wagen, auf dem sich Federvieh,Lebensmittel und die überlebenswichtigsten Gegenstände befanden, verließ die Familiedie Heimat für immer und floh in Richtung Westen. Die Flucht und Vertreibung endetenach knapp einem Jahr. Am 1. Dezember 1945 erreichte die Familie Oldenburg, ihre neue Heimat.

     


 

       

Hier lebte die Familie zunächst mit anderen Familien in der Saarstraße 12.9

Eva gelang es nach kurzer Zeit, in einem Kunstgewerbebetrieb eine Anstellung zu findenund die Familie finanziell zu unterstützen. Ihr Bruder Siegfried begann einArchitekturstudium. Da Eva Simmat sich noch nicht am Ende ihrer Ausbildung sah, suchtesie den Kontakt zu dem Oldenburger Maler Wilhelm Kempin(1885-1951), der in seinemHaus in der Cloppenburger Straße 339 Malunterricht erteilte. Sie erschien dortregelmäßig. Im Verlaufe der Zeit gehörte sie schließlich zu einem engeren Kreis vonKünstlern, die sich, ebenso wie Walter Howard, Bernhard Neteler und Käthe Knutz,zusätzlich zu den Stunden bei Wilhelm Kempin einmal in der Woche in der Wohnung vonMarga von Garrel im Haarenufer 21 zum Malen und Zeichnen trafen.10

     

Neben diesen Künstlern pflegte sie in dieser Zeit zudem freundschaftliche Kontakte zuMarie Meyer-Glaeseker, Willi Meyer11 und Paul Schütte.12

     

„Felder am Dohlenweg“, Öl auf Leinwand, 40 cm x 60 cm, Signiert unten rechts: EvaSimmat 65

     

Hin und wieder traf man sich zu Gesprächen und zum Fachsimpeln im Hause Glaesekersin der Cloppenburger Straße 238. 1948 trat Eva Simmat in Oldenburg in den kurz zuvorgegründeten Bund Bildender Künstler ein, ebenso in den Oldenburger Kunstverein. ImBBK entstanden neue Kontakte und freundschaftliche Beziehungen, unter anderem zuEmil Brose.13

     

Mit der finanziellen Unterstützung Evas und ihres Bruders Siegfried, der mittlerweile dasArchitekturstudium als Diplomingenieur erfolgreich abgeschlossen, und als Architekt inOldenburg tätig war, begann die Familie in Eigenleistung ein Haus am Twiskenweg 35 zuerrichten, was nach längerer Bauzeit fertiggestellt wurde. Dorthin zog die ledig gebliebeneEva Simmat mit ihren Eltern und ihrem Bruder.

       

     

Simmat, die sich seit ihrem Beitritt in den BBK bereits an einer Anzahl Ausstellungenbeteiligt hatte, erhielt 1957 vom Oldenburger Kunstverein14 ein Stipendium für eineStudienreise, die sie nach Spanien führen sollte. Eine zweite Reise dorthin folgte 1958.Auf diesen Reisen entstanden mehrere Arbeiten, die sich seit ihrem Tode im Besitz desOldenburger Stadtmuseums befinden.15

     

1957 beteiligte sie sich an der BBK-Ausstellung im Oldenburger Schloss. Die Ausstellungging vom 6.-27.Oktober 1957. Sie zeigte dort zwei Grafiken - „Gent“ und „Ibiza“ - sowiedas Ölgemälde „ Brandts Helgen“.16

     

1959 gestaltete sie in Oldenburg in der Bodenburgallee für das DRK-Schwesternheimeine Doppeltür, welche sie mit Intarsien versah.

     

Intarsienarbeit im DRK-Schwesternheim

     

1960 übernahm sie für eine Festschrift der Landessparkasse zu Oldenburg und 1963 fürein Buch des Deutschen Roten Kreuzes mit dem Titel „Ruf der Stunde„ die Illustration.

     

Sie beteiligte sich 1960 an der Niedersächsischen Kunstausstellung in Oldenburg,ausgerichtet vom 2.Juli bis 31. Juli 1960 im Neuen Gymnasium, Alexanderstraße, mit vier Grafiken.

   

               

1969 nahm sie an einer Ausstellung des BBK – Freie Gruppe, im Kleinen Augusteum, teil.

    

   

Die Ausstellung dauerte vom 14.12.1969 bis 14.1.1970. Eva Simmat zeigte dort dreiÖlgemälde mit den Titeln: Blick in Altstadt, Azalee sowie Gladiolen.

     

1974 beteiligte sie sich an der Ausstellung anlässlich der Dokumentation zum 30jährigenBestehens der Landesgruppe Oldenburg im BBK.

     

In der Zeit vom 31. Juli bis 3. August 1975 und 1976 unternahmen Mitglieder des BBKeine Reise ins belgische Brügge. Neben Eva Simmat beteiligten sich die BBK-MitgliederUdo Reimann, Hein Bredendiek, Hans Joachim Sach, Kurt Zeh, Heinz Carl Wimmer,Werner Tegethoff, Berthold Giebel, Marga von Garrel, Manfred Räber und Ewald Westholm an diesen Exkursionen.

     

Eva Simmat vor ihren Arbeiten, die während ihrer Studienreise nach Spanienentstanden.

     

Themen ihrer Arbeiten waren dabei hauptsächlich die Stadt- und KüstenansichtenBrügges. In Oldenburg folgte in der Zeit vom 15.-31.12.1975 eine Ausstellung mitArbeitsergebnissen dieser ersten Reise in der Schalterhalle der OLB in der Gottorpstraße,an der sie jedoch nicht teilnahm,

     

1961 starben ihre Eltern kurz hintereinander. Am 10.4.1982 starb ihr Bruder Siegfried, derbis dahin mit ihr im Twiskenweg 35 wohnte.
Im selben Jahr gab sie diesen Wohnsitz auf. Ein Grund dafür dürfte vermutlich ihrefortschreitende Multiple Sklerose gewesen sei. Eva lebte zunächst im Elisabethstift inOldenburg, anschließend in Oldenburg in dem Seniorenheim an der Bodenburgallee.

       

     

Jahre später erkrankte sie an Krebs. Von diesem Krebsleiden erholte sie sich nicht mehrund starb schließlich am 29.7.1993

     

Eva Simmat fand ihre letzte Ruhe in Oldenburg auf dem Waldfriedhof in Ofenerdiek.

     

Im Nachlass der Künstlerin befand sich eine von ihr angefertigte undatierte ausführlicheNiederschrift, die die Jahre 1944 bis 1945 betreffen. Sie schildert darin ihre persönlichenErlebnisse der Flucht und Vertreibung aus ihrer ostpreußischen Heimat. Neben demvorgefundenen Bericht fanden sich im Nachlass mehrere von ihr angefertigte Linolschnitte.Die dargestellten Motive lassen den Schluss zu, dass es sich um Szenen handelt, die denThemenbereich ihrer Flucht betreffen.

     

Offenbar hatte sie die Absicht, diese Motive irgendwann den entsprechendenTextpassagen zuzuordnen. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

     

Diese künstlerischen Arbeiten wurden den jeweiligen Textpassagen zugeordnet, sodassihre Erzählung durch die beigefügten Abbildungen auch künstlerische Aspekteberücksichtigt.

     

Ihre ganz persönlichen Erlebnisse finden sich im Anhang zu dieser Biografie. 

    

   

Eva Simmat
Mein Weg nach Westen

     

Vorwort:

     

Die Flucht aus Ostpreußen auf einem Wagen im Treck, den zwangsweisen Aufenthalt unter denPolen und Russen und die Vertreibung, erlebte ich um mein 22. Lebensjahr.

     

Eine immer wiederkehrende Erinnerung hat mich später gequält. In diesem Bericht habe ich meineErlebnisse wie verschiedenfarbige Steine aneinander gefügt. Heute mutet das Vergangene schon wieaus einem anderen Leben an.

     

1944

     

Ein Strom mit hohen Deichen durchzieht das flache Land. Wogende Getreidefelder und grüne Wiesenumschlossen Gehöfte und Dörfer. Auf den Weiden grasten schwarz-weiße Rinder und kräftigePferde.

     

Violette, gewitterschwere Wolken, ballten sich in schwüler Luft, und es dröhnte fern. Wer wusste, obes das Grollen des Himmels oder der Kanonendonner der näher rückenden Front war?

     

Alte Männer wurden vom Ortsgruppenleiter aufgefordert, ins Dorf zu kommen und etwasVerpflegung mitzubringen. Sie wurden zu Schippkolonnen zusammengestellt und auf Lastkraftwagen weggefahren. Sie sollten ein paar Wochen lang irgendwo Gräben ausheben.

     

Vereinzelt zogen litauische Bauern auf kleinen Wagen vorbei. Sie hatten ein kleines Pferdvorgespannt, welches mit einem großen Bügel über dem Widerrist angeschirrt war. RüstigeFamilienmitglieder gingen zu Fuß hinterher. Eine junge Frau wanderte barfuß allein. Sie trug ein Kindauf dem Rücken und ein Bündel vor der Brust.

    

   

               

Auf dem Strom trieben ab und zu nebeneinander gebundene kleine Kähne, die mit Planen überdachtwaren. Dampfer mit Verwundeten fuhren vorbei. Auch große Lastkähne mit vielen Zivilisten, welchedie Reste ihres Hausrates auf den Decks ausgebreitet hatten, glitten dahin.

     

An einem Augustmorgen 1944 bestimmte ein Gemeindemitglied Quartiere für einige Memelländerauf den umliegenden Höfen. Am selben Nachmittag schleppten müde Pferde offene Leiterwageneinher, die mit Personen und allerlei Habseligkeiten beladen waren. Sogar Federvieh hatten einigeBauern geladen. Auch Ziegen und Schafe schaukelten, reckten ihre Hälse und glotzten und blökten;einige Hunde liefen nach. Viele Wagen fuhren über die neue Holzbrücke landeinwärts, wenigewurden in unserer Landgemeinde einquartiert. Überrascht und neugierig sahen wir Einheimischen dem Treiben zu. Tage später trieben Soldaten undZivilisten unübersehbare Rinderherden vorbei.

    

   

Schließlich trat Ruhe ein. Die Front war in Litauen zum Stehen gekommen. Einige Memelländer fuhren auf ihre Höfe zurück, um nachzusehen, wie es da inzwischen aussah.

     

Im Oktober durchbrachen die Russen die Front und stürmten erneut heran. Flüchtlingstrecks,Wehrmachtfahrzeuge und viele Fußgänger überfüllten tagelang die Straße von der Grenze her.Nachts glimmten am Horizont im Osten ferne Brände, und Zivilisten suchten kurzfristige Unterkunft.Als die Russen am Ruß - und Memelstrom standen, wurde es wieder still.

     

Die memelländische Einquartierung fuhr fort, und Bewohner der Randgebiete des KreisesElchniederung waren ebenfalls schon unterwegs. Wieder wurden viele Rinderherden vorbeigetrieben, zu denen hin und wieder ein schwerer Bulle gehörte.

     

Futter suchend irrte das Vieh auf den kahl gewordenen Feldern umher und brüllte. Eine Kuh kalbte,und das Junge stand mit hochgezogenem Rücken nass und zitternd im Herbstwind.

     

Ende Oktober 1944 erhielt unsere Gemeinde den Räumungsbefehl. Nun fühlten auch wir dieunerbittliche Wirklichkeit. Notwendiges und Überflüssiges wurde eingepackt, denn wir konnten esnicht unterscheiden. Als die Bauern der Gemeinde sich zum Treck sammelten, war unsere Familienoch nicht fertig.

     

Zwei Tage später hatten auch wir drei überdachte Leiterwagen hergerichtet. Sie wurden mitKleider- und Wäschekisten, vielen Bettsäcken, Obst-, Fleisch- und Wurstgläsern in Kisten, Speck undSchinken in mehreren Getreidesäcken, 2 große zwanzig Liter-Milchkannen voller Schmalz,Küchengeräte, Laternen und Kabeln, Brotgetreide und Hafer für die Pferde, Decken und Teppiche,meine Zeichnungen, Ölstudien und Malutensilien, elektrischer Herd und einem großen Kasten ausMaschendraht voll lebender Hühner und Gänse und mehrere Säcke mit Schuhen und Stiefeln, Büchern und was sonst noch brauchbar erschien und kaum mit Namen genannt werden kann, wie zum Beispiel einigen Bündeln Heu usw., beladen. Zwei Kühe wurden hinten an einem Wagenfestgebunden. Voll beladen zogen wir aus.

     

Bekannte Straßen und vertraute Dörfer wirkten wie ausgestorben. Die Bewohner waren aus denumliegenden Ortschaften schon fortgefahren. Die Sonne strahlte. Überall rafften die Augen dieErscheinung der stillen Landschaft mit gierigem Blick zusammen.

     

Als es dunkel geworden war, übernachteten wir auf der Straße. Am anderen Tag kamen wir anWäldern und Feldern vorbei. Die Altweiberschleier hingen an Zäunen und Sträuchern und glitzertenin der Sonne. Auch andere Bauern zogen mit dem gleichen Los dieselbe Straße entlang. Später reihtesich Wagen an Wagen. Es sah aus, als ob die Bauern nichts Besseres zu tun hätten, als sich auf derLandstraße herumzutreiben und in Pflichtlosigkeit Abenteuer zu suchen. Der Ernst der Lage drängtesich sonst durch keine außergewöhnliche Erscheinung auf, soweit der Blick auch schweifte. DasWummern der Front war längst verstummt.

     

Nach tagelanger Fahrt sahen wir in der Ferne die Türme von Königsberg. Als wir die Stadtgrenzeerreicht hatten, dämmerte es schon. Auf den Straßen der Vorstadt herrschte ein reges Treiben. Autosfuhren hin und her, und die Straßenbahn klingelte. Fußgänger huschten über die Fahrbahn. EinigeMenschen blieben stehen und staunten uns an, während andere nach unserer Herkunft fragten. DiePferde tänzelten aufgeregt. Eine Menge Wagen fuhr auf einen Platz zusammen, um da über Nacht zubleiben.

     

Mit einer Gruppe Wagen fuhren wir durch große Stadtbezirke, in denen unzählige ausgebrannteHäuser von schweren Luftangriffen zeugten. Große Schutthaufen lagen Straße für Straße vorangerußten Ruinen und verengten die Fahrbahn.

    

   

                  

Während wir auf einer breiten asphaltierten Straße fuhren, die von einem Freigelände umgeben war,kam die Nacht.

     

Wenige elektrische Lampen verbreiteten ein fahles Licht. Die Scheinwerfer der Autos waren zu einemSchlitz verkleidet; auch die Lichter der Straßenbahn waren abgeblendet. Das Getöse des Verkehrs verdichtete sich und wurde auf der Pregelbrücke zu einem lärmenden aufgeregten Gedränge. DiePferde spielten scheu und gereizt mit den Ohren.

     

Auf der Ausfallstraße ebbte der Verkehr ab. Weit reichte die Vorstadt. Irgendwo auf dem Landefanden wir in einem Hofwinkel unseren Übernachtungsplatz. Am anderen Tag, der stürmisch und kaltwar, fuhren wir durch eine hügelige Landschaft. Abfahrten mit beachtlichem Gefälle waren nur mitfestgebundenen Hinterrädern möglich.

     

Später sagte uns jemand, dass wir nach Balga fahren müssten. Wir erkundigten uns, ob wir nicht überdie Weichsel fahren dürften. Wir erhielten die Auskunft, dass wir dort keine Unterkunft erhaltenwürden.

     

An der entsprechenden Straßenabzweigung bogen wir ein und kamen eine Stunde später in demDorf Groß-Hoppenbruch an. An einem trüben windigen Novembernachmittag warteten ungefähr 20Wagen am Straßenrand auf Quartier.

     

Der Bürgermeister kam und machte eine Besichtigung. Seine stolze Haltung verriet, dass wir keinewillkommenen Gäste waren. Er ging in sein Haus und kam erst wieder, nachdem er mehrereTelefongespräche geführt hatte und war nun gewillt, uns in Privatquartiere einzuweisen. MehrereFuhrwerke schickte er nach Balga weiter. Unsere Familie fand im selben Dorf auf einem großenBauernhof, der nahe der Bahnlinie Königsberg-Berlin lag, Unterkunft.

     

Als einige Tage vergangen waren, fuhren mein Bruder und ich mit der Bahn nach Hause, um Hafer zuverladen, sowie Winterhufeisen und Stollen für die Pferde zu holen.

     

Während wir das Eisen in der Geschirrkammer einsammelten, besuchte uns schon der Stellvertreterdes Ortsgruppenleiters. Er befragte uns nach unserem neuen Quartier und schrieb sich die Adresseauf. Dann untersagte er uns, Hafer zu verladen, was wir nicht befolgten. Er gab meinem Bruder denBefehl sofort in den Volkssturm einzutreten, sonst würde er von zwei bewaffneten Männernabgeholt werden. Mein Bruder war herzkrank, aber er musste im Volkssturm bleiben.

     

Mit den Hufeisen fuhr ich allein zurück. Die Bestürzung bei den Eltern war groß. Einige Tage späterbekam mein Vater ebenfalls den Gestellungsbefehl zum Volkssturm. Ich fuhr mit dem Schreiben zurKreisleitung und wollte wissen, ob mein Vater, der sich kurz vor der Flucht einen Schädelbruchzugezogen hatte, auch zum Volkssturm müsse. Er war noch gar nicht wieder gesund und auf einemOhr taub geworden.

     

Atteste zur Glaubhaftmachung hatte ich bei mir. Als Antwort erhielt ich die merkwürdige Frage:“ Ister Parteigenosse oder Volksgenosse?“. Ich sagte „ Volksgenosse“. „ Er muss zum Volkssturm“,erwiderte man mir. So geschah es auch.

       

Meine Mutter, Maruschka, ein Polenmädchen, und ich, waren zurückgeblieben.

     

Wir fütterten unsere Pferde, Hühner und Gänse, und lebten von den mitgebrachten Vorräten. Nachund nach wurden die Gänse und Hühner geschlachtet. Die Mahlzeiten waren so fett, dass bald derbeste Gänsebraten nicht mehr schmeckte.

     

Während der folgenden Wochen besuchte ich manchmal andere Flüchtlinge. Sie wohnten sehrbeengt, fügten sich aber mit Genügsamkeit in das Unabänderliche. Jeder dachte an seinzurückgelassenes Heim und hoffte auf eine baldige Rückkehr.

     

Kurz vor Weihnachten fuhr ich noch einmal nach Hause. In Königsberg war der Zug überfüllt, und inScharen stiegen die Menschen auf den anschließenden Stationen aus. Als ich aussteigen konnte, warich fast allein. Die Kleinbahn verkehrte nur noch unplanmäßig für besondere Transporte derWehrmacht. Infolgedessen legte ich den letzten Weg von 16 Kilometern zu Fuß zurück. In einem Ortwurde ich von einem Posten zur Wache geschickt, musste meine Papiere zeigen und bekam dannden Erlaubnisschein zum Weitergehen ins Frontgebiet.

     

.

     

Es war ein mühsamer Marsch. Schließlich kam ein Trosswagen, der mich ein Stück des Wegesmitnahm; dann bin ich weitergestolpert. Eine geisterhafte Stille lag über den leicht verschneitenFeldern. Nirgends brannte ein Licht, nirgends war ein Mensch zu sehen; nur eine Katze schlich überden Weg.

     

Am anderen Tag sah ich, was sich inzwischen verändert hatte.

     

Die zweite Holzbrücke im Dorf war fertig geworden, an der dritten, die für die Kleinbahn bestimmtwar, wurde gebaut (Die Brücke ist einige Wochen später noch fertig geworden, aber nur einmal solltedie Kleinbahn hinübergefahren sein). An der Deichkrone waren Schießstände ausgehoben. Die Felderwaren im Zickzack mit Laufgräben durchzogen. Vereinzelt trieb sich noch Vieh herum, das sich anHeuhaufen nährte.

     

Überall war Militär einquartiert. In unserem Hause wohnten Soldaten aus drei verschiedenenEinheiten. Sie hatten zur Abgrenzung voneinander die entsprechenden Zimmertüren verschlossenund benutzten verschiedene Ausgänge. Die Soldaten gehörten zur Etappe, denn die Kampflinie lagvierzehn Kilometer weiter am Rußstrom. Die Soldaten, die ich dort sprach, waren von derNutzlosigkeit jedes persönlichen Einsatzes überzeugt. Sie lebten das Leben so behaglich es nochirgend ging.

     

„ Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auch Adolf Hitler mit seiner Partei“ sangen sie gemeinsam. Schließlich wollte ich mit einem Lastauto zur Bahn fahren, aber es war überfüllt; das nächste war kaputt. Dann bin ich in einem geheizten Rotkreuzwagen, der mit Pferden bespannt war und in dem zwei Urlauber saßen, mitgefahren. Um 01.00 Uhr nachts konnte ich die schwüle Zelle verlassen. Der Wartesaal war mit Menschen überfüllt, die neben ihrem Gepäck hockten oder in unbequemer Stellung schliefen. Beschlichen von lähmender Müdigkeit habe ich die Nachtabgewartet. Erst mittags rollte der Zug für Zivilisten heran.

     

Die Weihnachtsfeiertage vergingen still, und Neujahr verlebten wir am Rundfunk. Wir hörten allerleigute Wünsche, jedoch die unheilvolle Zeit ließ keinen Frohsinn zu. Gerüchte von der großen Stärkeder Russen verbreiteten sich rasch. Propagandareden über unsere neuen Waffen erhellten kurzfristigdie erlöschende Hoffnung.

     

Am 13. Januar 1945 begann der russische Angriff. Die Feinde verzeichneten große Erfolge, währenduns grauenhafte Niederlagen trafen. Unsere Kräfte in Polen wurden aufgerieben, die Frontendurchbrochen. Reserven fehlten, und die feindlichen Massen fluteten heran. Sie erreichten binnenweniger Tage fast überall unsere alten Reichsgrenzen und rückten näher.

     

Pausenlos ratterten die Züge ins Reich, aber am 21. Januar wurde es sehr still, denn dieEisenbahnstrecke nach Berlin war bei Elbing abgeschnitten. Hunderte russischer Kriegsgefangenerwurden einige Tage lang auf dem Hof unseres Quartierbauern gespeist.

     

Zu dem Zweck waren unter anderem aus einem benachbarten Gestüt große fleischige Hengsteherbeigeführt und geschlachtet worden.

     

Flüchtlinge kamen aus allen Richtungen und irrten umher. Die Häuser waren mit Zivilisten undSoldaten so überfüllt, dass abends kaum ein freien Platz auf dem Fußboden zu finden war, auf demsich noch jemand hätte ausstrecken können. Aber aus dem Kessel gab es kein entrinnen. Nachtsglimmten viele Brände am Horizont im Norden, Osten und Süden. Kanonendonner ließ die Erdeerbeben. Starr und mit Schnee bedeckt waren die Felder, und winterlich kalt war es geworden.

     

Eines Tages traf mein Vater nach tagelanger Fahrt aus der Niederung ein. Er war nur mit wenigenKilometern Abstand vor den Russen hergefahren. Eins seiner drei Pferde wurde unterwegs von einemGranatsplitter getroffen und war dann zusammengebrochen. Unterwegs hatte mein Vater in einerNacht den Niederunger Volkssturm getroffen, meinen Bruder gesprochen, welcher sich ebenfalls aufdem Rückzug befand. Mein Bruder ist später mit dem Schiff nach Dänemark gekommen, was wir erstnach Jahren erfahren haben. Auch mit unserem früheren Tierarzt, welcher vor längerer Zeit wegenseiner unerschrockenen Meinungsäußerung und Schwärmerei für das vierte Reich viele Monatehinter Gefängnismauern zugebracht hatte, wechselte mein Vater ein paar Worte. Er fragte ihn „ NaDoktorchen, wie geht’s?“ „ Nun, Sie sehen ja, wir siegen“, meine er, was der parteilichenVerlogenheit entsprach.

     

Das Frische Haff war infolge des anhaltend strengen Frostes zugefroren. Ein Eisbrecher hatte dieFahrrinne längs des Haffs aufgebrochen. Pioniere haben darüber Überwegungen aus Bohlen undBrettern gebaut. Der Frost half mit, und ein Weg öffnete sich. Auf langen kurvigen Wegen, die sichunübersehbar weit durch das winterliche Gelände schlängelten, fuhr eine Wagenkette mitFlüchtlingen einer Spur nach, die sie auf das Eis des Haffs führte. Ein Schneetreiben verhüllte siedann.

    

   

  

                 

Ein Wehrmachtsoffizier gab uns den Räumungsbefehl. Die Russen standen damals bereits in Pyritz,kurz vor Stettin. Eine Errettung schien ausgeschlossen. Mein Vater fragte den Offizier, ob wir unswährend der künftigen Kampfhandlungen nicht irgendwo, vielleicht in den sandigen Hängenverstecken könnten, weil ein Fortfahren zwecklos wird. Der Offizier meinte, indem er mich ansah,zweifellos müssten wir abfahren, denn wir hätten wohl keine Ahnung, mit was für einen Gegner wires zu tun haben.

     

Wir beluden die drei Wagen und nahmen ein Ehepaar mit, das aus Königsberg stammte und auch imHause unseres Quartierbauern untergekommen war. Die Frau sagte mit Verbitterung, während sieeinige ihrer Habseligkeiten auf unseren Wagen verstaute: “ Was ich bin und was ich habe dank ichdir, mein Vaterland!“

     

Am 10. Februar 1945 fuhren wir ab und mieden zunächst den allgemeinen Weg. Wir fuhren durch einkleines fast leeres Fischerdorf am Frischen Haff. Auf dem Eis des Haffs lagen eingebrochene, halbversunkene, verlassene Bauernfahrzeuge herum. Wir betrachteten unsere schwer beladenen Wagenund wollten lieber neben den Wagen hergehen und die Pferde an der Spitze der Deichsel ziehenlassen, damit für den Fall des Einbruches nicht alles auf einmal unterginge.

     

Auf dem Eis kräuselte sich etwas Regenwasser, es war sehr glatt. Die Pferde waren scharfbeschlagen, und es ging im flotten Schritt vorwärts. Bald überquerten wir den ersten breiten Eisriss,den einige Bohlen und Bretter überbrückten. Weiter links befanden sich tote Kühe im Eisspalt.Hörner und Rücken ragten aus dem Wasser. Soldaten in weißen Kitteln standen dabei und hatteneinige Tiere herausgezogen, abgeledert und schlachteten sie aus. Schwarz-weiß-rote Flecken aufgrauem Eis.

    

   

     

                 

Allmählich verschwand das Festland am Horizont hinter uns. Die Nehrung suchten wir unaufhörlichmit unseren Augen. Auf primitiven Schlitten kam uns Nachschub für die Wehrmacht entgegen. Auchein Personenauto fuhr schleudernd über das Haff. Das hintere Ende rutschte seitlich nach links oderrechts, und die Vorderräder machten eine Gegenbewegung. Ich lenkte etwas nach rechts, denn essah gefährlich aus. Im nächsten Moment war das Auto herangeschleudert und prallte neben mirgegen das linke Vorderrad meines Wagens.

     

Es gab einen Krach, und die Deichsel brach ab. Ich fiel hin, und die Pferde rasten davon, während ichdie Leine in den Händen behielt. Auf der spiegelglatten nassen Eisfläche wurde ich mitgeschleppt.Schwengel, Ketten und Eisen beschlagene Pferdehufe wirbelten vor mir durcheinander. Ich zerrtehastig an der Leine und rutschte minutenlang den galoppierenden Pferden hinterher und schrie:

     

“ Prrr-Prr!“

     

Als sich die Tiere allmählich wieder beruhigten und ich aufstehen konnte, waren meine Beinkleiderdurchnässt. Das Auto stand schräg mit wenig Abstand neben meinem Wagen. Die Umstehendenwunderten sich, dass mir sonst nichts passiert war. Notdürftig wurden die Deichselhälften mit einemStrick zusammengebunden und die Pferde davor gespannt.

     

Es ging weiter.

     

Während der Stunde der Dämmerung erkannten wir endlich den Nehrungsstreifen mit den hohenBäumen. In der Nähe des Ufers gab es Aufwasser, das durch eine Obereisschicht mit etwas Schneeabgedeckt war.

     

Es zerbrach unter den Hufen der Pferde, und die Räder schnitten eine Spur. Ich watete bis an dieWaden im eisigen Wasser. Da raschelte in der Dunkelheit ein Mensch im dichten Schilf und beschriebuns den Weg, um an Land zu kommen.

     

Wir fuhren bis zu einer schilffreien Stelle, die fest war.

    

   

Unsere Fuhrwerke blieben auf dem Eis dicht am sandigen Ufer stehen.

     

Am flachen Hang zwischen hohen Kiefern saßen Menschen um ihr Lagerfeuer. Sie wärmten sich,manche aßen ihr Abendbrot.

     

Abseits im Dunkeln standen bepackte Wagen und müde Pferde. Wir schliefen in unseren Wagen aufden Sachen. Am anderen Morgen ersetzte mein Vater die zerbrochene Deichsel durch einenentsprechenden Baumstamm.

     

Einige überdachte Bauernwagen, die mit zahlreichen Zivilisten beladen waren, fuhren auf dem Eis innördlicher Richtung vorbei. Die Besitzer der Wagen erzählten, dass sie in einem Ort eineParteianordnung befolgen mussten. Sie bestand darin, den größten Teil der eigenen Sachen vomWagen zu werfen und Fußgänger mit Handgepäck mitzunehmen. Berge von Betten und Kisten undSpeck hätten dort im Dreck gelegen. Sie fuhren nach Pillau, um sich einzuschiffen.

     

Die Nehrungsstraße war nur für die Wehrmacht bestimmt. Deshalb lenkten wir unsere Wagen vomUfer fort auf eine Fahrspur, die in etwa 100 – 200 m Entfernung die Nehrung begleitete. Wirbefuhren sie in südlicher Richtung. Ab dem zweiten Tag setzten wir uns in die Wagen und liefen nichtmehr nebenher. Wir befanden uns bald in einer Wagengruppe, die Schritt vor Schritt fuhr.

    

   

        

              

Das Eis des Haffs dehnte sich in unübersehbarer Weite. Nach mehreren Stunden pausenloser Fahrterblickten wir mittags unter dem verschleierten Sonnenlicht am Horizont unzählige kleinedunkelgraue aneinandergereihte Punkte. Beim Näherfahren erkannten wir einen Treck, welcher überdas Haff in westliche Richtung fuhr. An einer Stelle schwenkten die Wagen rechtwinklig in südlicheRichtung ein. Nun befanden wir uns in einer Wagenkette, die unübersehbar war und sich amHorizont verlor. Manchmal lagen tote Pferde neben der Fahrbahn. Einzelne Wehrmachtspostenriefen:“ Wegen Einbruchsgefahr 50 m Abstand!“

     

Weit in der Ferne war ein zweiter Treck zu erkennen, der das Haff überquerte. An einer Stelle warenbeide Trecks vereinigt. Zu dem Zweck hatten Soldaten einen Zaun errichtet und eine Durchfahrt freigelassen, durch welche abwechselnd ein Wagen vom ersten und ein Wagen vom anderen Treckfahren sollte. Mein Vater fuhr vor mir. Er kam an die Reihe. Dann konnte ein Wagen vom anderenTreck fahren, aber ich wollte nicht abgetrennt werden und gleich meinem Vater folgen. So fuhren eingroßer Vierspänner und ich zugleich durch die Sperre. Dabei wurde ich vom sicheren Wegabgedrängt, musste rechts halten und fuhr über mehrere kleine Eisspalten. Noch weiter rechts lagenhalb versunkene Wagen.

     

Dann bemerkte ich unerwartet kurz vor meinem Wagen ein dreieckiges Loch im Eis – eineEinbruchsstelle-. Ich konnte nicht stehen bleiben, denn das Eis hatte zu viele Risse. Nach links konnteich nicht ausweichen, weil der große Vierspänner mich seitlich begleitete. Wäre ich ein wenigausgebogen, wäre ich mit einem Rad sicher ins Wasser gefahren. Ich musste genau darauflossteuern.

     

Die Deichsel war auf die Dreiecksmitte gerichtet, und für den Fall, dass ich herausspringen musste,war ich aufgestanden. Mit Entsetzen sah ich das dunkle sich kräuselnde Wasser unter der Deichselund sah, dass das Dreieck so breit war, wie eine Wagenspur. Meine Pferde traten nicht ins Wasser.„ Eingebrochen – da ist doch einer eingebrochen!“ rief jemand. Ich klatschte mit der Leine meinenPferden ermunternd auf die Kruppen. Der Schreck stand mir wirr vor Augen. Eingebrochen war ichdennoch nicht.

     

Inzwischen war mein Vater schon weit vorn. Ich beeilte meine Pferde, und als ich ihn erreicht hatte,war unser dritter Wagen, den Maruschka führte, auch da. Sie war mir gefolgt, aber vor derEinbruchsstelle hatten Menschen in die Zügel ihrer Pferde gegriffen und den Wagen sicherherumgeführt.

     

Die Fuhrwerke stauten sich zu einem kaum übersehbaren Haufen. Seitlich rechts lag ein toter Mann,dessen Kopf auf ein kleines Bündel gestützt war. Wir fuhren in großem Bogen um die Ansammlung herum und irgendwo weiter vorn hinein. Die Wagen waren so dicht zusammengefahren, wie früher auf dem Markt in einer großen Stadt. Auf dem Eis hatte sich durch die Belastung knöcheltiefesWasser gefunden und sämtliche Felgen waren blank gewaschen. Es war ein Wunder, dass das Eis hielt. Alle Fuhrwerke drängten zu einer Brücke hin, die über einen 1⁄2 m breiten und sehr langenEisriss führte, der den Weg kreuzte. Hinter der Brücke schlängelten sich die Wagen in einer Reihe weiter.

     

Es wurde dunkel. Der Vorderwagen war noch als Schattenriss zu erkennen. Von fern aus dem Ostenleuchtete ein großer Feuerschein herüber, der den halben Himmel färbte. Es fing an zu schneien.Nach einiger Zeigt drangen Rufe durch, die näher kamen und lauter wurden: “Alles halten – vorneeingebrochen – weitersagen!“. Hinter uns wurde es auch gerufen, bis die Stimmen sich allmählich inder Ferne und der nächtlichen Stille wie ein vielfaches Echo verloren. Dann stand der Treck. Balddanach sickerte Wasser nach oben. Dunkle große Flecken entstanden im Schnee unter den Wagen.Von Zeit zu Zeit fuhren wir ein paar Schritte weiter. So verging die ganze Nacht.

     

Als der Tag graute, setzte sich der Treck in Bewegung. Die weite Eisfläche des Frischen Haffs, dieverschneiten Hänge und Nadelbäume der Nehrung waren durch den Schnee wie verzaubert.

     

Erst vor Kahlberg veränderte sich das Bild. Der Treck stockte, und mehrere Wagenreihen standenschon nebeneinander; von hinten drängten weitere nach vorn. Stunden vergingen, ehe wir langsamvorrückend den Strand von Kahlberg sehen konnten.

     

Vor irgendeinem Wagen brach ein Pferd ein. Männer vom Volkssturm eilten mit Stangen herbei undhalfen dem Pferd aus dem Wasser. Die Einbruchsstelle wurde mit Brettern zugedeckt, dann rolltendie Wagen darüber. Stellenweise war das Eis sehr zerbrochen und nur mit Hilfe von zwei SchichtenBrettern, die grätenartig übereinander gelegt waren, befahrbar. Die Bretterwege musstenfortwährend zusammen geschoben werden. Ab und zu pfiff eine Russenkugel über unseren Köpfenhinweg und schlug in der Nehrung ein, dass es widerhallte.

     

Zahlreiche Wagen fuhren an Land. Die Pferde stemmten die Beine in den tiefen Sand, die Räderdurchpflügten ihn. Peitschenknallen und großes Geschrei begleiteten die Fuhrwerke.Volkssturmmänner griffen in die Speichen und halfen schieben, bis die Mole erreicht war.

     

Wir blieben unweit des Ufers stecken. Nach drei Tagen Fahrt auf dem Eis des Frischen Haffs warenwir froh, dass wir nun festen Boden unter den Füßen hatten.

    

   

Der Treck, der das Ufer noch nicht erreicht hatte, folgte schließlich einem Mann, der im Gehen mit einem Stock lange Kurven in den dünnen Schnee kratzte, um das Eis nach verborgenen Rissen abzutasten. Die Wagen fuhren südwärts weiter.

     

Mittlerweile wurde es finster. Noch am selben Abend rückten wir zwei Wagen vierspännig aus. Wirbrachten sie über den langen sandigen Strand, die gepflasterte, mit einem knöcheltiefen Schlammbedeckte Mole, durch finstere Straßen bis zum Ausgang des Dorfes. Vom dritten Wagen speichtebeim Anrücken ein Hinterrad aus. Es blieb bis zum nächsten Morgen liegen. Maruschka bewachte es.In der Nacht bin ich mehrmals von unseren Wagen durch den Ort zum Strand gegangen.

     

Während ich gerade bei unserem Wagen mit dem zusammengebrochenen Rad weilte, kam einMann, der einen Tafelwagen lenkte. Er fragte, ob in unserem Wagen noch ein Verwundeter wäre.Hier erfuhr ich, dass die Wagen vor Tagen zeitweise mit je einem Verwundeten belegt wordenwaren. Der Mann fragte außerdem, ob ich womöglich Betten oder Matratzen im Wagen hätte, dieich leihen könnte, um Verwundete, die noch in verschiedenen Wagen liegen, besser zum Lazaretttransportieren zu können. Ich reichte ihm drei Teile Schlaraffiamatratzen, und er legte sie auf dieBretter. Vier Verwundete wurde aus verschiedenen Bauernwagen geholt und quer aufgeladen,worauf nur ein Mensch längs Platz hätte.

     

Dann fuhr der Wagen stuckernd und rüttelnd ab. Ich sah mir den Transport an und folgte demWagen über die Mole, durch einige finstere Straßen und dann den Berg hinaus zum Lazarett. DieVerwundeten hingen beidseitig über, stöhnten manchmal etwas, wenn die Schlaglöcher sehr tiefwaren und rollten ein wenig hin und her. Ich fürchtete, dass der Letzte herunterfallen könnte undwar ständig bereit ihn aufzuhalten. Ich äußerte dem Fahrer meine Befürchtung, jedoch meinte der:“Da fällt keiner 'runter, aber was glauben Sie, wie die gestöhnt hätten, wenn keine Matratzen dagewesen wären“.

     

Als wir vor einem großen Haus angekommen waren, wurden die Verwundeten auf Tragbarengebettet und in den Flur getragen. Der Arzt sollte kommen, aber ich hörte gleichzeitig, dass er schonlängst Feierabend hätte.

     

Am anderen Morgen habe ich von verlassenen Wagenwracks Räder abmontiert. Ich rollte sie zu unserem Wagen. Mein Vater suchte das passende Rad heraus, hilfsbereite Männer hoben die Achse an, und mit einem Ruck saß das Rad am Wagen. Wir zahlten mit einem Sack Hafer und fuhren vierspännig ab.

     

An der Hauptstraße standen viele Menschen mit ihrem Handgepäck und wollten von denBauernwagen mitgenommen werden. “Eine Nähmaschine habt ihr auch noch“ riefen sie uns zu, „schmeißt sie herunter!“ Nachdem wir gehalten und drei Personen mitgenommen hatten, die bisStutthof bei uns blieben, durften wir weiterfahren.

     

Am Ausgang des Dorfes, wo unsere beiden anderen Wagen warteten, standen weitere Fuhrwerke.Manche Bauern waren mit dem Reparieren ihrer Fahrzeuge beschäftigt. Sie hatten die Wagenteile,Pungel, Säcke und Kisten ausgebreitet, die trostlos verworren anmuteten. Während ich einen Blickauf die kümmerlichen Reste ihres früheren Besitzes warf, dachte ich nach, wie ein solcher Anblickzeichnerisch festgehalten werden könnte. Trotz der außerordentlichen Ereignisse bot sich fast garnicht das „ Motiv“, das geeignet wäre, ein Bild zu werden, an. Mitten in meinen Betrachtungen riefmich ein alter Kerl an: “Was willst du hier, willst du was klauen?“.

     

Wir spannten unsere Pferde um. Nach wenigen Schritten Fahrt saßen wir in einem tiefen Dreck fest.Die Räder mussten öfters ausgegraben werden. Auch die anderen Menschen quälten sich mit derBagage mühsam weiter. Schließlich erfuhren wir, dass außer diesem zerwühlten Weg noch eineHauptstraße existierte, die eigentlich nur für die Wehrmacht sein sollte, aber auch vom Treckbefahren wurde.

     

Gleich über den nächsten Waldweg gelangten wir auf die Hauptstraße, die von hohen Kiefernumgeben und mit unzähligen Schlaglöchern übersät war. Wir reihten uns in den Treck ein, dessenFahrzeuge klappernd dahinter torkelten. Unsere Wagen wurden ebenfalls durch die vielenSchlaglöcher hin und her geschüttelt. Oft musste gehalten werden, weil irgendwo ein Malheurpassiert war. Ehe der Zug sich in Bewegung setzte, gab es lange Pausen.

     

Wir begegneten unseren Verwandten, die schon auf dem Festland ihre großen Wagen im Stichgelassen hatten und die wichtigsten Sachen auf ihre Pferde gepackt hatten, um schneller vorwärts zu kommen.

     

Auf der Nehrung hatten sie auf einem klapprigen Milchwagen ihre letzten Habseligkeitenzusammengelegt. Sie gaben uns ein Pferd ab, das nicht im Geschirr ging. Wir gaben dafür einen SackHafer. Die Tante meinte: “Nun sind wir Bettler geworden, und was waren wir doch früher für feineLeute“. Ich vernahm, wie vergänglich auch die Einbildung war.

     

Eine Zeitlang wurden wir seitlich von offenen Kastenwagen der Wehrmacht begleitet, auf dessenAußenkanten verwundete Soldaten hockten. Die meisten waren am Arm verletzt, einige hattenverbundene Köpfe; ihre Uniformen waren verschmutzt und abgerissen. Einige Männer, von anderengehalten, verrichteten ihre Notdurft über Bord. Zum Halten hatten sie keine Zeit. Sie überholten uns.An einer Stelle lag über einem Graben ein Bauernwagen auf der Seite. Der Besitzer erzählte, dass eram Abend vorher im Dunkeln den Weg nicht mehr gesehen hatte und umgestürzt war. Die Straßewurde ständig von Volkssturmmännern notdürftig ausgebessert, die mit Schaufeln und Spatenausgerüstet waren.

     

Wenn es dunkel geworden war, übernachteten wir auf der Straße, wo wir uns gerade befanden. Alsuns nach zwei Tagen Fahrt Durst plagte, schmolzen wir den flachen Schnee über einem Feuerchenaus Stroh und dürrem Holz. Nachdem wir ungefähr einen Liter Wasser im Topf hatten, filterten wirdie frische Flüssigkeit durch ein Taschentuch. Wir kochten sie mit trockenen Kräutern zu Tee, dernach alten Kiefernnadeln und Erde schmeckte. Im Wald fand ich einen Granattrichter, der zur Hälftemit schwarzem Wasser gefüllt war. Davon brachte ich den Pferden zu saufen, aber sie schmecktennur kurz das Zeug und zogen bald ihre Nasen aus dem Eimer.

     

Bei Tage wurde die Fahrt im Schneckentempo fortgesetzt. Hohe Kiefern säumten immer noch dieStraße. Die Wagen klapperten und schaukelten. Die Deichseln flogen infolge der vielen Schlaglöcherhin und her und schlugen gegen die Vorderbeine der Pferde. Die Halfter, welche an derDeichselspitze mit Ketten befestigt waren, klirrten und rissen an den Pferdehälsen.

     

Zwischendurch gab es durch Stockung verursachte lange Pausen. Soldaten mit verbundenen Armenund Köpfen in schäbigen Uniformen stolperten zu Fuß vorbei.

     

Auf einer Strecke behinderten große Löcher das Weiterkommen. Sie nahmen die halbe Straßenbreiteund mehr ein und lagen in kurzen zufälligen Abständen über die Fahrbahn verstreut. Die Wagenkurvten von Straßenkante zu Straßenkante und glitten doch immer wieder mit der einen oderanderen Räderseite bis fast zu den Achsen in die Löcher hinein. Sie waren tief und manchmal zurHälfte mit Wasser gefüllt. Unsere Wagen überstanden die Haltbarkeitsproben. Viele andere lagen am

       

Straßenrand, wo die Besitzer zwischen den Habseligkeiten die zerbrochenen Fahrzeuge geduldig reparierten.

     

Ein Stück des Weges war mit Ästen und Ruten ausgelegt. Ehe es dunkel wurde, wiesenVolkssturmmänner die Wagen von der Straße auf einen großen Platz. Der Platz war das Quartier fürdie Nacht. Hinter dem Platz stand ein Häuschen mit einer Pumpe. Zwischen den Wagen flammtenallmählich mehrere kleine Feuer auf, und die Menschen kochten etwas zum Abendbrot.

     

Als ich am anderen Morgen Wasser holte, kam ich an einem Wagen vorbei, an dessen Ende einMensch gelehnt ruhte. Ein Pferd lag vorn, und ich tastete mit dem Fuß danach, aber das Pferd rührtesich nicht mehr, es war krepiert. Hinter dem Häuschen gaben die Kiefern den Blick auf daszugefrorene Haff noch einmal frei. Im Sand lag ein ausgedienter Stahlhelm. Unser Weg auf derNehrung war ungefähr 20 km lang gewesen, und wir hatten ihn in 4 Tagen Fahrt hinter uns gebracht.Fortan rollten wir auf festen Straßen noch 15 Tage lang ununterbrochen.

     

Die Weichselüberfahrt mit der Motorfähre war sehr aufregend für die Pferde. Sie spielten unruhigmit den Ohren und stampften mit den Hufen auf die dröhnenden Bohlen. Als die Fähre am anderenUfer angestoßen hatte und die Barrieren geöffnet waren, ging es im tänzelnden Galopp an Land undhinauf auf den Weichseldamm. Weiden und Ackerflächen waren teils von Wasser überspült und mitunzähligen Pfählen umspickt. Auf den Feldern brüllte wieder herrenlos gewordenes Vieh.

     

In zwei weiteren Tagen erreichten wir Danzig. Aus dem Dächermeer der Stadt ragte die Marienkircheheraus. Die Durchfahrt erfolgte ohne Stockung mit Hilfe vieler Verkehrspolizisten, denn zweiTreckreihen durchquerten gleichzeitig die Stadt und verzweigten sich draußen wieder. Flüchtighuschten meine Blicke an den alten schönen Häuserwänden entlang und zu den ehrwürdigenTürmen empor.

     

In Oliva haben wir seit langem wieder Hände und Gesicht gewaschen. Am anderen Abend erreichtenwir Gdingen. Modernste, hohe, kastenförmige Häuser reihten sich in aufgelockerter Bauweise zubeiden Seiten einer sehr breiten Straße.

     

Wir fuhren durch Moorgegenden und hügeliges Gelände, durch Neustadt und Lauenburg. Daslangweilige Einerlei der Flüchtenden beherrschte die Straße.

     

In Stolp übernachteten wir neben den Trockenschuppen einer großen Ziegelei. In der Stadt trafen wirzufällig beim Futterholen einen alten Bekannten aus der Elchniederung. Er besaß nur noch seinenAnzug, den er gerade trug, denn er war überstürzt bei Königsberg von seinen Fahrzeugen vor den Russen geflüchtet. Außerdem sprach uns dort ein alter Mann an, den wir in Groß Hoppenbruch kennengelernt hatten. Er suchte seine Angehörigen, die ihm auf dem Eis des Haffs abhanden gekommen waren. Er sagte, dass er ein Stück der Treckreihe entlang gegangen sei und auf einmal nicht mehr wusste, ob er in Fahrtrichtung oder rückwärtiger Richtung gegangen war; und dann fander sie nicht mehr.

     

Irgendwo fragte uns auch eine Frau mit verzweifeltem Ausdruck, ob wir nicht einen Wagen, miteinem roten Teppich überdacht, gesehen hatten. So und so war das Muster gewesen. Derfranzösische Kriegsgefangene war mit ihren Kindern weitergefahren, während sie für die PferdeFutter geholt hatte. Sie fragte weinend andere...

     

In Schlawe erhielt der Treck Brotspenden. Bei Rügenwalde wehte Seeluft herüber.

     

Im Wald von Köslin stockte der Treck, und dann heulten lange die Sirenen. Es sprach sich durch:“Panzeralarm!!!“.

     

Schließlich setzte sich der Zug doch in Bewegung. In der Stadt hörten wir, dass die Stauung durchParteigenossen verursacht worden war, die die Wagen einzeln registriert hatten.

     

Sie sahen ihr Tun erst beim Ton der Sirenen als überflüssig ein und ließen sodann den Treckungehindert vorbeifahren. Einige Braununiformierte standen noch vor einem Haus neben einemTisch, und nahmen unseren Vorbeimarsch ab.

     

Als es dunkel geworden war unterbrachen wird die Fahrt, denn es war Zeit zur nächtlichen Rast. Wirfütterten die Pferde und wollten uns zum Schlafen hinlegen. Da eilten in der Dunkelheit Menschen inScharen vorbei. Sie kamen zu Fuß und führten beladene Fahrräder und vollgepfropfte Kinderwagen.Einige schleppten Rucksäcke, andere zogen bepackte Handwagen. Es waren Bewohner von Köslin. Sieberichteten, dass die Russen schon ihre Stadt beschießen.

     

Unter diesen Eindrücken bespannten wir wieder die Wagen, und es sollte weitergehen. Aber amOrtsausgang war die Straße nach Kolberg durch die entstandene Panik mit drei nebeneinanderstehenden Wagenreihen vollkommen verstopft. Nur eine Straße, die zunächst in südliche Richtungführte, war noch befahrbar. Wir wählten den Umweg und fuhren in Begleitung weniger Wagenwährend der ganzen Nacht und des folgenden Tages ununterbrochen.

     

Uns begegneten einige Flüchtlingswagen, die aus unserer Richtung kamen, in die wir gerade fuhren.Im Übrigen war die Straße unheimlich leer.

     

Abends kamen wir in einem Dorf im Kreise Kolberg an. Die Dorfbewohner erzählten, dass sie auch schon den Räumungsbefehl hätten und am nächsten Morgen fortfahren sollten. In der Nacht wurde ich durch ein ratterndes Geräusch im Schlaf gestört. Morgens war es still, und wir fuhren in Richtung Kolberg.

     

Im Straßengraben lagen einige umgekippte Lastautos. Aus einem dampfte es leicht. Es schien, alslägen sie noch nicht lange da, sicherlich erst seit der letzten Nacht.

     

Als wir einen Ort namens Spie erreicht hatten, bogen wir in westliche Richtung ein. Die Straße führteüber Treptow nach Kamin und bot wieder das alt gewohnte Bild der endlosen Wagenkette.

     

Nach einigen Stunden ununterbrochener Fahrt traten erneut Stockungen ein, die von kleinemAufrücken unterbrochen waren. Wieder gab es eine unheimlich lange Wartezeit. Zwei Soldatenkamen aus Treptow und gingen nach Kolberg. Sie sagten, dass vorn alles in Ordnung sei und sie nichtwüssten, warum der Treck stünde.

     

Später kam ein Polizist und berichtete: “Die Russen sind in Treptow und lassen keinen Wagenweiterfahren“. Er riet uns, unverzüglich ins nächste Dorf zu fahren. Er meinte, es könnte sein, wenndie Russen mit ihren Panzern kämen, dass sie alles überfahren: die Pferde, die Wagen und was sichdarin befindet. Darum sollten wir nicht auf der Straße stehen bleiben.

     

Wir fuhren nach Güttslaffshagen, das 1 km von jener Straße entfernt lag und ein geschlossenesKirchdorf war, in dem fast nur Bauern wohnten.

     

Auf einem Hof spannten wir die Pferde aus. Dem Bauern missfiel unser Benehmen, aber wir blieben.In der Küche durften wir uns wärmen und das mitgebrachte Essen zubereiten.

     

In demselben Hause bewohnte eine evakuierte Frau mit ihrem 5jährigen Kind ein kleines Zimmer. Sierief uns zu sich, als sie sah, dass der Bauer uns nicht in seine Wohnräume aufnehmen wollte. Es waräußerst beengt in dem Zimmer der Frau, aber doch geräumiger als auf den Wagen draußen. Nachtsschliefen wir auf Kisten und dem Fußboden, wo gerade noch Platz war. Unsere Maruschka schliefnoch in einem Wagen.

     

Vom 4. März 1945 unter Polen und Russen

     

Eines Tages fuhren auf der Fernstraße in Richtung Kolberg zahlreiche Panzer. Ein anderes Malwurden viele Pferde vorbei geführt.

     

Mit Neugierde und Misstrauen sah ich den kommenden Ereignissen entgegen.

     

Als 8 Tage vergangen waren, kamen die ersten russischen und polnischen Soldaten und machten ineinigen Häusern „Besuch“.

     

Ich sah vom Abort durch Ritzen zwischen morschen Brettern, wie sie sich auf einem Lastauto zuschaffen machten und wiederholt in ein Haus liefen. Ein anderes Mal kamen sie auch zu unseremBauern. Sie luden Schnaps aus und wurden von der Bäuerin im Wohnzimmer mit leckeren Speisenbewirtet, die fein dufteten. Die fremden Soldaten sagten: “Danzig ist schon frei“ und berichteten,dass Kolberg noch nicht frei war. Es klang seltsam. Die Soldaten drückten sich mit dem polnischen und lettischen Mädchen in verrollten Betten und nahmen sie schließlich auf ihrem Auto nach Treptow mit. Nach einigen Stunden brachten sie sie mit schweren Koffern voll guter Kleidung und Wäsche zurück.

     

Eines Nachts kam ein Soldat, trommelte gegen die Scheiben, stieß mit den Füßen gegen die Haustür,fluchte dauernd und wollte herein. Wir zogen uns im Dunkeln an, während wir vor Schreck zitterten.Als er immer heftiger wurde, öffnete ihm jemand. Mit einem flackernden Talglicht schlich er durchdie dunklen Räume. In unser kleines Zimmer kam er auch, leuchtete jeden in sein erschüttertesGesicht, murmelte einige unverständliche Laute, stieß mit seiner Schulter auch an meine und wollteAntwort haben, aber ein jeder stand wie versteinert.

     

Dann ging er weiter und fand das lettische Mädchen in der Stube, die mit einer verschlossenen Türan die unsere grenzte. Während er brummte, wimmerte sie ängstlich. Sie sprach dann lauter, alswollte sie ihn überreden. Schließlich sprachen beide zugleich immer schneller, immer lauter. Ichverstand kein Wort der fremden Sprache. Dann flehte, schrie, kreischte und weinte sie – und erknurrte dazu. Endlich ging er fort. Am anderen Morgen erzählte Maruschka, dass sie entsetzlicheAngst ausgestanden hatte, weil sie befürchtet hatte, der Soldat würde noch die Wagen durchsuchenund sie finden. In seinen Flüchen soll er erklärt haben, dass er die Pferde und das ganze Viehabschlachten wolle, wenn er nicht hereingelassen werden würde. Fortan schliefen Maruschka unddie Lettin zu meinem Erstaunen nur noch auf dem Heuboden.

     

Polnische Zivilisten durchschnüffelten die Höfe und nahmen mit, was sie für brauchbar hielten. EinesTages kamen in unsere kleine Stube zwei Polen und setzten sich aufs Sofa. Da fiel mir erst ein, dassunsere Pistole noch im Koffer unter der Bank lag. Als die Polen sich eine Weile wortlos das Zimmerangesehen hatten sagten sie, dass sie 4 Hühner mitnehmen wollten. Wir sagten ihnen, dass wir nichtder Bauer wären, darauf gingen sie unverzüglich hinaus. Gleich darauf entfernte mein Vater diePistole aus dem Hause und vergrub sie. Wir hatten uns überlegt, uns nicht selbst ein Ende zumachen. Unsere Lage war hoffnungslos, aber wir waren zu der Überzeugung gelangt, dass zumSterben auch noch später Zeit ist. Eine Mutter von drei kleinen Kindern hatte durch die Ereignissedie Nerven verloren und sich im knietiefen Bach ertränkt, der durch das Dorf plätscherte.

     

Die Russen kamen immer häufiger nach Güttslaffshagen. Die Mitglieder unserer Familie sind nichtnach einer Uhr oder Gold gefragt worden, was bei den anderen Deutschen schon Neid erregte. Wirhatten uns rechtzeitig die schäbigste Kleidung angezogen, die wir noch besaßen. Einmal sagte einrussischer Soldat zu meinem Vater in apartem Deutsch, während ich über den Hof ging: “Weg mit derMarjell, verstecken!“. Diesen Ausspruch habe ich mir sehr gemerkt.

    

   

               

Am. 18. März gingen Polen und Russen durch die Häuser und befahlen die Räumung innerhalb weniger Stunden.

     

Von einem Ende beginnend, fegten sie dann das ganze Dorf leer. Einen Wagen ließen wir stehen.Eines unserer Pferde erhielt unser Quartierbauer, denn die Russen hatten seine zwei fetten Gäulefort geholt. Ein anderes Pferd gaben wir einem Flüchtling, weil die Russen eines seiner Pferdeausgespannt hatten und ein weiteres stehen blieb, da es zum Krepieren müde und krank war.

     

Wir nahmen die Frau und ihr Kind mit, bei der wir zuletzt Unterkunft gefunden hatten. Maruschkaentfernte sich von uns. Sie wollte nach Hause fahren.

     

Unterwegs begegneten wir zwei mit Pferden bespannte Kastenwagen. Darin saßen fremde Soldatenund lachende Mädchen, die Karabiner in den Händen hielten. Über einen schmutzigen Feldwegkamen wir in einen Wald. Es wurde gehalten. Die Menschen fragten sich gegenseitig, wohin eseigentlich gehen sollte. Niemand wusste etwas, alle waren ratlos.

     

Unterdessen sprengte ein russischer Kavallerist im Galopp mit großem wehenden Umhang, denKarabiner mit der Rechten in der Luft schwenkend, durch den Wald.

     

Herrenlose Kühe, von denen sich eine melken ließ, suchten Futter und gingen vorbei. Als es dunkel zuwerden begann, suchten einige Menschen abseits vom Weg und Wald eine Bleibe. Wir waren denWeg entlang durch den Wald hindurch gegangen und hatten ein Gehöft erblickt. In Begleitung einigeranderer Flüchtlingswagen fuhren wir dorthin.

     

Die Nacht verging ruhig. Am anderen Morgen, als wir bei unseren Wagen standen, kamen vom Waldher, quer über die Felder zwei deutsche Soldaten. Der Jüngere trug noch ein Gewehr, der Älterehatte es schon fort geworfen. Beide waren zerlumpt und baten um Essen. Wir schickten sie sofort inden Wald zurück und versprachen, das Gewünschte zu bringen.

    

   

Ich packte mancherlei Essbares in eine Tasche und trug es hin. Die Beiden waren erfreut. Sie erzählten, dass sie von anderen Deutschen nach dem Russeneinmarsch verächtlich behandelt,beschimpft und von der Tür gewiesen worden waren, ohne ihre Bitte um Brot erhören zu wollen.

     

Sie hatten zu einer Kampftruppe gezählt, die von Norwegen gekommen war und fünf Tage nachihrem Einsatz bei Kolberg durch Stalinorgeln völlig aufgerieben worden war. Die beiden Soldatenwollten versuchen, sich durch die Front zu schlagen. Nachdem ich aus dem Wald zurückgekommenwar, riet mir mein Vater, niemand von der Begegnung zu erzählen, denn man könne keinem mehrtrauen.

     

Am Nachmittag kamen etwa zehn berittene russische Soldaten auf den Hof. Sie trugen lange weiteMäntel, die den kleinen Pferden manchmal bis über die langen Schwänze reichten. Ein Russe stiegab, kam in das Haus und befahl die sofortige Räumung des ganzen Gehöftes. Dann bestieg er seinPony wieder und die Gruppe schickte sich zum Abmarsch an. Kaum hatten sie das Hoftor passiert,lenkten sie ihre Pferde um und kamen zurück. Derselbe Russe, der vorhin den Befehl zur Räumunggegeben hatte sagte nun, dass wir ruhig die kommende Nacht noch bleiben können und am nächstenTag weiterfahren sollten. Er war sehr freundlich dabei, und alle freuten sich darüber.

     

Inzwischen waren auch die übrigen Soldaten von ihren Pferden gestiegen und hatten sie in dieScheune geführt. Sie kamen ebenfalls ins Haus, sprachen einige deutsche Worte, lachten undmachten Späße. Es wurden einige Hühner geschlachtet, gebraten und ein gutes Mal bereitet, wiewenn es sich um einen lange erwarteten Besuch handelt, den es auf das Beste zu bewirten galt.

     

Ich hörte mir das Lachen und Geschirrklappern aus unserem Wagen an. Als es dunkel geworden war,legte ich mich darin zur Ruhe. Nachts erkletterte ein Russe, der eine brennende Kerze in der einenund eine Maschinenpistole in der anderen Hand trug, meinen Wagen. Schon als er auf der Deichselbalancierte, schaukelte das ganze Fahrzeug. Ich sah das flackernde Licht und die näher kommende Gestalt und gab meinen Vater, der im selben Wagen schlief einen Stoß, worauf er sich sofort aufrichtete.

     

Dann fragte der Russe nach „Germanski Soldat“ was verneint wurde, und wer ich wäre.
“Moie dotjka“ sagte mein Vater. Ich musste mich aufrichten. Er sah mein verschlafenes Gesicht undging wieder fort.

     

Am anderen Morgen sind die Russen in aller Frühe davon geritten. In den müden Gesichtern derFrauen hatten sich die Ereignisse der letzten Nacht geprägt. Sie waren schweigsam und sahen verzagtaus. In der Küche stand ein junges Mädchen und starrte abwesend unentwegt auf den Fußboden.Eine alte Frau sagte immer wieder in bedauerndem Tonfall: „das arme Kind, das arme Kind“.Außerdem hörte ich, dass in der Nacht einige Frauen in den Wald gelaufen waren und die Russenhinterher geschossen aber niemand getroffen hatten. Auf dem Hof lag blutverschmiertes, mit Erdeberolltes Bettzeug.

     

Die Flüchtlinge bespannten ihre Wagen und verließen das Gehöft. Sie fuhren einen Feldweg entlangund machten unterwegs viele Pausen. Unweit des nächsten Dorfes, dicht am Weg, lag ein Sandberg,der in einer bogenförmigen Vertiefung ausgegraben war. Darin lag ein totes Pferd, von welchem dieRaben schon viel weg gefressen hatten, denn das Gerippe sah hervor.

     

Der Berg bot Schutz gegen den kalten Wind und gegen fremde Einblicke, wobei noch etwasStrauchwerk die Sicht von der anderen Wegseite abschirmen half. Hier blieben die Fuhrwerke füreinige Stunden stehen, denn keiner traute sich ins nächste Dorf zu fahren. Erst am spätenNachmittag, als alles ruhig schien, wagten wir uns weiter.

     

Am ersten Haus des Dorfes hielten wir an, um uns nach den Begebenheiten zu erkundigen. Auf demHof befand sich vor der geöffneten Haustür ein beladener Flüchtlingswagen, auf dem einige Hühnerstanden und aus den vollen Hafersäcken ihr Futter heraus pickten. Einige Schweine liefen herum. Estrat kein Mensch heraus, infolgedessen trat ich ein. Sämtliche Zimmertüren standen offen. Auf einemTisch lagen Eier, Brot und andere Lebensmittel herum; die Schränke waren offen. Auf dem Fußbodenlagen Kleidungsstücke zwischen herausgezogenen, halb vollen, durchwühlten Wäscheschubladenherum. In großer Hast war der gesamte Hausrat in Bewegung gesetzt und dann im Stich gelassenworden. Aus allen Winkeln gähnte trotz der Fülle der herumliegenden Sachen die Leere.

     

Ich ging zu unserem Wagen zurück. Voll Unentschlossenheit warteten wir ab, bis uns schließlich dieLangeweile weiter trieb. In der Hauptstraße blieben wir zunächst wieder stehen, denn wir sahen, wiesich am anderen Ende des Dorfes eine Plünderergruppe zu schaffen machte. Sie bestieg bald ihrenPferdewagen und sprengte im Galopp davon.

    

   

Vor einigen Häusern lagen aufgeschlitzte Betten und Federn wie Schnee, mit denen gerade der Wind spielte. Türen und Fenster standen offen. Gardinen flatterten wie weiße Fahnen. Die vielen vollgepackten Flüchtlingswagen übergaben einiges von ihrem durcheinander gewühlten Inhalt derStraße. Heraus gezerrte Kleidungsstücke und Lebensmittel lagen im Schmutz. An der Runge wehte ein Brautschleier. Die Stille war unheimlich. Die Bewohner waren fortgetrieben.

     

Wir fuhren zum Abbau des Dorfes. Es bestand aus 5 kleinen Bauernhöfen, die an einem Sandweglagen. Auf dem letzten Hof kehrten andere Familien und wir ein. Zur Stunde unserer Ankunft war derBauer noch verjagt. Unsere Pferde stallten wir im Wagenschauer, aus dem wir einen Wagenherauszogen und in der Scheune ein, sonst war kein Platz mehr.

     

Am selben Abend backte in der Küche eine willkürlich zusammen gewürfelte Gemeinschaft vonFlüchtlingen Brot. Zu dem Zweck haben sie auch eine große Milchkanne mit Mehl entleert, die aufder Rampe vor der Tür umgekehrt gestanden hatte und haben den Backofen mit Holz eingefeuert,das draußen lag.

     

Um die Zeit kam der Bauer nach Hause. Er war über das geschäftige Treiben das in seinem Hauseherrschte, überrascht. Er erzählte, dass seine Familie und viele andere sich im Nachbardorf befinden.Nachdem er erfahren hatte, dass unserer Familie die Pferde im Wagenschauer gehörten fragte eruns, wo der Sack mit dem Speck geblieben ist, den er unter den Wagen gelegt hatte. Wir wussten esnicht, wir hatten den Sack mit dem Speck nicht mehr gesehen. Er war misstrauisch und enttäuscht.Noch in der gleichen Nacht hat er seine Frau und seinen 15jährigen Sohn zurückgeholt. Die vielenvollen Wagen der Flüchtlinge standen teils im Hof, teils im Garten, der durch keinen Zaun abgegrenztwar, teils in einer Sandkuhle hinter dem Kuhstall zwischen hohem Ginster.

     

Jeden Tag kamen Russen oder Polen und plünderten die Wagen. Ehe sie den Hof erreicht hatten,hatte meistens schon irgendjemand ihr Kommen bemerkt und verkündet.

     

Dann liefen Lotte und ich in die Scheune und krochen ins Stroh. Lotte war 17 Jahre alt. Ich hatte siegerade erst kennengelernt. Ihre Eltern hatten sie auf einem Wagen aus dem Memelland mitgebracht.

     

Die Plünderergruppen kamen oftmals mit Kutschwagen und nahmen auch Pferde mit, die sie hintenam Wagen festbanden. Wenn sie fertig waren, feuerten sie einen Schuss in die Luft ab, und dannrasten die Pferde im Galopp davon.

    

   

               

Als mich erneut die Nachricht erreichte: “Die Russen kommen, sie sind schon da, schnell fort!“ , lief ich ohne Überlegung aus dem Haus in den Garten. Da waren die Russen mit Karabinern schon hinter mir her und einer rief: “Stoi!“ und zeigte: mitkommen!!

     

Es gab ein Gerede, in dem keiner den anderen verstand. Meine Eltern waren auch herbeigeeilt. EinRusse mit gierigem Blick hielt den Lauf seines Gewehres auf mein Gesicht gerichtet. Meine Mutterkniete vor ihm und flehte wortlos mit zusammengelegten Händen für mich. Ich heulte. Mein Vaterholte eine silberne Uhr aus der Tasche und gab sie dem Russen. So gelang es ihm, mich loszukaufen.

     

Die Russen kamen bis zu fünfzehn Mal am Tag, und ich traute mich aus der Scheune selten heraus.Die Scheune bestand aus einer Tenne und zwei Seitenfächern. Nur das Fach zur linken Hand war halbmit Stroh gefüllt, in das wir hinein krochen, wie es eben ging; das Leere zur Rechten diente alsPferdestall. Über dem Fach mit den Pferden lagen auf hohen Balken zur Hofseite hin Stangen, die ineiner Ecke mit Stroh bepackt waren.

    

   

In dem Haufen richtete ich mir eine getarnte Liegestatt ein. Lotte war mir beim Bau behilflich. Wir kletterten an einem Ständer hoch, balancierten über Balken und Stangen und erreichten ohne Leiterden Schlupfwinkel, denn klettern konnten wir damals beinahe wie Ratten. Der Platz war so groß, dass wir zwei gut nebeneinander schlafen konnten.

     

Eines Tages lernte ich Erna, eine 19jährige kennen. Sie war mit ihrer Mutter aus Tilsit evakuiertworden. Beide schliefen in einem Zimmer, in welchem außerdem eine Stettinerin mit ihrem Kind,eine ältere Lehrerin und noch eine Frau wohnte, die sehr viele Läuse hatte.

     

Erna und die Mutter waren auch im Nachbardorf gewesen, wohin die Russen die Bevölkerunggetrieben hatte. Sie erzählte von den Massenquartieren für die deutschen Zivilisten und der Willkürder Russen.

     

Auf der Tenne der Scheune wohnten 2 Familien. Eine junge Frau mit ihrer Mutter und kleinem Sohn,die ein großes Gut besessen hatten; außerdem ein alter Mann, der von Beruf Fleischer gewesen warmit seiner alten Frau, einer 20- und einer 40jährigen Tochter und einer fast erwachsenenEnkeltochter. Die 20jährige Tochter war sehr groß und trug dunkle lange Kleider nach der Mode um1900, gelegentlich auch eine Brille aus jener Zeit mit den kleinen ovalen Gläsern. Wenn die Russenkamen, zog sie das Kopftuch tief in die Stirn, machte einen Buckel und beugte sich über ein frommesBuch mit abgegriffenem Goldschnitt. Sie sah aus wie eine Großmutter, wenn man sie nicht kannte.

     

Lotte und ich beobachteten die Ereignisse auf dem Hof durch Schlitze, die wir in die Schalung, dieunser Strohversteck abgrenzte, geschnitten hatten.

     

Die Plünderer kamen in Jagdwagen. Eine Gruppe fuhr in Gesellschaft eines deutschen Mädchens. Siesteckten einige Gänse dazu, die sie sich soeben gegriffen hatten und fuhren weiter. Andere nahmenHühner und Schweine mit. Sie durchwühlten die Flüchtlingswagen, nahmen gute Kleidung und neueStoffe mit, zerschlugen Konservengläser mit eingemachter Wurst und nahmen Weckgläser mitFrüchten mit; zuerst den Luxus und die Leckereien. Später nahmen andere Plünderer das, was sie vondem übrig gebliebenen fanden. Die Deutschen waren in den Stunden der Ruhe viel damit beschäftigt,immer geeignetere Verstecke herauszufinden. Der Erfolg blieb ungewiss.

     

Wenn Plünderer kamen, war mein Vater meistens auch auf dem Hof. Wahrscheinlich wollte er dieBande ablenken, sagte ihnen einige russische Brocken, die er im 1. Weltkrieg gelernt hatte. Meine Mutter warnte meinen Vater und sagte, er solle sich lieber verstecken, denn in Althof, das unweit von Schwedt liegt, hätten die Russen alle Männer mitgenommen.

     

Noch öfter begrüßte ein alter Litauer mit stopplig grauem Gesicht die Plünderer. Er hatte einenkleinen Zeh angefroren und einen riesigen Verband um den Fuß gewickelt. Als Schuhersatz diente eingroßer schmutziger Sack, womit er wirkungsvoll anzugeben verstand.

     

Der Mann sah aus, als hätte er einen Klumpfuß. Er humpelte über den Hof. Einige Russen kamen imLastauto und verluden den gesamten Hafer, den der Bauer noch auf seinem Boden liegen hatte undverschwanden damit.

     

Ein anderes Mal schleppten Russen eine Kanne Milch aus dem Hause über den Hof. Sie gaben demBauern einige heftige Tritte in sein Gesäß und beschimpften ihn mit „Kapitalist!“.

     

Das kam so: Am Weg hatten Kinder gesessen und geweint. Die Russen waren zu den Mütterngegangen, die neben ihren Wagen hinter dem Stall standen und hatten sie gefragt, warum die Kinderweinten. Der Bauer hatte ihnen keine Milch gegeben, hatten die Frauen geklagt. Daraufhin haben dieRussen die Milch geholt.

     

Drei berittene Polen wechselten das allgemeine Bild der Aufdringlichen etwas ab. Sie begegneten aufdem Wege einem deutschen Mädchen. Sie nötigten es auf den Hof. Ein Pole stieg vom Pferd undbegleitete es in den Schweinestall, während die beiden anderen zunächst auf ihren Pferden sitzenblieben und warteten.

     

Nach einer Weile kam der Erste heraus und der Nächste ging herein. Als er wieder kam, ging derDritte hinein. Er verließ erst nach mehrmaligen derben Stößen gegen die Tür den Schweinestall. Sieritten davon. Das Mädchen schlich mit hängendem Kopf vom Hof.

     

Eine Plünderergruppe war kostümiert. Der eine Kerl trug PG-Uniform mit Hakenkreuzbinde undZylinder, ein anderer einen deutschen Soldatenmantel mit braunem Hut, der dritte Räuberzivil. Allehielten unter dem Arm die abschussbereite Maschinenpistole.

     

Am 26. März durchschnüffelte eine Plünderergruppe alle Winkel. Der Litauer humpelte über den Hofund zwei andere Männer waren ebenfalls zu sehen.

     

Nach einer Weile übersetzte der Litauer die Wünsche der Russen. “Alle Männer sollen herkommen!“.

       

Da kam mein Vater erst die Erleuchtung und versteckte sich zwischen Ginsterbüschen hinter demStall. Aber es half nichts. Sie suchten, fanden und schlugen ihn, und er musste wie die anderenMänner mitgehen. Meine Mutter weinte verzweifelt. Der Litauer mit dem Sack um den Fuß blieb zurück.

     

Die Deutschen taten, als sähen sie den Geschehnissen gleichgültig zu oder verbargen sich, um nichts zu sehen. Einige saßen wie gelähmt in Winkeln, während die Banditen eilten, nach verlockendenSachen suchten, um mitzunehmen, was ihre Vorgänger noch nicht gefunden hatten. Auf einemNachbarhof hatte eine Frau ihren Koffer nicht loslassen wollen, als ein Russe ihn ergriffen hatte. Siehatte mehrere Bauchschüsse bekommen und ist unter Qualen gestorben.

     

Nachdem mein Vater fortgeschleppt war, fütterte ich unsere fünf Pferde. Der Bauer verweigerte Heuund Stroh für die Tiere. Zufälligerweise konnte meine Mutter der Besitzerin des Nachbargrundstücks2 Pferde leihen. Zwei Pferde verschenkte sie an Interessenten, bis eines Tages auch diese von denRussen entführt waren. Somit betreute ich nur noch ein Pferd, welches an einem Bein eineunansehnliche Verdickung hatte, die von einer früheren Verletzung herrührte.

     

Am 8. April zogen meine Mutter und ich mit den zwei Wagen und dem Rest unserer Habe zumNachbargrundstück um. Meine Mutter konnte sich in einer kleinen Kammer hinter der schwarzenKüche eine Schlafstelle einrichten. Ich zog in die Scheune und baute mir sofort einen kleinenUnterschlupf im Stroh.

     

In der Scheune wohnten 3 Familien, die jeden Abend eine Stunde lang laut in dauernderWiederholung beteten: „Gegrüßest seist du Maria, gebenedeit ist die Frucht seines Leibes„. Und abund zu das „Vaterunser“.

     

Eines Abends ging ich zum Nachbarhof, den wir zuvor bewohnt hatten, um einige Lebensmittel ausdem Garten auszugraben, die ich an verschiedenen Stellen in der Erde verscharrt hatte. Ehe ich denersten Spatenstich gemacht hatte, sah ich das Licht einer Taschenlampe an der Hauswand hastig auf- und abgleiten.

       

Das Licht geisterte auch an der Scheune hoch und in den Garten hinein. Ich legte mich auf die Erde,um nicht vom Schein getroffen zu werden. Es war zu spät. Der Schein der Lampe richtete sich an mich und ruhte auf mir. Ich stand auf. Eine Gestalt war an mich herangekommen, strahlte meinGesicht mit erhobenem Arm aus kürzester Entfernung an und sagte: “Mitkommen!“.

     

Ich griff nach der Hand mit der Taschenlampe und kehrte den Schein gegen den Kopf des Anderen.Ein kleiner bewaffneter Russe, eine unscheinbare Knechtsgestalt mit grinsendem Gesicht stand vormir. Ich fragte: “Wohin?“. Der Schein richtete sich wieder auf mich. Er zeigte zu den Heuhaufen. Ichmeinte: „Nein“. Er fragte: „ Allein?“. Ich log: “Nein“. “Wieviel?“. “Drei“. In die Scheune zeigte er, undich ging mit.

     

In der Scheune lagen die beiden Flüchtlingsfamilien schon auf der Tenne, um zu schlafen, so still, wieaneinandergereihte Tote. Weiter hinten in der Reihe lag zwischen den Schlafenden ein großer Russe.Während er mit einer Hand an seinen Hosen fummelte, in der anderen die Pistole hielt, redete er zueiner Schlafenden, die sich aus ihrer versteinerten Haltung nicht rührte.

     

Der kleine Russe hatte mir unterdessen das freie Unterbett mit einer Handbewegung angeboten. Ichfürchtete Schreckliches und streichelte mit gleichgültiger Miene voll Entsetzen seine Schulter undArm. Schließlich erinnerte ich mich an die Doubleuhr, die ich für alle Fälle am Arm trug. Ich öffnetedas blänkernde Armband und reichte sie dem Russen. Er drehte an der Schraube, hörte wie sie tickte,strahlte über das ganze Gesicht und sagte: “Itsch, itsch!“. Der große Russe mischte sich nicht ein,worüber ich froh war. Ich lief so schnell ich konnte durch die Nacht in mein Nest.

     

Unser vorheriger Quartierbauer war von den Russen zum Bürgermeister ernannt worden und solltefür die Landbestellung sorgen. Er kam und holte sich zwei unserer Pferde zum Arbeiten. Wir gabensie hin. Während die Pferde auf dem Acker die Egge zogen, kamen Polen des Weges, nahmen diePferde und führten sie fort. Damit war die Ackerei beendet.

     

Neuigkeiten vom Nachbarhof erzählte mir Lotte, als sie mich besuchte. Die Russen waren mit einemLastauto erschienen und hatten alle Bewohner des Hofes, etwa 35 Personen, ins Wohnhaus gesperrt.Sie hatten volle noch vernagelte Kisten aus dem Flüchtlingswagen geholt, ohne den Inhalt zu prüfen,und damit das Lastauto voll geladen. In der Scheune hatten sie gründlich mit Säbeln im Stroh nachversteckten Sachen gesucht. Einer war dabei auf einen festen Gegenstand gestoßen, griff nach ihmund hatte einen Schuh und Fuß in der Hand. Er entdeckte staunend die Person und Erna, die neben ihr lag und fragte: “Noch mehr?“. Er geleitete sie ins Freie. Beide Mädchen konnten ungehindert zum„Grund“ laufen, so hieß das kleine Tal, das hinter den Feldern der Bauern lag, in dem ein Bach floss.

     

Was dem Einen zustößt, kann dem Anderen auch passieren. Ich wollte verhindern, dass mein Nestdemnächst auch mit Säbeln erobert wird, und beschloss, ein dickwandrigeres Versteck zu bauen. Ichräumte ein Strohfach aus, und Lotte vom Nachbarhof half mir, denn sie wollte fortan wieder bei mirwohnen. Zwei Außenwände, davon eine aus Brettern und eine aus Kalksandsteinen waren gegeben,zwei bauten wir aus Garben hinzu. Sie wurden beinahe 2 m dick. Wir holten mehrere lange Stangenvom Hof und benutzten sie als Balken. Darauf wurde das restliche Stroh gepackt. Die Decke warungefähr 1 1⁄2 m dick geworden. In einer Ecke der Decke haben wir einen schräg liegendenEinschlüpfgang geschichtet, der durch zwei Garben von innen zugezogen werden konnte und vonaußen unkenntlich war. Ich lüftete ein wenig die Holzschalung, um etwas Licht in die Finsternis zulassen und um gelegentlich durch den entstandenen Schlitz etwas von der Außenwelt sehen zukönnen. Der Blick richtete sich auf die Scheune des Nachbarn im Hintergrund und dazwischenliegendes Ackerland. Außerdem wurde noch in einer Fuge des Mauerwerks ein Guckloch ausgekratzt.Nun konnte ich auch den Weg und die Auffahrt zum Hof beobachten. Für den Fall eines Brandes legteich eine Axt griffbereit, damit in der Not der Käfig gewaltsam von innen geöffnet werden konnte. Ichverließ meine Zelle, in der ich mein eigener Gefangener geworden war, sehr selten. Meine Mutterreichte mir zu den Mahlzeiten das Essen, und eines Tages war ich überrascht, wie grün die Bäumewaren und wie schön der Frühling die Landschaft gemacht hatte.

     

Die Plünderungen dauerten unterdessen an. Ich lag auf dem Bauch und sah die Russen kommen undgehen. Die Flüchtlinge bedauerten ihre Verluste. Nach ihren Klagen hörte ich nur wenig hin, dennauch das Klagen war in seiner Eintönigkeit langweilig geworden.

     

Der Pfad zum Einschlüpfloch war nach einigen Wochen ausgetreten. Lotte und ich verwischten dieverdächtige Spur mit frischen Strohgarben. Dann unterhielten wir uns ein wenig mit den anderenScheunenbewohnern. Zufällig sah eine Frau durchs kleine Fenster in der Giebelwand und sagte:“ DieRussen sind da!“ In unserer Überraschung wussten wir nicht, ob wir noch die Leiter hochkletternsollten, ob überhaupt genügend Zeit war, uns zu verstecken. Nach der Schrecksekunde eilten wirhinauf. Während ich die letzten Sprossen stieg, sah ich in der geöffneten Tür schon den erstenRussen. Wir wateten über das raschelnde Stroh und rutschten in die Zelle. Wir horchten erschrocken.Die Russen waren uns sogleich gefolgt. Schon bewegte sich die Decke unter ihrer Last. Sie stachenüber unseren Köpfen wütend mit langen spitzen Gegenständen ins Stroh und suchten und fluchten.

    

   

Sie durchwühlten minutenlang eifrig die Garben. Wir starrten entsetzt vor uns hin. Eine Frau rief ihnen zu:“ Eine Katz, das ist eine Katz gewesen, Katz – verstehen?!“ Schließlich gingen die Russenschimpfend vom Fach und davon.

     

Oft saß ich in meiner Zelle allein. In der dauernden Dämmerung strickte ich manchmal an einemPullover. Als ich rasche Schritte vernahm, schielte ich durch die schmale Öffnung in der Schalung.Erna und Lotte kamen mit schreckensbleichen Gesichtern gehetzt. Dann suchten sie in meinemVerließ Schutz, den ich ihnen gern gewährte. Sie erzählten, dass fünf Russen auf dem Nachbarhofwären. Sie hätten sie gesehen, und dann seien sie ihnen davongelaufen.

     

Wieder hörte ich Schritte und sah einige Russen mit roten Köpfen und vorgehaltenenMaschinenpistolen heraneilen. Aufgeregt fragten sie:“ Wo Matka, wo Matka?“ Eine Frau sagte:“ Ja,zwei kamen und liefen den Weg weiter ins Dorf“ und zeigten in die Richtung. Die Russen fluchten undeilten wie wild gewordene Stiere, die das rote Tuch gesehen hatten, zurück.

     

Später wankten an der Scheune hinter dem Acker unruhig mehrere Frauen und sahen zu unsherüber. Noch niemals hatten sie dort gestanden. Schließlich kamen die Mütter der Mädchen undberichteten, was der Litauer übersetzt hatte. Die Russen wollten in ihrer Wut den Bauern erschießenund den Hof anstecken, wenn die Mädchen nicht herkommen würden. Sie sollten kommen, sagtendie Mütter. Schließlich gingen die Mädchen voll Ratlosigkeit hin. Ich hatte ihnen empfohlen, lieber insDorf zu laufen, um sich anderwärts zu verstecken, was sie sich nicht zu tun getrauten.

     

Erst am anderen Morgen kamen die Beiden zurück und erzählten gelassen ihre Eindrücke. Zur Stundeihrer Ankunft hatten die Russen sich schon beruhigt und machten sehr erstaunte Gesichter. Dannhaben sie mit ihnen lange zusammen auf einer Bank vor dem Hause gesessen, und Lotte hattefestgestellt: „ Die Russen können lieben, wie die Deutschen.“ In der späten Nacht sind alle spazierengegangen, dann ereigneten sich sogenannte Vergewaltigungen. Gegen Morgen sind die Russendavongefahren. Die Mädchen betrachteten nachdenklich die mitgebrachten Geschenke. Die Einezeigte Kleiderstoff, die Andere Bürsten und Kamm mit Rücken aus Neusilber.

     

Damit mir nicht das Gleiche zustoßen möge beschloss ich, mein Haar kurz schneiden zu lassen und mir lange Hosen anzuziehen. Ein Mann schenkte mir eine passende Schirmmütze, ein anderer einpaar neue Hosenträger. Die Einsegnungshosen meines Bruders passten gut. Ich war ein feiner Junge geworden, versicherte man mir von allen Seiten.

     

Ich gewöhnte mich schnell an meine neue Tracht. Aber aus meiner Zelle traute ich mich ebensowenig wie früher heraus. Der Zufall wollte es nur, dass die Russen mich einmal zu sehen bekamen.Ich wollte mir gerade meine kranken Füße baden, denn ich hatte die „ Klauenseuche“, wie dieScheunenbewohner es scherzhaft nannten. Sie behinderte sogar mein Gehen, darum musste icheinen Stock zu Hilfe nehmen. Ich saß in der kleinen Kammer meiner Mutter vor einer Schüssel mitdampfendem Wasser, als ein Russe die Tür öffnete und hereinsah. Er betrachtete mich eingehendund befragte mich nach meinem Alter. Ich sah ihm dreist ins Gesicht und sagte:“ 15“. Dann holte ernoch zwei seinesgleichen und alle drei musterten mich. Ich zeigte ihnen dabei meine Füße mit denschorfig-eitrigen Geschwüren. Darauf sagten sie „Auf Wiedersehen“ und gingen.

     

Die Familien, die die Scheune bewohnten, stammten aus einem Fischerdorf am Frischen Haff undwaren früher Nachbarn gewesen. Ein Mann war Witwer. Er ist Fischer und Bauer gewesen und hattezwei junge Töchter mitgebracht. Eine war klein und hatte einen Buckel. Die Zweite namens Mariewar eine anmutige Erscheinung. Eine ältere noch recht rüstige Mutter war in Begleitung eines15jährigen Sohnes Gerhard und einer 26jährigen Tochter Anna gekommen. Anna war durch ihrelange Figur und dem Gesicht mit dem Vogelprofil von den Russen nicht begehrt. Sie versteckte sichnicht.( Diese Mutter hatte mit ihrem Mann ein kleines Gemüsegrundstück besessen. Sie war früheroft auf einem Kahn nach Königsberg gefahren, um auf dem Markt ihre Gartenerzeugnisse selbst zuverkaufen.

     

In den letzten Tagen vor der Flucht war sie mit ihrem Mann per Fuhrwerk in einer kleinen Stadtgewesen. Während sie in einem Hause geweilt hatte um einzukaufen, hatte ihr Mann auf demWagen gesessen und die Leine der Pferde gehalten. Unterdessen waren Bomben gefallen. Ein Splitterhatte ihn getroffen und auf der Stelle getötet. Den Toten hatte sie eingesargt im Hause stehenlassenmüssen, denn zur Beerdigung war keine Zeit mehr gewesen. So schnell hatten sie flüchten müssen.)Außerdem bewohnte noch eine Familie die Scheune. Der bescheidene Mann in gebückter Gestaltwar früher Knecht und seine Frau Magd gewesen. Die Frau war etwa 40 Jahre alt, hatte einzerfurchtes freches Gesicht mit einer stupsigen Nase, stechende Augen und eine sehnige Figur. Siewar der Beobachtungsposten und jeder Situation gewachsen. Ihr gehörte der 16jährige Helmut,dessen Vater ein Bauer gewesen sein soll bei dem sie gedient hatte, und eine 10jährige Tochter, dieihrem Mann ähnelte.

     

Im Wohnhaus waltete eine alte freundliche Bäuerin mit zwei hilfsbereiten jungen Töchtern.Außerdem waren da noch folgende Personen untergebracht. Eine ältere rothaarige Frau mit ihrererwachsenen Tochter, die emsig stahlen. Eine Frau mit zwei kleinen Jungen, die dem Säuglingsalterentwachsen waren. Eine Frau, die ein Kind von einem Russen erwartete. Diese vier Frauen waren inKolberg zu Hause gewesen. Ferner wohnten dort noch eine Oma mit zwei schulpflichtigenEnkelkindern, ein Junge und ein Mädchen die aus Berlin stammten und in Kolberg evakuiert gewesenwaren; außerdem eine alte Kartenlegerin mit 80jähriger Mutter und kleiner Pflegetochter.

     

Die Töchter der Bäuerin und Marie aus der Scheune hatten bisher auf dem Heuboden gehaust. Esergab sich, dass die Russen auch ihn erkletterten. Jedoch gelang es den Mädchen unbemerkt durch eine schadhafte Öffnung im Verschlag zu kriechen, sich an einem Seil herab zu lassen und fort zulaufen. Seitdem meiden sie den Heuboden. Beim Anmarsch der Russen suchten alle in meiner ZelleSchutz und schliefen nachts auch darin. Manchmal waren wir 6 Mädchen, die eingeengt wie dieHeringe lagen. Eines schlief quer am Fußende. Wenn man sich streckte, erreichte man das Mädchen mit der Sohle. Eingeengt, halb im Dunkeln, zwischen Läusen, Mäusen und Gestank vegetierten wir dahin.

     

Eines Abends hatten die Scheunenbewohner schon ihre Rosenkränze gebetet und sich zur Ruhebegeben, als Russen sie weckten. Bald hörte ich die tierisch klagenden Angstschreie mehrererFrauen. Die große Anna sollte mitgehen, aber sie wehrte sich mit Worten und folgte nicht.

     

In seiner zornigen Ungeduld stach schließlich ein Russe mit dem aufgepflanzten Bajonett an seinemGewehr in ihr Zudeck, dass die Federn flogen. Endlich ging die Bande weiter.

     

Es gab zwischen aufregenden Wochen auch zusammenhängende ruhige Tage. Gelegentlich kam einejunge Frau aus dem Dorf und besuchte unsere Bäuerin, ihre Schwiegermutter. Die junge Frauwohnte mit ihrer Mutter in Schwedt. Ihr Mann war Soldat. Ein schulpflichtiger Junge und ein Säuglingwaren ihre Kinder. Sie litt an einer kranken Brust. Wenn sie kam, holte sie etwas Butter, denn unsereBäuerin besaß damals noch zwei Kühe. Außerdem lieh sie sich öfters unser letztes Pferd, um nachTreptow zum Arzt zu fahren. Nach wochenlanger Behandlung besserte sich ihre Krankheit nicht undder Arzt wies sie ins Krankenhaus ein. Sie folgte dem Rat.

     

Ein paar Wochen lang hörte niemand etwas von ihrem Ergehen, denn eine Postverbindung gab esnicht. Unsere Bäuerin entschloss sich, sie zu besuchen. Sie nahm ein geschlachtetes Huhn, etwasButter, ein paar Eier usw. mit und machte sich zu Fuß auf den 30 km langen Weg. Nach einigen Tagenkehrte sie zurück. Auf dem Hin-und Rückweg hatte sie manchmal Gelegenheit gehabt, ein StückchenWeg auf einem Pferdewagen mitfahren zu können. An einer Stelle hatten die Polen sich über ihreTasche gestürzt und die Lebensmittel entwenden wollen. Sie hatte sehr darum bitten müssen, siebehalten zu dürfen.

     

Im Krankenhaus hatte die Bäuerin nach dem Befinden ihrer Schwiegertochter gefragt und erfahren,dass dieselbe schon seit einer Woche in einem Massengrab lag und die Nummer soundsovielerhalten hatte. Eine Krankenschwester hatte erzählt, dass die junge Frau zuletzt noch gefragt hatte,ob sie einen besonderen Wunsch hatte. Sie war über die Frage sehr verwundert gewesen und hatteerwidert:“ Muss ich denn schon sterben?“

     

In der schwarzen Küche stand manchmal die Oma aus Berlin neben einer Wanne und wusch. Diebeiden Enkelkinder sahen ihr mit ernsten Gesichtern zu. Einmal erzählte die Oma beseelt von einemfanatischen Glauben, wie schön es im Himmel wäre und zu den Enkeln gewandt, dass die Mutti mitdem kleinen Brüderchen schon dort sind. Als sie damals vor Kolberg auf einem gefrorenen Ackerlagen und die Russen die belagerte Stadt beschossen, wollten alle fünf in den Himmel. Leider habensie es nicht erreicht, auch dort zu sein. Große, wulstig verheilte Narben an den steif gewordenenrechten Händen der Kinder waren die sichtbaren Folgen der missglückten Schlächterei.

     

Als die gefährlichste Plündererzeit allmählich abebbte, zogen die vier Kolberger Frauen mit ihrenKindern nach Kolberg. Sie hofften, von dort mit dem Schiff weiterzukommen. Auch die Omawanderte mit den beiden Enkelkindern ab. Sie wollten zu Fuß bis hinter die Oder, wenn möglich nachBerlin zurückgehen. Diese Frauen wagten sich auf die Straße, obwohl böse Zufälle sie überraschen           

konnten. Einen Fahrverkehr mit dem Zug oder Bus gab es nicht. Unter der Bevölkerung begann Ruhrund Typhus aufzutreten.

     

Niemals kam auch nur die geringste Nachricht. Die Radios sagten nichts, weil es 1. keinen Strom gabund 2. die Röhren von den Russen herausgerissen worden waren. Eine lähmende Ungewissheit hattePlatz gegriffen. Es gab keinerlei Ordnung. Die Menschen lebten in Anspruchslosigkeit, Enge undLangeweile, mit Ausnahme jener schreckvollen Überraschungen, die uns die Besatzung brachte,dahin.

     

Ein Zustand mit dem Schein der Beständigkeit hatte sich eingestellt, in dem jeder beweisen musste,wie viel Haltung in ihm steckte. Einige Menschen unserer Sprache begannen sich der Willküranzuschließen, die die Russen hereingebracht hatten. Manche taten, was ihnen gerade einfiel. Ausunseren Vorräten verschwanden allerlei Gebrauchsgegenstände und Lebensmittel, ohne das Russenda gewesen waren. Ich wusste, die Frau mit dem zerfurchten Gesicht und ihre Familie stahlen vorallem. Nun, sie sollten ihren Lohn für das gewissenhafte Beobachten der Russen haben.

     

Als eines Tages auch das Leder eines Tambours, welche am Kopfende unserer Wagen als Teil derBedachung genagelt waren entfernt war, erkundigte ich mich nach dem Täter. Der Witwer soll dasLeder herausgeschnitten haben. Ich wollte mit ihm darüber reden, sagte ich einigenScheunenbewohnern. Der große Mann kam sehr selbstbewusst gleich, als hätte ihn jemand gerufenund sagte:“ Sie wollen mir sprechen?“ Ich war über diese dreiste Promptheit überrascht und sagte:“Ja“ und dass ich wisse, dass er das Leder aus unserem Tambour geschnitten habe. Es wäre bessergewesen, wenn er mir vorher gesagt hätte, dass er es benötigt. Ich verstünde, dass er es gebrauchenkönnte und wisse, dass ich es sowieso nicht behalten werde. Ich hätte es ihm dann gegeben. DieMethode, es heimlich zu entwenden, ist verwerflich, denn auch ich benötige manchmal etwas wasder andere noch hat, und wo kämen wir hin wenn wir alle das vom anderen nehmen wollten was wirgerade gebrauchen können. Widerspruchslos hat er sich meine Rede angehört. Später erzählte dieFrau mit dem zerfurchten Gesicht, dass es nicht üblich ist, dergleichen zu erfragen. Sie bete zurMutter Maria oder löse sich in der Beichte von ihrer Sünde. Das genügt, das Weitere regelt MutterMaria.

     

Eines Nachts blieben die Jungen aus. Die Mütter waren darüber besorgt. Gegen Mittag kamen siezurück. Sie waren recht schweigsam. Im Vertrauen versicherten sie mir, dass sie etwas Schlimmesgemacht haben, aber das wollten sie für sich behalten. „Wenn es so schlimm ist, dann wird man janeugierig“ meinte ich, oder sie wollten nur angeben, um mehr zu scheinen als sie sind.

     

Nach einigem Zögern rückten sie mit den Tatsachen heraus. Sie waren im „ Grund“ gewesen undwaren am Bach entlang spaziert, als sie einem einzelnen Polen begegnet waren. Sie hatten eineUnterhaltung begonnen. Der Pole hatte erzählt, dass er sich vor den Russen fürchtete und hatte dieJungen gebeten, ihn zu begleiten. Sie hatten eingewilligt. Zu Dritt waren sie bei einem Bauern desbenachbarten Dorfes zum Abendbrotessen gewesen und hatten dann an einem Strohhaufengeschlafen.

     

Am anderen Tag waren sie in eine dichte Tannenschonung gegangen. Helmut hatte das vorzüglicheVertrauen des Polen gewonnen. Er hatte sogar das Gewehr bekommen, war aus dem Busch getretenund hatte den Russen gespäht. Er hatte das Gewehr untersucht, wie er es in den Ausbildungsstundendes Volkssturms gelernt hatte. Das Gewehr war geladen gewesen. Er war in die Schonungzurückgekehrt. Der Pole hatte auf der Erde gelegen und seine Uhr aufgezogen. Helmut hatte den

    

   

Gewehrlauf auf ihn gerichtet und abgedrückt. Der Pole hatte sich ausgestreckt und wortlos seinLeben ausgehaucht. Das Gewehr hatte er unweit des Toten gelegt. Ein Paar Ledersohlen und eineGeneralstabskarte von Pommern waren die Beute und Beweisstücke, die er mitgebracht hatte.

     

Gerhard war über das Geschehene ziemlich sprachlos. Er hatte nicht vermutet, dass Helmut seineGedanken, die er ihm in plattdeutscher Sprache mit “Eck scheet em doot“ in Gegenwart des Polengesagt hatte, auch ausführen würde.

     

Nun fürchteten sie sich schon vor ihrem bösen Jux, denn keiner hatte an die möglichenKonsequenzen gedacht. Ein unvorstellbarer Racheakt wäre gefolgt, wenn der Tote ein Russe gewesenwäre. Aber um einen Polen kümmerten sie sich nicht.

     

Ungefähr 10 Tage später erst liefen Polen durch die Häuser und fragten aufgeregt“ „Wer meineKamerad erschießen? Wer..“ Keiner wusste etwas und die wenigen, die es wussten, sagten nichts.Helmut verbreitete die Nachricht:“ Sicherlich hat er sich selbst erschossen“.

     

Helmut war schon zu Hause ein Tunichtgut gewesen, hörte ich sagen. Wo er irgendwelcheGelegenheit zu Streichen spürte, ging er ihnen nach. Gerhard war nun sein Begleiter, und was derEine mir noch erzählen vergessen hatte, erzählte der Andere .Ich hörte mir alles an und kritisiertenichts. Darauf beruhte das Vertrauen.

     

Im Nachbargarten hingen reife Pflaumen an einem Baum. Die Jungen kletterten hinein und aßen. Derschimpfende Bauer wollte sie vertreiben, aber Helmut ergriff eine Harke und vertrieb den Bauer.Mehrfach hatten sich die beiden Jungen mit Plünderern angefreundet und fuhren auf ihren Wagendurch die Umgebung mit. Sie ließen sich mit leckeren Speisen bewirten, die die verängstigtenBewohner der Höfe ihnen reichten. Auf solchen Streifzügen mussten sie nur darauf achten, dass siekein Wort sprachen, um nicht als Deutsche erkannt zu werden. Wenn sie erzählten, waren sie stolzauf ihre Taten und lachten angeberhaft.

     

Dann und wann kamen immer noch Plünderergruppen, aber sie fanden wenig. Sie durchstachen mitspitzen Eisenstangen die Erde im Hof, Garten und nahen Feld. Wenn sie auf Widerstand stießen,befahlen sie den Deutschen an derselben Stelle zu graben. Aber es kamen nur Steine odervergrabene Kälberknochen zum Vorschein.

     

Nach dreimonatiger Abwesenheit kehrte eines Tages mein Vater als dürre Gestalt mit zwei Stöckennach seiner Entlassung aus der russischen Zivilgefangenschaft bei Schneidemühl zurück. Ich lief fortund versteckte mich, weil eine Frau ihn kommen gesehen hatte und mich mit den Worten gewarnthatte:“ Ein Russe in Zivil kommt!“. - Mein Vater erzählte später etwas von den Zuständen in derGefangenschaft. Die Männer waren auf kahlen Brettern, die dreistockig übereinander gezimmertwaren, für die Nacht untergebracht gewesen. Am Tag mussten die Männer arbeiten. Zu essen gab essehr wenig. Mein Vater hatte die fortgeworfenen Rinderknochen aus den Abfällen herausgesucht,gespalten und in eine gefundene Konservenbüchse gelegt und irgendwo ausgekocht. Das hatte ihmgeholfen, die Zeit der Gefangenschaft zu überleben. Viele Gefangene sind vor allem anDarmkrankheiten gestorben. Manche Männer hatten tagsüber ihre nassen Hosen kaum hochbekommen. Jeden Morgen klagen viele Tote auf den Brettern.

     

Um die Zeit bewohnte ich meine Zelle oft allein. Ich erfuhr, dass manche Frauen sich an den Verkehrmit den Russen gewöhnt hatten. Sie waren aufgetakelt, sicher und gaben sich dreist. Die Zahl derFreiwilligen auf dem sexuellen Gebiet war nicht gering, und schon gar nicht die Zahl solcher junger

    

   

  

              

Frauen, die Kindern von Russen entgegen sahen. Darüber hinaus galt es einigen jungen Mädchen,den Russen immer aus dem Wege zu gehen.

     

Gerda, die Tochter der Bäuerin, erzählte von einem mannstollen Mädchen, das vor den Russen aufdem Tisch getanzt haben soll, aber von ihnen kaum beachtet wurde. Sie war 20 Jahre alt und dieTochter des Lehrers aus Schwedt. Wir planten, ihren Liebeshunger anders zu orientieren, und ludensie zu diesem Zweck eines Sonntags ein.

     

Lotte, die seit einigen Wochen mit ihren Eltern im Dorf wohnte, führte sie her. Gerda stellte uns Gelain der Scheune vor. Sie war eine alte Bekannte aus ihrer Schulzeit. Dann wurden die Namen derScheunenbewohner genannt. Ich wurde ihr als Ewald, ein Lehrersohn, vorgestellt. Außerdem warnoch die alte Kartenlegerin da. Wir setzten uns auf behelfsmäßige Bänke. Als Tisch diente eineaufgeklotzte Wagenleiter, die mit Brettern überdeckt und mit Tüchern bespreitet war.

     

Jemand stand am Ende des langen Tisches und beobachtete dauernd den Weg durch dasGiebelfenster. Aber an dem Tag kamen keine Russen.

     

Um die Gesellschaft spannend zu unterhalten, begann die Kartenlegerin mit ihrem Handwerk.

     

Zuerst erzählte sie Lotte allerlei Unsinn. Gela erfuhr, dass sie einen Brief und Geld bekommenwürde. Die Kartenlegerin weissagte ihr eine bevorstehende Reise, sprach von guten und warnte vorbösen Menschen und prophezeite, dass ihr ein Lehrersohn bestimmt sei. Dabei fiel mir Gela gleichum den Hals. Die Gesellschaft kreischte vor Heiterkeit. Ich lachte auch, denn ich durfte nicht aus derRolle fallen. Die Kartenspielerin wies auf eine dunkle Frau hin, die mit im Spiele war und packte denganzen Wortschatz aus, den sie zu bieten hatte.

     

Gela war selig. Die Gesellschaft hatte ihr Vergnügen, dass Gela auf die vorher abgesprochenen Ränkeprompt hereingefallen war. Als die Nachmittagsstunden verflogen waren, mahnte Lotte zumHeimgang. Helmut und ich waren bereit, die Mädchen ein Stück zu begleiten. Auf dem Feldweg amBach erzählte mir Gela, das kürzlich die Polen im unbewohnten Nachbarhaus eine Pistole gefundenhatten. Sie hatten diesen Fund in Zusammenhang mit jenem Polen gebracht, der sich „ im Waldselbst erschossen hatte“.

     

In seinem Zorn hatte ein Pole einen Feuerwehrhelm ergriffen und ihn auf den Kopf ihres Vaters zertrümmert. Ich hörte teilnahmsvoll zu, und ihr Vertrauen zu mir wuchs.

     

Im Juli, als die Ernte reifte, wurde in Schwedt eine russische Kommandantur eingerichtet. Damithörte das ärgste Tohuwabohu auf.

     

Russische Soldaten befahlen, die Scheunen vom Stroh zu räumen. Ich baute im Strohhaufen einVersteck für allerlei Gebrauchsgegenstände, die es vor möglichen weiteren Plünderungen zubewahren galt. Nebenbei musste ich achtgeben, dass die Diebe aus den eigenen Reihen davon nichtsmerkten. Die Soldaten der zuständigen Kommandantur benahmen sich erstaunlicherweise ganzordentlich, d.h. Sie vergriffen sich weder an uns noch an unseren Sachen. Sie kamen täglich undholten die jüngeren Frauen zur Arbeit ab. Auch sonntags wurde gearbeitet, wenn uns nicht ein Regendavor bewahrte. Zu dem Zeitpunkt habe ich wieder die Mädchenkleider angezogen. Über die kurzenHaare band ich ein Kopftuch.

     

Die Plünderungen hörten fast ganz auf. Nur wenn die Untergebenen der Nachbarkommandanturenkamen, waren wir ihnen doch hilflos ausgeliefert, denn bis der Kommandant unseres Dorfesbenachrichtigt war, seinen Wagen anspannen ließ und im Galopp angesprengt kam, war diePlündererbande schon über alle Berge.

     

So haben auswärtige Russen eines nachts auch jenen Hof am Walde aufgesucht, auf dem wir früherzwei Nächte verweilt und einige Schrecken erlebt hatten. Der alte Bauer glaubte sich im Recht undwehrte sich gegen die Eindringlinge. Aber daraus ergab sich nur, dass die Russen ihn erschlugen unddie Frauen dennoch vergewaltigten. Ein Mädchen ist nachts im Hemd nach Schwedt gelaufen, umbeim Kommandanten Hilfe zu holen, aber bis der anrückte, war alles schon geschehen und die Täterdavongefahren.

     

Die russischen Aufseher beim Getreidebinden waren meist gutmütige ruhige Leute. Wenn wir Fraueneinige Stunden gearbeitet hatten, rief uns ein Russe zusammen und sagt“ Alle Frauen kammensatzen!“ Und dann saßen wir auf den Garben und prüften die Launen des Russen. Aber er ließ unskeinerlei Willkür fühlen. Ein anderer Russe, der an jedem Arm vier Armbanduhren trug und den eineiliges Ticken umhüllte, fand nicht unser Vertrauen.

     

Es gab keine Eile bei den Erntearbeiten, und unsere Behandlung war nicht zu beanstanden. Nur derLohn für eine Woche Arbeit bestand meistens aus einem kleinen Beutel Mehl, manchmal gab es stattdessen auch ein Stück Fleisch ( 2-3 Pfund). Einmal erhielten wir einige Brocken Salz in der hohlenHand. Zum Empfang mussten wir eine Schlange bilden und wurden hintereinander abgefertigt. Wennwir wirklich davon hätten leben sollen, wären wir wohl bald verhungert. Die mitgebrachten Vorrätewaren unsere hauptsächliche Ernährung

     

Als schließlich alles Getreide aufgebunden war, saßen einmal drei Russen an einer Hocke und sangendreistimmig ein rhythmisches Lied. Ich war von der Gewalt ihrer Stimmen so ergriffen und drehtemich fort, um nicht zu zeigen, mit welchem Staunen ich das empfand

     

Das Getreide wurde in die leeren Scheunen gefahren. Ein russischer Soldat war immer unserAufseher. Ich bat diesen, mit zum Zeichnen Modell zu sitzen. Er willigte ein. Die Mütze saß quer aufseinem kahl geschorenen Kopf. Ich hatte erst einige Umrisse zu Papier gebracht, als seine Geduldzum Sitzen zu Ende ging. Vor allem beunruhigte ihn die Neugierde. Er wollte sehen, was ich gemachthatte. Ich wehrte ab und bedeutete ihm, dass es noch dauern würde und ich Zeit brauchte. Aberseine Ungeduld war doch so groß, er musste das Blatt sehen. Ich zeigte ihm dann die ersten Striche.

    

   

Sein Entsetzen drückte sich in seinen Händen aus, die er in einigem Abstand zu seinem Kopf hielt. DieFinger waren gespreizt und er sagte: “Nein, nein, ein Bandit!“ Er wollte das Blatt zerreißen, es war in einem Block gebunden, und ich konnte es vor sofortiger Vernichtung bewahren, aber gesessen hat er mir nicht mehr.

     

Eines Tages wurden die Garben wieder aus der Scheune zum Dreschen abgefahren. Derselbe Russe,ich will ihn „ Bandit“ nennen, bewachte die Arbeit im gegenüberliegenden Fach schlafender weise.Vor dem Aufladen haben wir Arbeiterinnen die Garben 1 -.2 mal kräftig über den Balken geschlagen,dass die Körner spritzten. Die Tenne lag am Abend in einer kleinen Schräge unter dem tarnendenStroh mit Roggen beschüttet. Als der Russe erwacht war und unser Tun beobachtet hatte, gab er unszu verstehen, dass wir es nicht zu arg treiben sollten, sonst würde er es zu büßen haben, wenn seineGenossen mit der Hand die Ähren prüfen würden. Das sahen wir ein und mäßigten uns.

     

Einige Russen sprachen etwas deutsch. Ein paar Frauen fragten sie in ihrer Ratlosigkeit:“ Wannkommen wir nach Hause?“ Ein Russe antwortete:“ Nach Hause kommt ihr nie mehr“. -“Wohindenn?“- „ Einige nach Osten, einige nach Westen, irgendwo hin, aber nach Hause nicht mehr“. DieWahrheit erschien am glaubwürdigsten.

     

Von einem Bauern, der viele Bienenvölker betreute, hatten die Russen schon vor Monaten den Honiggeholt, den er zentnerweise gehortet und im Stroh versteckt hatte. Mit spitzen Eisenstangen hattensie darin herum gestochert, die Beute gefunden und mitgenommen. Als wir Frauen während der Zeitder Getreideernte auf verschiedenen Höfen arbeiten mussten, haben Russen die verbliebenenBienenvölker nach und nach vernichtet. Das geschah folgendermaßen:

     

Die Körbe, in denen die Völker wohnten, wurden mit einem Tuch bedeckt an einen Teich getragen.Dann wurde das Tuch entfernt und der Deckel geöffnet. Mit Eimern gossen Russen so viel Wasserdarüber, bis sich nichts mehr rührte. Anschließend wurden die Waben mit dem Honigherausgenommen. Ich stand abseits, und ein Russe reichte auch mir eine Honigwabe, und ich nahmsie mit.

     

An einem Tag mussten Lotte und ich den losen Roggen wegfahren helfen, der gerade gedroschenworden war. Die Aufsicht war der „ Bandit“. In einem früheren Klassenzimmer der Schule des Dorfeswurde das Korn zu Hauf geschüttet. Mit Eimern haben wir das Getreide aus dem Kastenwagengeschöpft und in die Klasse getragen. Pausenlos waren wir so tätig, der Russe auch. Aber wirschafften doch nicht, so viel wegzufahren, wie viel ausgedroschen worden war. Am Abend, als dieDreschmaschine schwieg, war noch eine Menge Korn nicht weggefahren. Das brachte denverantwortlichen Aufseher so in Wut, dass er den „ Banditen“ vorn und hinten mit Fußtritten

    

   

     

              

traktierte, sodass erst andere Russen dazwischen gehen mussten, damit er aufhörte, mit Füßen zuspicken.

     

Dann haben die Russen das Getreide in Säcken belassen und es selbst abgefahren. Sie wollten esnicht in der Scheune bis zum anderen Morgen stehen lassen, weil sie offenbar befürchteten, dass dieDeutschen diese Gelegenheit ausnutzen könnten.

     

In der Schule hat das Getreide viele Tage lang meterhoch gelegen. Schließlich haben deutscheKriegsgefangene das Getreide mit Kastenwagen abfahren müssen. Bald danach wurde dieKommandantur aufgelöst.

     

Die Vertreibung

     

Im September begannen die Polen erneut mit verschärften Plünderungen. Dann besetzten einzelnePolen die Höfe. Auch auf dem Hof unserer Bäuerin traf eines Tages ein Pole ein und blieb. Er warnicht bösartig, nur er war wie eine Aufsicht. Manchmal holten mich die Polen zum Kartoffellesen.

     

Als alle Erntearbeiten getan waren, wurde schon wieder von Räumung gesprochen. Dann haben diePolen systematisch alle Deutschen aus den umliegenden Dörfern vertrieben. Im Nachbarort, derjenem Wäldchen am nächsten lag, wo der tote Pole gefunden worden war, haben die Polen denDeutschen das letzte Brot fortgenommen und es im Schmutz zertreten. Es kann eine späte Rache anUnschuldigen wegen Helmuts früherer bösen Tat gewesen sein.

     

Er sagte, dass die Russen noch 25000 junge Deutsche haben wollten. Diese Möglichkeit machte unsnachdenklich. Mein Vater meinte zunächst, es wäre wohl nichts zu machen, wir könnten uns nur vomSchicksal treiben lassen. - Vom Schicksal treiben lassen?- Meine Mutter und ich wollten uns nichtden Händen fremder Mächte anvertrauen. Die ganze Familie wurde sich einig, mit den schäbigstenSachen am Leib – um nicht unterwegs ausgezogen zu werden- und etwas Verpflegung imunansehnlichen Rucksack heimlich am Abend vor dem angeordneten Abmarsch fortzugehen. OhneAbschied verließen wir den Hof.

     

Am 16. November 1945 gingen wir während der ganzen Nacht über Felder, sprangen überWassergräben und krochen durch Zäune. Wenn wir auf unserem Weg einen Schatten in der Größeeines Menschen erkannten, wichen wir wie die Räuber aus. Unser Schutz war die Dunkelheit. Diehohen Schuhe hatte ich mir voll geschöpft. Am anderen Morgen erreichten wir einen Wald. In einerdichten Schonung kochten wir uns Tee und ich versuchte, an Stangen meine nassen Schuhe im Rauchzu trocknen. Es hatte etwas geschneit, aber barfuß auf der Erde war es gar nicht so kalt. Anhand

       

einer kleinen Lageskizze wollten wir ursprünglich über Treptower Deep gehen, jedoch im Dunkeln konnten wir nichts erkennen. Tagsüber blieben wir im Wald. Abends begegneten wir auf der Straße einem russischen Posten, von dem wir erfuhren, dass wir uns auf der Straße nach Treptow befanden.Es war jene Straße, die uns vor etwa 9 Monaten versperrt worden war, als wir mit unseren dreiWagen im Treck bis dahin gelangt waren. Wir fragten, ob wir durch Treptow gehen dürften, und derRusse hatte nichts dagegen. Aber voll Unentschlossenheit gingen wir in den Wald zurück und blieben da noch eine Nacht und einen Tag.

     

Erst dann getrauten wir uns, weiterzugehen. Ohne uns umzusehen und ohne bemerkt zu werdendurchschritten wir rasch den Ort und schafften in der Nacht den halben Weg nach Kamin zurück zulegen. Wir wanderten so lange, bis wir warm geworden und erschöpft waren, legten uns abseits vonder Straße über einer ausgebreiteten festen Pferdedecke auf die Erde und schliefen alle Drei sofortfest ein. Wenn es kalt zu werden begann, erwachten wir, standen auf und wanderten weiter,solange, bis uns die Müdigkeit erneut packte. Das taten wir ungefähr 4–5 mal in der Nacht. Tagsüberblieben wir im Wald, um nicht bemerkt zu werden. Nach der vierten Nacht kamen wir bis kurz vorKamin. Hier bot sich ein Friedhof als Aufenthaltsort für den Tag an. Gegen Abend durchschritten wireilig einige Straßen der Stadt und wanderten Richtung Wollin. Auf diesem Wege holte uns einpolnischer Soldat ein und machte uns auf die Streife der Polizei aufmerksam.

     

Sogleich bezogen wir auf einem halben Strohhaufen Quartier und rieten herum, was nun wohl zumachen sei. Erst am folgenden Nachmittag gingen wir weiter, denn es gab doch keinen Ausweg.

     

Sogleich fasste uns ein Posten, und wir mussten in seiner Begleitung mit „ dawai, dawai“ zur Polizeigehen. Wir wurden ausgefragt und durchsucht. Die Polen wollten mich behalten, aber es gelang mir,mich los zu ekeln. Ich log ihnen vor, dass die Russen mich krank gemacht hätten, und ich zum Arztmüsste. Sie empfahlen mir einen polnischen Arzt in Kamin, aber ich sagte, dass ich keine Slotys hätte,um ihn zu bezahlen.

     

In dem Hause waren zwei deutsche Frauen beschäftigt, die in der Küche wirkten. Sie hatten für diePolen den Tisch gedeckt, und dort gab es nur Salzkartoffeln zu essen und etwas verwässerte gesüßteMilch zu trinken. Von der Milch erhielt jeder von uns auch einen Topf voll. Dann wurden wir in einZimmer auf Strohsäcken für die Nacht untergebracht. Am anderen Morgen zeichnete ich noch dasHaus mit der polnischen Fahne, in dem die Polizeistation eingerichtet war, und schenkte den Polendas Blatt. Wir bekamen eine Bescheinigung und durften weiter gehen. Die Bescheinigung half unsdurch mehrere Kontrollen. Von der Zeit ab wanderten wir schon tagsüber.

     

Auf der Insel Wollin konnten wir ein Stück des Weges auf Heuwagen mit deutschenKriegsgefangenen mitfahren. Kurz vor Swinemünde suchten wir ein Obdach. An der ersten Tür sagteuns eine Deutsche, dass wir nicht einkehren dürften, weil der Pole es verboten habe. Schließlichnahm uns ein kleiner Bauer auf, und wir übernachteten im Stall. Am folgenden Tag durchschrittenwir Swinemünde und sahen den großen Hafen. Eine Fähre setzte uns nach Usedom über. In einembenachbarten Ort übernachteten wir in einem Hotel. In unserer Landstreicherkluft war uns in einemZimmer mit richtigen Betten ganz wunderlich zumute. In der Nähe jenes Ortes lag die Grenzezwischen dem polnischen und dem russischen Besatzungsgebiet, Wir wurden beim Grenzübertrittnicht behelligt.

     

Ab Wolgast konnten wir den Zug benutzen. In einer Stadt, in der wir übernachte mussten, sahen wirein großes bronciertes russisches Siegesmal, das mit Scheinwerfern angestrahlt wurde und glitzerte.

    

   

Es befand sich in der traurigen Umgebung von Ruinen und Häusern mit spärlich erleuchtetenFenstern.

     

In Öbisfelde erkletterten wir gegen Abend den Eisenbahnwaggon eines leeren Güterzuges, aufdessen dampfender Lokomotive eine englische Fahne montiert war. Dann kamen russische Soldatenund trieben die Flüchtlinge hinaus. Auch zwei Mädchen mit ganz kurz geschnittenen Haaren warendabei, die aus Sibirien gekommen waren. Sie waren dorthin verschleppt und wegen Krankheitentlassen worden.

     

Anschließend erkletterten wir einen leeren Kohlenwaggon, dessen Türen fest verschlossen warenund sprangen oben hinein. In den Ecken kauerten die Menschen verängstigt und wortlos. Nachungefähr einer halben Stunde rollte der Güterzug an und im Schleichtempo fuhren wir über dieZonengrenze

     

Hier besah sich ein rothaariger englischer Soldat von oben unser Versteck und fragte, wo wir hinwollten. Einige Menschen sagten:“ Nach Haue“. Warum seit ihr nicht schon 1941 nach Hausegegangen?“ fragte er ironisch. In Vorsfelde haben wir in einem Lager auf Stroh übernachtet. Amanderen Tag wurde uns mittels einer dicken Luftpumpe durch den Kragen ein weißes Pulver gegenLäuse auf die Haut gepustet. Dann fuhren wir aufs Geratewohl weiter. Eine Stadt(Oldenburg) sahunzerstört aus, und ich sagte meinen Eltern, dass wir hier ruhig bleiben wollen. So geschah es auch.In den Händen hielten wir nur leere Juterucksäcke. Über den Schultern hingegen hingen einigelumpige Decken. Ein bitterer Trost war es, dass wir so nicht allein dastanden. 

    

   

  

Quellenangaben:

1.  Telefonische Rücksprache des Verfassers mit der Friedhofsverwaltung der Stadt Oldenburg am   7.6.2010, geführt vom Verfasser (Bestattungsortund Sterbedatum der Eltern).

2. Einwohnerbuch der Stadt Tilsit aus dem Jahre 1939.

3. Studienausweis der Kunstakademie Dresden

4. Web: http://wetter-in -hessen.de/16­_Prof_Waldapfel.html

5. e-mail: Kunstakademie Dresden, Dr. Kardinar,Kustodie/Archiv der HfBK Dresden. kardinar@serv1.hfbk-dresden.de( 14.6.2010,15.03 Uhr). RE: Recherche über Eva Simmat, 1923 – 1993. Mitteilungder Kunstakademie über den Lehrer Prof. Willy Waldapfel, unter dessen LeitungSimmat  studierte.

6. Web: http://ehrich.us/ka.html,Bildende Kunst und ihre Schulen in Königsberg/Pr. 1790-1945, Seite 10, vonErika Durban-Hofmann

7. Kopie eines eigenhändig von Eva Simmat verfasstenLebenslaufes, datiert vom 29.11.1982.

8. Erzählung Eva Simmats über ihre Flucht und Vertreibung(siehe Anhang)

9. Adressbuch der Stadt Oldenburg von 1949, Seite  303.

10. Burkhard Zscheischler – Erinnerungen von Walter StatsHoward, aufgeschrieben von Burkhard Zscheischler, Manuskript, Seite 44

11. Persönliches Interview des Verfassers, geführt vomVerfasser mit Herrn Plesch im Mai 2010.

12. Persöhnlich geführtes telefonisches Interview mit BolkoKannenberg, geführt vom Verfasser am 23.6.2010, Paul Schütte betreffend.

13. Persönlich geführtes Interview mit Fritz Brose, geführtvom Verfasser am 26.11.2006.

14. Mitgliederliste des Oldenburger Kunstvereins von 1953.

15. Persönliches Interview des Verfassers, geführt vomVerfasser mit Herrn Plesch im Mai 2010.

16 .Ausstellungskatalog des BBK Oldenburg von 1957 ( 1.Herbstausstellung).

17. Kopie eines eigenhändig von Eva Simmat verfasstenLebenslaufes, datiert vom 29.11.1982.

18. Ausstellungskatalog der NiedersächsischenKunstausstellung Oldenburg vom 2.7. bis 31.7.1960 der im BBKzusammengeschlossenen Künstlergruppen im Neuen Gymnasium, Oldenburg,Alexanderstraße.

19. Ausstellungskatalog des BBK Oldenburg  vom 14.12.1969.

20. Preisliste der gezeigten Arbeiten der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstleranlässlich der Dokumentation zum 30jährigen Bestehens der LandesgruppeOldenburg im BBK, 1974, Blatt III,Nr. 58(Knabenbildnis) Nr. 59(Lappan).

21. Telefonisch geführtes Interview mit Berthold Giebel,geführt vom Verfasser am 24.6.2010 , die Brüggereise betreffend. Persöhnlichgeführtes Interview mit Kurt Zeh, geführt vom Verfasser im Mai 2010. Telefonischgeführtes Interview mit Udo Reimann, geführt von Verfasser am 24.6.2010, die Brüggereise betreffend. Ausstellungsplakat über die Ausstellung des Bund Bildender Künstler mit dem Titel „Brügger Arbeiten“ vom 15.-31. Dezember 1975. Rundschreiben des BBK an ihre Mitglieder vom 26.5.1975 mit dem Hinweis auf die Fahrt nach Brügge in der Zeit vom 31. Juli bis 3. August 1975.

22. Fernmündliche Anfrage des Verfassers mit der Friedhofsverwaltung Oldenburg am 23.6.2010 (Todestages Siegfried Simmat).

23. Persöhnlich geführtes Interview des Verfassers mit Herrn Busdieker, Leiter des Seniorenheims Bodenburgallee im Februar 2010.



  Karl Sommerfeld

    

Karl Sommerfeld wurde am 12.3.1893 in Wandsbeck geboren. Nach der Schulzeit besuchte er die Kunstakademie in Berlin.

Nach der Teilnahm am 1.Weltkrieg kam er 1919  nach Wilhelmshaven und war dort als Kunsterzieher tätig. Nachdem er zunächst an der Oberrealschule tätig war, wechselte er anschließend an das Gymnasium der  Max Planck-Schule, wo er bis zu seiner Pensionierung als Studienrat Unterricht erteilte.

 

1921 wurde Karl Sommerfeld  Mitglied der Oldenburger Künstlergruppe „ Barke“. Die „ Barke „ war eine der zahlreichen Künstlergruppen des Nachkriegsexpressionismus , die antraten, um die moderne Kunst in die deutsche Provinz zu tragen.

Die 1. Frühjahrsausstellung der „Barke“, Gruppe nordwestdeutscher Künstler fand am 10. April im Augusteum der Stadt Oldenburg statt. Vermutlich Georg von der Vring, Ehemann der an der Ausstellung teilnehmenden Therese von der Vring war es, der folgenden Text verfasste:

Zum ersten Male wird sich die junge Generation Oldenburger Maler zeigen. Herangereift am Erlebnis des Krieges, tritt sie hervor mit ihrer Arbeit.

Erschrockene Seelen baten, man möge sie mit der jüngsten Kunst verschonen. Ihnen zur Beruhigung, dass es nicht um Sensationen geht. Weder aufgenagelte Fahrkarten noch eingeschraubte Wasserkrähne werden sie zu unseren Bildern sehen. Denn-dass wir uns einig sind, es geht um eine ernste Sache. Es gilt, wie für die ganze heutige künstlerische Jugend, so auch für uns, die zerrissenen Fäden wieder zu finden und zu knüpfen, die uns mit den besten Deutschen, das je war, wieder verbinden sollen, und dann an diesem Gewebe weiterzuwirken, um das zu schaffen, was uns fehlt: eine Volkskunst im besten Sinne des Wortes.

So wünschen wir uns auch unsere Gäste: einfach, unverbildet und vorurteilslos. Menschen die fähig sind, mitzufühlen, dass hier um dasselbe gekämpft wird, um das das Schongauer bis Mar'ees die besten deutschen Künstler gekämpft haben. Um den Ausdruck deutschen Wesens in seiner Tiefe, in seiner herben Kraft, seiner Eckigkeit und Zuverlässigkeit. (So national sind wir! Sie schwarz-weiß-roter Pfiffikus!)

Nun bitten wir alle ernsthaften Leute zu uns zu kommen und unsere Arbeiten anzusehen. Vielleicht werden sie uns nicht stark genug finden. Da geben wir zu bedenken, dass wir der Überrest einer Jugend sind, die in Flandern und vor Verdun, am Sann und am Stood der Rasen deckt! Die Fröhlichsten, Stärksten, Reichsten sind nicht mehr unter uns.

Und doch ist ihr Geist unter uns lebendig, unsichtbar sitzen sie mit uns in der Barke, sind fröhlich mit uns und blicken ins Segel, das sich blähend entfaltet. In ihrem Sinne den Kurs zu nehmen, ist unser Gelöbnis bei der ersten Ausfahrt.

Die Fahnen flattern!

Schiff stoß vom Strand!

 

Die Barke

Die Ausstellung kommentierte die Zeitschrift“ Nachrichten für Stadt und Land“ am Dienstag, 19.April 1921

 

 

 Es folgte im März 1922 eine zweite und letzte Ausstellung im Augusteum.

 

Auch hier kommentierte die Zeitschrift „Nachrichten für Stadt und Land, Oldenburg“ am Freitag, 24. März 1922:

 

 

 

 

 Es fand in dieser Zeit ein reger Gedankenaustausch mit den anderen Künstlern dieser Gemeinschaft, unter ihnen das Ehepaar Georg und Therese von der Vring, Adolf Niesmann, der Bühnenbildner K.W. Göring, Gertrud Erichsen, Baumann ( verm. Georg Emil Baumann), Jan Oeltjen und C. Behling, allesamt Vertreter des Expressionismus, statt.

Sommerfeld betätigte sich in den Jahren seiner Lehrertätigkeit auch als Kunstmaler. Seine Gemälde signierte er stets mit „Kasof“.

Nach dem ersten Weltkrieg nahm er verschiedenen Ausstellungen, unter anderem in der Kunsthalle Wilhelmshaven, teil.

Seine Arbeiten waren zunächst vom Expressionismus und vom Kubismus beeinflusst, dann wandte er sich dem Impressionismus zu. Sommerfeld schuf Landschaften, Stillleben und Porträts.

Am Pfingstmontag 1946 nahm Sommerfeld in Wilhelmshaven an einer Werkschau mit dem Titel „ Erste repräsentative Ausstellung Wilhelmshavener Maler der Gegenwart“ teil.

In einer alten Wehrmachtsbaracke erlebte die Kunsthalle Wilhelmshaven ihre Premiere. Vierzig Künstler mit 130 Werken präsentierten sich der Öffentlichkeit.

 

Ansonsten drängte es den feinsinnigen Künstler nicht in die Öffentlichkeit, er arbeitete mehr im Stillen. Anderen Künstlern galt er als Spiritus Rector.

 Karl Sommerfeld starb am 6. Mai1973 in Wilhelmshaven.

Quellen:

Kunst an der Jade – Wilhelmshaven 1912-1987, herausgegeben vom Verein der Kunstfreunde für Wilhelmshaven, 1987.

Wilhelmshavener Heimatlexikon, 83. Folge vom 13.12.1986, S.652/653

Therese von der Vring, 1894-1927, Eine Künstlerin des Expressionismus, Herausgegeben 1996 vom Künstlerhaus Jan Oeltjen, (Seite 65-71 u.75-78 – Texte wurde als Foto übernommen und in die Biografie eingearbeitet)  ISBN 38959883861.  

 Fritz Stark

    

   

               


 


 


 


 


 


 


 


 

Fritz Stark wurde am 1. März 1916 in Finsterwalde in der Niederlausitz als einer von insgesamt 4 Söhnen des 1882 geborenen Möbeltischlers Fritz Karl Stark und dessen Ehefrau, der Weberin Marie geb. Hermann geboren. Stark besuchte die dortige
Schule, und erlernte anschließend den Beruf des Holzmalers. Diese Tätigkeit beinhaltete unter anderem, bearbeitetes unbehandeltes Holz für Möbelstücke zu beizen und gegebenenfalls zu bemalen, um ihnen dadurch ein schöneres Aussehen zu geben. Bereits19jährig musste er sich mehreren Operation unterziehen, da die teils giftigen und ätzenden Ausdünstungen der Beize seine Lunge stark angegriffen hatten. Nach einem Krankenhausaufenthalt schickte man ihn für eine längere Zeit zur Rehabilitation nach Berlin in ein Sanatorium. Dort lernte er einen aus Breslau stammenden Maler kennen, mit dem er sich austauschte. Als er nach Finsterwalde zurück kehrte, konnte er den Beruf des Holzmalers aufgrund des Leidens nicht mehr ausüben.

     

Fritz Stark, der künstlerisch begabte Ahnen hatte, wurde dieses Talent offenbar in die Wiege gelegt. Diese Begabung und das ausgeprägte Interesse für Malerei wollte er nutzen, und beschloss daher, Kunstmaler zu werden. Insbesondere die Landschaftsmalerei hatte es ihm angetan. Für ein Kunststudium fehlte jedoch das nötige Geld. Sein Vater verdiente damals gerade genug, um die Familie durchzubringen.

     

Fritz Stark nahm jede sich für ihn bietende Gelegenheit wahr, mit Staffelei und Malutensilien loszuziehen, um sich der Freilichtmalerei zu widmen. Es entstanden dabei zahlreiche Landschaftsgemälde aus dem Brandenburger Land und der Lausitz. Im Rahmen einer Reise nach Bremen und einem damit verbundenen Aufenthalt in der Stadt lernte der Maler Hanni Meyer kennen, die ihn nach Finsterwalde begleitete und die er 1942 heiratete.

       

     

Im Zeitraum von 1946 bis 1949 wurden Ausstellungen mit seinen Gemälden im Heimatmuseum Luckau, dem Märkischen Museum Berlin, Schloss Finsterwalde und der Galerie Richter und Knote in Leipzig organisiert. Bis zu diesem Zeitpunkt umfasste sein Werk bereits um die 500 Landschaftsbilder.

     

Im März 1947 wurde ihm durch die Kreiskulturreferentin des Kreises Luckau aufgrund eines Gutachtens der Kommission für die bildende Kunst der Titel eines Kunstmalers und freischaffender Künstler zuerkannt.

     

Fritz Stark hatte zwischenzeitlich mit seiner Frau in Finsterwalde ein Geschäft für Kunstgewerbe eröffnet, das nach kurzer Zeit genügend Geld für ein finanziell abgesichertes Leben ab warf, zumal er dort auch seine eigenen Arbeiten zeigen und verkaufen konnte.

     

Die Lungenkrankheit hatte ihn vor einem Kriegseinsatz während des 2. Weltkrieges bewahrt. Dennoch geriet er einige Jahre nach Kriegsende, Finsterwalde lag nun in der DDR, in den Fokus der Staatssicherheit. Nachdem diese mehrfach Kontakt zu ihm aufgenommen und vergeblich versucht hatte über ihn an Informationen über seine Kundschaft zu gelangen, konzentrierte sich das Interesse der Staatssicherheit aufgrund seiner ablehnenden Haltung nun mehr und mehr auf ihn. Um sich der Gefahr einer anbahnenden möglichen Festnahme zu entziehen, gab Stark 1951 das Geschäft kurzerhand auf und verließ unmittelbar darauf mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern, die mittlerweile das Licht der Welt erblickt hatten, überstürzt Finsterwalde.

     

Über Berlin und Hamburg reisten Starks weiter nach Bremen, der Heimatstadt seiner Ehefrau Hanni. Dort ließ er sich mit seiner Familie nieder. In Bremen-Fedelhörn eröffneten sie erneut einen Laden für Kunstgewerbe, in dem der Kunstmaler wiederum seine eigenen Arbeiten ausstellen und zum Verkauf anbieten konnte.

     

In Bremen lernte Fritz Stark den russischen Kunstmaler Theodor Szerbakowski, besser bekannt unter den Namen Feodor Szerbakow, kennen. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die erst mit dem Tode Starks endete.
Die Maler trafen sich häufig, tauschten sich aus und sahen sich gegenseitig beim Malen zu. Man lernte voneinander. Szerbakow sah sich dem Worpsweder Malstil verpflichtet. Seine Landschaftsgemälde, häufig Moormotive und Sonnenuntergänge, waren meistens nebelverhangen oder in diffuses Licht getaucht. Solche Arbeiten ließen sich gut verkaufen.Schnell wurde Szerbakow über die Grenzen Bremens hinweg bekannt. Sein Name fällt noch heute, wenn über Worpsweder Maler gesprochen wird.

     

Beeinflusst von Szerbakow schuf Fritz Stark zwar immer mal wieder Moormotive im typischen Worpsweder Stil, blieb ansonsten seinem ihn auszeichnenden eigenen Stil jedoch treu.

     

1956 ergab sich für die Familie die Gelegenheit, einen Wohnungstausch mit einem guten Bekannten aus Oldenburg durchzuführen. Dieser arbeitete in Bremen und musste jedenTag von Oldenburg nach Bremen fahren, um dorthin zu kommen.

     

Weitere Gründe, die zu dem Tausch führten, sind nicht bekannt. Der Bekannte Starks überließ ihm eine Wohnung im Stiftsweg; stattdessen übernahm er dafür die Wohnung der Starks in Bremen.

     

In Oldenburg wagte Fritz Stark gemeinsam mit seiner Frau noch einmal einen Neuanfang.

     

In der damaligen Ladenstraße auf dem Oldenburger Pferdemarkt eröffneten sie eine kleine Kunstgalerie.4 Die Ladenstraße, die 1948 in Flachdachbauweise errichtet wurde, beinhaltete drei weitere Geschäfte, drei Kioske, Toiletten und eine Wartehalle.

     

Bis 1966 hatte Stark mit dieser Galerie ein finanzielles Auskommen. Im Rahmen der Hochlegung der Eisenbahnlinie und der Untertunnelung des Pferdemarktes erfolgte der Abriss der Ladenstraße.

     

Fritz Stark, der mittlerweile Vater von drei Kindern war, fehlte der Mut und das Geld für einen vierten Neuanfang. In der Folgezeit konnte er die Familie mit Auftragsarbeiten und den Verkauf seiner Arbeiten von zu Hause aus gerade so ernähren. Finanziell herrschte jedoch immer Knappheit.

     

Seine Ehefrau knüpfte Kontakte zu mehreren Geschäftsleuten in der Nähe und erreichte, dass Gemälde von ihm den Schaufenstern oder den Räumen der jeweiligen Läden ausgestellt wurden. Auf diese Weise konnten einige seiner Arbeiten verkauft werden.

     

Obwohl sich der Gesundheitszustandes Starks stetig verschlechterte, versuchte er so oft wie möglich, in der freien Natur zu malen. Insbesondere Partien aus Bad Zwischenahn mit dem Zwischenahner Meer, Sandkrug, Ohmstede, das Ipweger Moor, die Kreyenstraße und das Flötenteichviertel waren seine bevorzugten Motive.

     

In den zurückliegenden Jahren fanden diverse Einzelausstellungen im Oldenburger Land mit seinen Arbeiten, unter anderem in Syke, Greetsiel, Dötlingen, Bremerhaven, Norden,Lilienthal und Linswege, statt.

     

In Oldenburg selbst blieb ihm eine größere Ausstellung jedoch versagt. Im Verlaufe seines Lebens schuf der Maler hunderte von realistischen Landschaftsdarstellungen, die man aufgrund der Individualität der Farben und seiner Ausführung sofort als Arbeiten von ihm erkennt.

     

Der Maler Fritz Stark verstarb am 25. November 1998, er wurde in Oldenburg auf dem Waldfriedhof bestattet. 

    

Quellenangaben:

1. Persönlich geführtes Interview des Verfassers mit den Kindern des Künstlers, geführt  im März 2006 vom Verfasser.      

2. Zeitungsartikel ( Verlag unbekannt)von A.G.Schuchardt  aus dem Jahre 1946 mit dem Titel: Fritz  Stark –DerHeimatmaler des Kreises Luckau.

3. Bestätigung des Landkreises Luckau – Amt für Volksbildung-, undatiert, in dem   Fritz Stark der Titel Kunstmaler zuerkannt wird.

4. Persönlich geführtes Interview des Verfassers mit den Kindern des Künstlers, geführt  im März 2006 vom Verfasser.

5. web:http://www.alt-oldenburg.de/plaetze/pferdemarkt/pferdemarkt--seite-5-von-11.html

6. Handschriftlich, von den Kindern des Malers angefertigte Ausstellungliste, übergeben im März 2006.

     


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 

Marie Stein-Ranke


 


 

 


 


 


 


 


 


 

Die Malerin Marie Stein wurde als zweite Tochter des Gymnasialdirektors Stein am 13. Juni 1873 in Oldenburg  geboren.

Mit Erreichung ihres 5. Lebensjahres  wurde Marie eingeschult. Als Marie mit 16 Jahren die Schule verließ, weil für Mädchen der Besuch eines Gymnasiums noch nicht vorgesehen war, entschloss sie sich, Malerin zu werden und ihr Elternhaus zu verlassen. Ihr Vater wollte das Talent seiner Tochter  fördern und ermöglichte es Marie im Alter von 17 Jahren ein  privates Kunststudium in Düsseldorf zu beginnen.  Dort mietete sie, auf sich allein gestellt, ein Atelier.

Da Frauen erst ab dem Jahre 1919 an Akademien zugelassen waren, kam in der Regel nur eine Ausbildung  in sogenannten Damenmalschulen in Betracht. Bei Marie Stein war es zunächst anders.

In der Jägerhofstraße 25, unweit der Kunstakademie wohnend, zeichnete Marie in ihrer kleinen Wohnung  unermüdlich nach Modellen und legte dann dem Akademiestudenten Walter Petersen   ( 1862-1950) die Arbeitsergebnisse zur Begutachtung  vor. Petersen wurde einige Jahre später ein anerkannter  Mode – und Gesellschaftsmaler. Von Petersen wurde sie in dieser Zeit auch in der Anwendung der  Radier und Kaltnadelradiertechnik unterwiesen.

Bereits in ihrem frühen Arbeiten zeichnete sich eine besondere Vorliebe  für das menschliche Porträt ab, das sie bis in ihre später Arbeiten in den 40erJahren stilistisch weiterentwickelte. Sie besaß dabei die Gabe, mit wenigen Strichen die markanten Gesichtszüge des zu portraitierenden zu erfassen und festzuhalten.

1894 verließ Marie Stein Düsseldorf und begab sich nach München in die private Damenmalschule von Friedrich Gehr.

Es schloss sich eine Ausbildung bei dem Maler Paul Nauen in München an. In der Isarmetropole blieb die Malerin einige Jahre. In dieser Zeit entstanden mehrere Dutzend Damenportraits. Während eines Parisaufenthaltes1898/99 besuchte Marie Zeichenkurse bei Olivier Person und stellte Radierungen im Pariser Salon aus, wofür sie eine mention honorable erhielt. In Paris lebte sie in der Rue Geziertes Nr. 6, unweit dem Boulevard St. Germain und dem Jardindu Luxembourg bei der Witwe eines Malers, bei welcher sie das Atelier des verstorbenen Künstlers nutzen konnte. in Leipzig, mit Preisen ausgezeichnet .Im März 1898 reiste Marie nach Oldenburg, um dort die Hochzeit ihres Bruders zu feiern.

Anschließend reiste sie nach München, um sich an einer Ausstellung im Münchener Glaspalast mit einigen eigenen Arbeiten zu beteiligen.

1899 kehrte sie, 26jährig, nach Düsseldorf zurück und lebte dort vom Verkauf ihrer eigenen Arbeiten.

Sie schrieb einmal, dass sie für eine Arbeit 2000 Mark erhalten habe. Da sie sich dort mittlerweile einen guten Namen gemacht hatte, erhielt sie auch Aufträge aus der gehobenen Düsseldorfer Gesellschaftsschicht.

1905 zog Marie Stein nach Berlin, wo sie  einige Monate unter Leo von König lernte. Dort lernte sie auch den Ägyptologen Hermann Ranke( 1878 – 1953) kennen. 1906 folgte die Verlobung und in demselben Jahr  die Hochzeit, die das Paar in Oldenburg feierte.

Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, wurde Hermann Rankezum Kriegsdienst eingezogen, wurde nach Frankreich abkommandiert  und kehrte am Ende des 1. Weltkrieges im Jahre 1918 wieder zurück.

 In den frühen 20er Jahren entstanden zahlreiche Kinder-und Familienbilder in Pastellkreide und in Öl. In de frühen 20er Jahren vollzog die Porträtistin eine Stilentwicklung zur Neuen Sachlichkeit hin. Offenbar gab es seit dieser Zeit jedoch keine Ausstellungstätigkeit mehr.

Für Marie Stein-Ranke verliefen die folgenden Jahre schwierig und waren schicksalsgeprägt.

Ihre in Berlin geborene Tochter Hannah steckte sich bei einer Meningitis-Epidemie bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Heidelberg mit dem Virus an und verstarb 1927 im Alter von knapp 20 Jahren in einem Sanatorium in der Schweiz.

Die beiden Söhne Maries, Andreas und Albrecht begannen ein Jurastudium bzw. ein Volkswirtschaftsstudium. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Herbst 1933 nahm sich der Sohn Albrecht in der Nähe von Berlin das Leben.

Obwohl Maries Vater bereits 1853 zum protestantischen Glauben konvertiert war, galt Marie in den Augen der Nationalsozialisten als Halbjüdin. Ihre Kinder waren in den Augen der Nazis daher auch jüdischer Abstammung.

Hermann Ranke, der während dieser Zeit in Heidelberg  einen Lehrstuhl für Ägyptologie besaß,musste feststellen, dass dieser während seiner Abwesenheit – Marie Stein-Rankeund ihr Mann Hermann hielten sich 1932 in Madison/Wisconsin wegen einer Gastprofessur ihres Mannes auf- abgeschafft worden war. Zu vermuten ist, dassdie Abschaffung des Lehrstuhl s mit der  „Mischehe“ Rankes zusammenhing.

Am 1.12.1937 wurde Hermann Ranke suspendiert. 1939 emigrierten Marie und Hermann Ranke in die USA, wo  Ranke eine Gastprofessur an der Universität in Philadelphia erhielt. Der Vertrag Rankes endete am 31. Mai 1940.

Da der noch verbliebene Sohn Andreas zum Kriegsdienst eingezogen wurde, reiste Marie kurz darauf allein von Amerika nach Deutschland zurück.Finanziell äußerst knapp, verlebte Marie die nächsten Wochen und Monate in Deutschland. Da seit Ende Juli 1939 kein Ruhegeld mehr gezahlt wurde und auch kein Geld aus Amerika nach Deutschland überweisen werden konnte,  musste Marie eine entbehrungsreiche Zeit bewältigen.

Ende Juli 1941 erreichte Marie die traurige Nachricht, dass auch ihr letzter Sohn Andreas bei einem Fronteinsatz in Russland am 24. Juli 1941 verstorben war.

Hermann Ranke gelang es auf Umwegen, im Sommer 1942 über Stockholm nach Deutschland zurück zu kehren. Zurückgezogen lebte das Ehepaar  bis 1948 in einem kleinen Dorf namens Bollschweil bei Freiburg.

Nach Ende des 2. Weltkriegs verhinderten die deutschen Ministerien die Rückkehr Rankes an die Universität.

Ranke begab sich deshalb zusammen mit Marie zunächst wieder nach Amerika, um dort als Gastkurator an der Universität in Pennsylvania tätig zu sein. Es schloss sich  1950/51 eine Gastprofessur der Faruq-Universität in Alexandrien an.

Nach seiner Rückkehr aus Ägypten verschlechterte sich derGesundheitszustand Hermann Rankes. In Freiburg starb er am 22. April 1953.

Marie Stein-Ranke verkaufte die umfangreiche Bibliothek der Gebrüderranke an die neu gegründete Universität Saarbrücken. Im Rahmen eines Besuches in Heidelberg erlitt die mittlerweile 83- jährige Malerin einen schweren Unfall und musste mehrere Monate in einer Klinik zubringen. Anschließend

lebte sie in einem Altersheim in Nussloch bei Heidelberg.

Marie Stein-Ranke starb am 9. Juli 1964 in Nussloch.

 

Die Malerin Marie Stein – Ranke kehrte nach ihrer Ausbildungszeit in Düsseldorf und München immer wieder nach Oldenburg zurück und beteiligte sich rege am kulturellen Leben ihrer Geburtsstadt. So nahm sie ab 1896 an Ausstellungen im Oldenburger Kunstverein teil. Ab 1898 erhielt sie zudem von der Großherzoglichen Familie Aufträge für die Anfertigungen von Portraits.

1906 erteilte der damalige Deutsche Kaiser in Berlin Marie einen  Auftrag für die Anfertigung eines Portraits seiner Tochter Luise. Erwähnenswert ist auch die Freundschaftt zwischen Stein-Ranke und dem in Dötlingen ansässigen Maler Georg Müller vom Siel künstlerisch zu betätigen, was durch zwei Portraitradierungen  Müller vom Siels aus dem Jahren 1902 und 1903, angefertigt von der Malerin, dokumentiert wird.

Davon auszugehen ist, dass Marie sich damals häufiger zu Gast bei Müller vom Siel in dessen Gästehaus „Haus Reineck“ aufhielt, um sich dort künstlerisch zu betätigen.

Auch pflegte die Malerin Kontakte zu dem Oldenburger Maler Ludwig Fischbeck, der in Oldenburg für den Verkauf ihrer Radierungen sorgte.

Ab dem Jahre 1904 gehörte Marie Stein-Ranke zusammen mit WillaThorade und Wilhelm vom Busch zu den Gründungsmitgliedern des Oldenburger  Künstlerbundes (OKB).

Im ersten Verzeichnis des OKB im Jahre 1908 sind von den insgesamt 31 Künstlern 10 Malerinnen aufgeführt. Es sich dabei um Emmy Rogge aus Butjadingen, Paula Schiff und Anna Schulman-Salomon aus Berlin, Else Müller-Kaempff aus Ahrenshoop, Clara Westhoff-Jordan aus München und Anna List, Emma Ritter, Martha Lohse und Hermine Schmidt, alle aus Oldenburg.

 

1906 trat die Malerin, obwohl mittlerweile in Berlin ansässig,  in Bremen der Vereinigung Nordwestdeutscher Künstler bei. Ihr künstlerisches Engagement ließen den Jahren danach langsam nach, zumal die Malerin durch die Übersiedelung nach Heidelberg und die Erziehung ihrer Kinder sie zunehmend beanspruchte.

 

Anlässich ihres 80. Geburtstages wurde am 7. Juni 1953 im Oldenburger Kunstverein im Alten Schloss in Oldenburg  eine kleine Ausstellung gezeigt, die von Willa Thoraxe formuliert wurde und zu der die Malerin wegen des vorausgegangenen Todes ihres Mannes nicht anreisen konnte.

 

Folgende Ausstellungsbeteiligungen sind dokumentiert:

282. und 283. Kunstausstellung( zusammengelegt)-19.4.-3.5.1896

285. KA., 15.11.-15.12.1896

289.KA.,14.11.-16.12.1897

292. KA.,15.11.-11.12.1898

296. KA.,17.11.-17.12.1899

299. KA.,16.11.-16.12.1900

300.KA.,17.2.-16.3.1901

302.KA.,17.11.-15.12.1901

303.KA.,16.2.-16.3.1902

307.KA.,25.2.-30.3.1903

309.KA.,8.-19.2.1904

311.KA.,16.11.-15.12.1904

Ausstellung zur Feier des 100.-jährigen Bestehens derGroßherzoglichen Gemäldesammlung zu Oldenburg am 24.-27.4.1904

326.KA.,15.2.-15.3.1909

 

Quellenangaben:

Biografisches Handbuch zur Geschichte ds Oldenburger Landes,S. 697-698, ein Beitrag von José Kastler

Gerhard Wietek, 200 Jahr Malerei im Oldenburger Land, S. 273

Oldenburger Hauskalender von 1932, S. 49

José Kastler, Heimatmalerei-Das Beispiel Oldenburg-, Heinz Holzberg Verlag, ISBN 3-87358-316-X

Oliver Gradel, Kunstausstellungen im Oldenburger Kunstverein1843-1914, S. 182-182 

Silke Köhn, Marie Stein-Ranke -eine Porträtistin um 1900-Isensee Verlag 2000

 

 

Dieter Stöver

 

 


 


 


 


 



Dieter Stöver wurde am 8. Mai 1922 in Oldenburg geboren. Sein Vater, ein studierter Jurist, war Reichsbahndirektor in Oldenburg, seine Mutter hatte eine künstlerische Ader und malte in ihrer Jugend. Die drei Söhne Hans Hermann (geb. 1920), Dieter, sowie Gerd (geb. 1927) sind in der Lindenallee 39 in Oldenburg aufgewachsen. Dieter beginnt bereits in seiner Jugend zu zeichnen und zu malen. Aus dieser Zeit sind Naturstudien aus der näheren Umgebung Oldenburgs erhalten.

 Während und nach seiner Schulzeit nahm Dieter Störer bei dem Oldenburger Maler Wilhelm Kempin in der Cloppenburger Straße 339 Mal - und Zeichenunterricht. Im Laufe der Zeit hatten sich neben Stöver weitere talentierte Malerinnen und Maler gefunden, die sich bei Kempin ausbilden ließen. Eine Ausnahme bildete der Bildhauer Walter Howard, der Anfang der 40er Jahre  ebenfalls zu dem Schülerkreis Kempins gehörte.

Walter Howard ging später nach Berlin und wurde Professor an der dortigen Kunstakademie.

Der mittlerweile verstorbene Walter Howard erinnerte sich in einem Interview mit Burkhard Zscheischler, der dessen Lebensgeschichte aufarbeitete:

„Mit einigen aus dem Kempinkreis korrespondiere ich bis heute, beziehungsweise, so lang sie lebten. Schließlich werden wir alle nicht jünger. Und ich muss verwundert feststellen, dass selbst von den Jüngeren kaum noch einer übrig ist. Dieter Stöver, zum Beispiel. Dieter war ein ganz empfindsamer Maler. Ich war stolz darauf, ihn meinen Freund nennen zu dürfen. Denn es ist mir in meinem wechselvollen Leben selten gelungen, Freunde „ für’s Leben“ zu finden.“

Auf diesen Malkursen erwarb sich Dieter Störer Kenntnisse in der Technik der Ölmalerei. Kempin soll einmal gesagt haben: „Dieter kann studieren was er will, am Ende wird er doch Maler“.

Das Abitur legte er 1941 am Staatlichen Gymnasium zu Oldenburg /Oldenburg ab. Im seinem Abschlusszeugnis ist als allgemeine Beurteilung zu lesen „.. die Leistungen im Ganzen befriedigend; jedenfalls wurden sie dadurch, dass er außerhalb der Schule seinen Künstlerischen Neigungen mit Erfolg nachging, nicht beeinträchtigt“. Die einzige gute Bewertung erreichte er in Kunsterziehung.

Nachdem er das Abitur abgelegt hatte, wurde er 1941 in den Kriegsdienst einberufen. In seiner Funktion als kriegsteilnehmender Funker war er zuerst im Westen und später im Osten / Stalingrad eingesetzt. Verletzt geriet er in ein russisches Lazarett. Aus diesem konnte er in den Westen in amerikanische Gefangenschaft fliehen. Nach dem Krieg musste ihm noch ein Granatsplitter operativ entfernt werden.

 

1947 nahm er an der Städelschule in Frankfurt bei Professor Heise ein Kunststudium auf. Anschließend folgten zwei Semester an der Hamburger Hochschule der bildendenden Künste bei dem renommierten Grafiker Professor Mahlau, später eine Lehramtsausbildung bei Professor Marxmüller und bei Professor Glätte und Professor Gött an der Akademie der Bildenden Künste in München. 1953 heiratet er Jutta, geb. Gadamer, die wie er an der Akademie in Frankfurt studiert hatte. 1955 wurde sein Sohn Jan, 1958 Piet und 1964 Klas geboren. 1958 schloss er sein Studium mit der Berechtigung zur Ausübung des Lehramts an höheren Schulen ab und begann kurz darauf am Münchner Erasmus Graser Gymnasium als Kunsterzieher zu unterrichten.

 

Neben dem regulären Kunstunterricht leitete er Fotokurse und versorgte das Schultheater mit anspruchsvoller Bühnenmalerei. 1975 wechselte er an die Max-Rill-Schule nach Reichersbeuern, wo er bis zu seinem Tod am 10.2.1984 in Schlegldorf, kurz vor seiner Pensionierung, tätig war. Seine Schülerinnen schätzten ihn, mehrere entschieden sich für künstlerische Laufbahnen, was er wohlwollend und vielleicht auch ein wenig stolz registrierte.

 

Seine zahlreiche Reisen führten ihn nach Dänemark und Frankreich später dann bevorzugt nach Italien und auf die Insel Sardinien. Es waren vor allem die Landschaften, die ihn anregten und ihm zu Vorlagen für seine Malerei wurden. Aber auch seine bayerische Wahlheimat hat in seinen Bildern starken Ausdruck gefunden. Zunächst jene, eher flachen Landstriche, nördlich von München bei Allershausen, später dann die hügelige, von Endmoränen geprägte Gegend des Alpenvorlandes rund um Dietramszell und zuletzt der von der Flusslandschaft geprägte Isarwinkel bei Lenggries.

 

Dieter Stöver fand seine letzte Ruhe auf dem Waldfriedhof in Lenggries.

 

 

Quellenangaben:

 

1. Burkhard Zscheischler – Mein Name ist Stats ,Erinnerungen von Walter Stats Howard, Seite 44 des Manuskriptes.


 

 Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.273



Wilhelm Heinrich Stöver

 



 











Viele Leser werden sind fragen, warum die Biografie des in Bremen geborenen Willi Stöver in der Rubrik der Oldenburger Künstler Erwähnung findet. Da  Stöver nicht nur  in Bremen und dem Bremer Umland künstlerisch tätig war sondern auch im Oldenburger Land, vor allem  in Dötlingen, hat er auch hier seine Spuren hinterlassen, wenngleich er nach wie vor vielen unbekannt ist. Das liegt in erster Linie an den wenigen Ausstellungen an denen er im Verlaufe seines Lebens teilgenommen hat.

Hin und wieder tauchen Arbeiten von ihm auf Auktionen oder bei Ebay auf, die jedoch in der Regel unterbewertet sind und seiner künstlerischen Leistung nicht gerecht werden.

Wilhelm Heinrich Stöver wurde am 4. April 1895 in Bremen geboren. Nach  der Schulzeit begann er eine Ausbildung im Bereich Kunst - und Dekorative Malerei bei der  in Bremen ansässigen überregional bekannten Firma Bollhagen.

Mit Beginn des 1. Weltkrieges wurde er Kriegsdienstverpflichtet. Während des Krieges geriet er in Kriegsgefangenschaft und war bis 1919 interniert. Zahlreiche Zeichnungen  entstanden während dieser Zeit in Frankreich.

Nach seiner Rückkehr  begann er ein Studium an der Kunstschule in Bremen. Bis 1927 nahm er dort an Abendkursen unter Anleitung von Professor Wilhelm Focke teil, der sich einmal  lobend über Stöver äußerte, dass  dieser sein bislang bester Aktmaler sei.

Parallel dazu arbeitete Stöver wieder bei der Firma Bollhagen als „Erster Dekorativer Kunstmaler“. Im weiteren Verlaufe wechselte er zur Firma Röschmann.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Stöver bereits seine Liebe zur Worpsweder Landschaft entdeckt.

1928 gründete er ein eigenes Atelier auf einem Bauernhof in Seebergen am südlichen Rande des Teufelsmoores zwischen den Künstlerdörfern Fischerhude und Worpswede.

Da Stöver vom Verkauf seiner Arbeiten nicht leben konnte, machte er sich 1939 mit einem Geschäft für „Kunst - und Dekorative Malerei“ in Bremen selbständig.

Das Geschäft  konnte er nur mit zeitlichen Unterbrechungen ausführen, da er bereits 1939 zum Kriegsdienst verpflichtet wurde und erst 1945  mit Kriegsende seine Tätigkeit im vollen Umfang wieder aufnehmen konnte.

Bis ungefähr 1960 betrieb Stöver das  Atelier in Seebergen, bis 1968 das Geschäft in Bremen. Es schlossen sich bis 1975 mehrere Studienreisen an, die ihn durch das Oldenburger Land und Norddeutschland führten.


Willi Stöver starb am 26. Februar 1980 in Bremen.

Während seines Lebens malte Stöver hauptsächlich Landschaften in Öl - und Aquarellfarben. Dabei bevorzugte er die gegenständliche Malweise. Viele Arbeiten entstanden im Bremer Blockland, an der Wümme, in der Feldmark von Bremen -Borgfeld, Bremen-Oberneuland und dem Teufelsmoor. Um 1924 war er in Dötlingen und dem Oldenburger Land tätig.

Willi Stöver arbeitete zurückgezogen. Obwohl er auf Ausstellungen mit ersten Preisen und viel Anerkennung gewürdigt wurde, u.a. in der Pinakothek in München und der Kunsthalle Bremen, hatte er nie Ambitionen, seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Es fehlte ihm dazu der Antrieb. Aus diesem Grunde wurden seine Arbeiten auch nur sehr selten in der Öffentlichkeit präsentiert. 

 

 

 

 



Stöver fuhr viel lieber auf seinem Fahrrad mit Palette, Pinsel und Farben ausgerüstet in die Natur, um sich dort der Malerei zu widmen.

Der als liebevoller, bescheidener, humorvoller und gutmütiger Mensch beschriebene Künstler war Mitglied im Kunstverein Bremen.

                

Quellen:

Die Biografie erarbeitete Hans-Werner Beissert, die er mir für die Veröffentlichung freundlicherweise zur Verfügung stellte.

   Bei Oberneuland-Achterdiek, April 1963

Truperdeich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Hanne Suffrian


 


 


 


 


 


 


 


 

Nanne Suffrian wurde am 4. September 1892 als Tochter eines Architekten in Hannover geboren. Nach dem Besuch der Töchterschule und nach Fachprüfungen als Nadelarbeitslehrerin, die sie 1917 an der Königlichen Kunstschule in Berlin unter Direktor Philipp Frank bestand, führte sie ihre erste Lehrtätigkeit nach Neupfalz in Schlesien. Anschließend kehrte sie nach Hannover zurück, um anschließend eine Anstellung als Leiterin der Textilklasse an der Kunstgewerbeschule in Hildesheim zu übernehmen. 1920 folgte sie einer Berufung nach Oldenburg an die Cäcilienschule. Nach zwei Jahren wechselte sie an die Oldenburger Mädchenmittelschule. Nanne Suffrian bevorzugte die Aquarelltechnik und die Kreidezeichnung. Sie hielt sich unter anderem in Ahrenshoop an der Ostsee auf und fertigte dort unter anderem ein Bild mit dem Titel „Steilküste“. Im Schwarzwald besuchte sie das Kinzigtal, an der Nahe den Rheingrafenstein und Ramelsloh in der Lüneburger Heide. Sie betätigte sich an diesen Orten auch künstlerisch.

1933 war sie in Oldenburg auf der Ausstellung „Gau Weser Ems“ vertreten.

 

Quelle:

 

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.274

Der Oldenburgische Hauskalender oder Hausfreund auf das  Jahr 1935, S.48

 

 

Werner Tegethof

 


 


 


 


 


 


 

 

Der Maler Werner Tegethof wurde am 1. Oktober 1919 in Bremerhaven geboren. Seine Schulzeit schloss er 1938 mit dem Abitur ab. In der Zeit von 1939 bis 1945 wurde er Kriegsdienst verpflichtet und kam als Marinesoldat in amerikanische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft lernte Tegethof fünf Monate bei dem Grafiker Henry Garde in Bremen.  Ab 1946 studierte er Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Göttingen und von 1947 bis 1949 an der Landeskunstschule in Hamburg . Seine Lehrer waren Willem Grimm, Karl Kaschak und Erich Hartmann, bei dem er die Meisterklasse besuchte und dessen Meisterschüler er wurde.

1949 musste er aus finanziellen Gründen das Kunststudium aufgeben. Er nahm deshalb zunächst eine Anstellung als Zeichenlehrer an der Amerikanischen Schule in Bremerhaven an und wechselte 1951 nach Wiesbaden, wo er 1952 heiratete.

Im Jahre 1953 nahm er sein Studium an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste im Hamburg wieder auf  und widmete sich neben der Malerei auch der Kunst der Keramiken des Silberschmiedens. Er schloss das Studium 1954 ab. Ein Jahr später zog er nach Oldenburg. 1955 legte er das Examen als Kunsterzieher ab und war anschließend an verschiedenen Gymnasien als Kunsterzieher tätig, unter anderem an der Cäcilienschule in Oldenburg. Seit 1970 war er Fachberater für Bildende Kunst. Werner Tegethof war Mitglied im Bund Bildender Künstler Oldenburg und trat dort 1955  der „junge Gruppe“ bei.

Er wurde später Ehrenmitglied des bbk.

Im November 1955 nahm Tegethof an der Weihnachtausstellung des bbk  - Freie Gruppe - in den Räumen des Landesmuseums teil. Neben ihm stellten dort Heino Johannen, Emil Brose, Otto Blank, Hein Bredendiek, Eva Simmat, Karl Nagel, Bruno Westhäusler, Ernst von Glasgow, Hermann Schomerus, Charlotte Mayer-Schomerus, Heino Korte, Hermann Holst und Hans Schuster aus.

Im Januar 1956 fand in den Theatervorräumen des GroßenHauses des Staatstheaters eine Ausstellung des bbk statt, an der sich neben Werner Tegethof die Maler Emil Brose, Otto Blank, Eva Simmat, Heino Johannen,Alfred Bruns, Gerd Thelen, Henricus Becker-Riepe, Köhler und Hermann Schomerus beteiligten.

Im Oktober 1968 organisierte der bbk eine Ausstellung mit dem Titel:“ Kunst im Schaufenster der Haarenstraße“.

Neben Tegethoff zeigten dort folgende Künstler ihre Arbeiten:

Marga von Garrel, Wilhelm Gerstenberg, Georg Schmidt -Westerstede, Heino Johannen, Horst Schmidt, Hein Bredendiek, Rolf-Günther Klamm, Hinz Carl Wimmer, Hans Joachim Sach, Otto Blank, Veronika Caspar-Schröder, Anna Elisabeth These - Jürgens, Eva Simmat, Hans Berthold Giebel, Heinrich Schwarz, Gerhard Georg Krueger, Max Herrmann, Franz Francken, Heidelore Drews, Ernst von Glasow, Gerhard Thelen, Thea Koch-Giebel, Heinz Liers, Hertha Scholz, Gerhard Scholz, Dietrich Voigt, Hans Meyerholz und Astrid Geck.

 

 

Von 1967 bis 1976 engagierte sich Tegethof als Nachfolgervon Professor Reinhard Pfennig  im Vorstand des Oldenburger Kunstvereins.

Im Oktober 1976 beteiligte sich Tegethoff an der Ausstellungdes bbk und Ostfriesland im Hause Dahlmannstraße 18 in Bonn in der Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund.

Es beteiligten sich daran auch die Maler Hein Bredendiek,Veronika Caspar-Schröder, Brigitte von Chmara, Marga von Garrel, Peter Geite,Hans Berthold Giebel, Thea Koch-Giebel, Gerhard Gorg Krueger, Hans Joachim Sach, Heinrich Schwarz, Anna Maria Strackerjahn, Kurt Zeh und Heinz Carl Wimmer.

 

In der Zeit vom 5.11.-10.12.1978 beteiligte sich Tegethof am Huder Malwettbewerb in Hude in der dortigen Klostermühle.

Neben ihm beteiligten sich Otto Blank, Käthe Knutz und Heino Schöne an dem Wettbewerb.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer widmete sich Tegethof intensiv der Malerei,  musste allerdings 1990 seine Schaffenstätigkeit aufgrund eines Augenleidens einschränken.

Tegethof beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen in der Stadt Oldenburg, in Hannover und in Bremerhaven.

 

Werner Tegethof zählt zu den herausragenden Malern der Moderne in Oldenburg, neben Gerhard Georg Krueger, Adolf Niesmann und Reinhard Pfennig .

Der Maler starb am 16.2.2002 in Oldenburg

 

 

 Quellennachweis:

 

1.     Gerhard Wietek – 200 Jahre Mlerei im Oldenbuger Land, ISBN 3-9801191-0-6

2.     Ausstellungsktalogedes BBK Oldenburg aus den Jahren 1955,1956,1976,1977,1968,1978

3.     Aus Stiftung und Erbe – Malerei und Grafik für die Stiftung Oldenburgischer Kulturbesitz, herausgegeben von der Oldenburgischen Landschaft, Band 6,

ISBN 3-89598 – 784 -0

4.     Oldenburger Hauskalender des Jahres 1963

5.     Oldenburger  Hauskalender des Jahres 2003

 

 

Wilhelm Tegtmeier

 


 


 


 


 

Der Maler Wilhelm Tegtmeier wurde am 9.1.1895 in Barmen/Wuppertal geboren.Tegtmeier besuchte das Gymnasium in Leer und in Osnabrück und schloss die Schule 1913 mit dem erreichen des Abiturs ab. In demselben Jahr heuerte er auf einem Segelschiff  als Leichtmatrose und als Schiffsjunge an.

Im ersten Weltkrieg wurde Tegtmeier an der Ost - und Westfront eingesetzt.

Ab 1918 studierte er an der Kunstgewerbeschule in Hamburg bei Julius  Wohles und Ewald Dülberg. Parallel dazu studierte er an der Universität Hamburg Altgriechisch. In dieser Zeit kames durch Vermittlung Franz Radziwills 1895 – 1983) zu einer Freundschaft mit der Kunsthistorikerin Rosa Schapire und dem Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer. 1921 nahm dieser Holzschnitte Tegtmeiers in der „ Kündigung“  auf, in der auch Schmidt-Rottluff und Radziwill vertreten waren.

1919 lernte Tegtmeier Heinrich Vogeler und Tetjus Tügel kennen. 1923 wurde der Maler Kunsterzieher am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover.

Noch in demselben Jahr heiratete er die Oldenburger Landwirtstochter Gertrud Hümme.

Im darauffolgenden Jahr gab Tegtmeier die Lehrerstelle auf und arbeitete nur noch als freischaffender Künstler.

1931 fand eine Ausstellung der „ Vereinigung für Junge Kunst, die im Augusteumgezeigt wurde, statt. Titel der Ausstellung war: „ Die billige Wohnung“.

Bei der Auswahl des Wandschmuckes war Tegtmeier mit seinen Arbeiten neben denen von Jan Oeltjen, Elsa Oeltjen-Kasimir, Franz Radziwill, Emma Ritter, Fritz Stuckenberg und Adolf Niesmann vertreten.

Tegtmeier wurde 1936 an die Norddeutsche Kunstakademie in Bremen berufen.

1942 erhielt er den Professorentitel. 1943 wechselte er an die Hochschule für Kunsterziehung in Bremen. 1950 erwarb er das  Schäferhaus“ in Nethen und widmete sich wieder intensiv der Malerei, der Zeichnung und vor allem der Grafik. In den folgenden Jahren erhielt er zahlreiche Aufträge für Gestaltungen in Mosaik oder Sgaffititotechnik.

1956 erwarb der Maler das Kapitänspatent. Viele der meist großformatigen Hiolzschnitte mit maritimer Thematik stammen aus dieser Zeit. Tegtmeiers expressionistisch bestimmtes Werk stammt aus der Zeit nach 1915.

In der Tafelmalerei ist neben der expressiven Herkunft, die ihn mit Franz Radziwill verbindet, eine Hinwendung zu einer altmeisterlichen Darstellungsweise deutlich. Die phantastisch- magische Ausdeutung der Wirklichkeit ist beiden gemeinsam. Neben Franz Radziwill ist Tegtmeier der wohl bedeutendste Maler des Realismus im Oldenburger Land. Wilhelm Tegtmeier verstarb am 6. November 1968 in Nethen.

 

Quellenangaben

 

Gerhard Wietek - 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S. 274

Oldenburger Hauskalender von 1970, S. 3

Tachenbuchausgabe mit dem Titel“Wilhem Tegtmeier, Maler undGrafiker Schäfermoorhaus 1972“, herausgegeben von Gertrud Tegtmeier, Nethen, Oldenburg, 1972


Willy ter Hell

 

Wilhelm ter Hell wurde  am 2. Dezember 1883 als siebtes Kind von insgesamt 9 Kindern des Auktionators Jann ter Hell und dessen Ehefrau Aleida Harmina geb. Meyer in Norden geboren.

 

Nach dem Besuch des Ulrichsgymnasiums in Norden wollte sich der begabt Willy der Malerei widmen. Die schwierige finanzielle Situation seiner Eltern ließ ein Kunststudium jedoch nicht zu. Aus diesem Grunde zog es ihn nach Berlin, wo er 1901 in eine Theatermalerlehre begann. Drei Jahre später begann er ein Studium an der Kunstakademie in Berlin unter Professor Harder.

Als der Vater erkrankte und die finanziellen Mittel für eine Unterstützung fehlten, stellte Professor Harder ihn als bezahlten Gehilfen ein, sodass er bei ihm seine Arbeit fortsetzen konnte.

Neben dieser Tätigkeit besuchte ter Hell Abendkurse des Kunstgewerbemuseums.

 

1906 reichte er Arbeiten für die Große Berliner Kunstausstellung ein, welche anschließend angenommen und ausgestellt wurden.

Er verließ noch im selben Jahr Berlin  und reiste nach Dresden, wo er ein Studium bei Eugen Bracht begann, der ihn anschließend als Meisterschüler weiter unterrichtete.

1909 wurde Willy ter Hell mit der „Große Silberne Medaille“ einer Schülerausstellung der Akademie bedacht.

1910 zog er von Dresden wieder nach Berlin. 1912 heiratete er Margarete Starck, Während des ersten Weltkrieges wurde er von 1915 bis 1918 als Soldat in Flandern und Russland eingesetzt..Aus der  Ehe mit Margarete Starck ging 1920 eine Tochter hervor. Bis 1943 lebte ter Hell in Berlin, dann wurde seine Wohnung, in der sich auch sein Atelier befand, während des 2. Weltkrieges ausgebombt.

Er verzog anschließend nach Turek in den Warthegau. 1945 verzog er nach Hofgeismar(Nordhessen), wo er schließlich am 1.7.1947 starb.

 

Willy ter Hells Arbeiten  wurden mehrfach ausgezeichnet, mehrere Museen erwarben seine Arbeiten. Während der Zeit des Nationalsozialismus  trat ter Hell der NSDAP bei. Er war ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Aufbau der Reichskulturkammer und stellte seine Arbeiten  auf verschiedenen, von der NSDAP organisierten Ausstellungen aus. Während des Dritten Reiches galt er als einer der besten deutschen Landschaftsmaler. Ministerien und die Reichskanzlei erwarben unter anderem  seine Bilder.

Am 26.Juni 1943 erhielt er den Professorentitel ehrenhalber.

 

Quellen:

 

Biografisches Lexikon - Ostfriesische Landschaft, ein Beitrag von Ursula Basse-Soltau



Gerhard Terveen

 

 

 

 


 


 


 


 


 


 


Gerhard Terveen

     

Der Zeichenlehrer und Kunstmaler  Gerhard Wilhelm Terveen ( auch ter Veen) wurde am 6. April 1898 in Rüstringen/Wilhelmshaven als Sohn eines Bürohilfsarbeiters, der beim Lotsenkommando angestellt war, geboren. Nach der Schulzeit erlernte er zunächst ein Handwerk. Nach der Gehilfenprüfung wurde er am 3. Januar 1917 zum Kriegsdienst verpflichtet und nahm unter anderem an  Stellungskämpfen im Oberelsass teil. Nach Kriegsende wurde er im März 1919 aus dem Militärdienst entlassen.

 

Seinem Berufswunsch Zeichenlehrer zu werden kam er näher, als er sich nach seiner Entlassung  mit einigen Arbeiten an der Kunstgewerbeschule in Hamburg bewarb. Am 1.3.1920 wurde er dort angenommen. Ein Schwerpunkt des Mal- und Zeichenstudiums wurde dabei auf der Landschafts-, Porträt-, Akt-, und Stilllebenmalerei gelegt.

 

Die Zeichenlehrerprüfung schloss Terveen schließlich am 28.6.1922 mit der Note „ Gut“ ab.

Nach bestandener Prüfung zog es ihn wieder nach Oldenburg. Am 15. August 1922 erhielt er eine Anstellung an der Oberrealschule. Dieser sogenannte Vorbereitungsdienst endete am 30.9.1923. Während  seiner Tätigkeit an dieser Schule musste er drei Monate lang vertretungsweise den Zeichenunterricht für den Zeichenlehrer Otto Naber übernehmen, der längere Zeit erkrankt war. Offenbar leistete Gerhard Terveen dabei gute Arbeit.

 

Am 1.10.1923 wechselte Terveen an die Cäcilienschule und leitete dort ein Jahr lang den Zeichenunterricht. Gleichzeitig an der Lehrerinnen -Bildungsanstalt.

 

Nach seiner Heirat am 26.5.1928 brachte seine  Ehefrau Else am 10.7.1930 einen Sohn zur Welt.

 

Am 1.11.1930 wurde Terveen zum Oberzeichenlehrer ernannt und leitete in dieser Eigenschaft ab dem 1.10.1931 den Zeichenunterricht an der Oldenburger Hindenburgschule.

 

Am 1.9.1933  trat er dem Nationalsozialistischem Lehrerbund und am 1.7.1937 der NSDAP bei. Ob dieses aus politischer Überzeugung geschah oder weil er berufliche Nachteile bei einem Nichteintritt fürchtete, ist nicht bekannt.

 

Am 4.3.1936  wurde Terveen erneut Vater, als seine Ehefrau eine Tochter zur  Welt brachte.

Viele Jahre lang wohnte der Künstler mit seiner Familie in Oldenburg in der Strackerjahnstraße 10.

 

Gerhard Terveen war künstlerisch sehr umtriebig. Er arbeitete in seiner Freizeit neben seiner Lehrertätigkeit für das Oldenburgische Theater unter der Leitung des dort tätigen Bühnenbildners Bernhard Halboth und schuf oder beteiligte sich an Bühnenbildern für Theateraufführungen.

 

1937  fertigte er großformatige Bilder für die Aufführung von August Hinrichs „De Stedinge“ für die Stiftung „ Stedings Ehre“ in Bookholzberg.

 

Bereits 1933 war er in Oldenburg mit einigen Arbeiten  auf der Kunstausstellung „ Kunst im Gau Weser- Ems vertreten.

 

Gerhard Terveen hatte einen geschulten Blick für die Schönheiten der Landschaft. Er liebte stille verschlafene Winkel, aber auch die weite ostfriesische Landschaft und die Wesermarsch sowie das Ammerland mit ihren weitläufigen Wiesen und Feldern sowie unberührten Gegenden.

 

Während seiner Freizeit unternahm er auf seinem Motorrad weite Touren durch das Oldenburger Land bis hin zur Nordseeküste. Bei diesen Fahrten war er  mit Skizzenblock und Zeichenmaterial ausgerüstet und verbrachte auf seinen Fahrten viele Stunden damit, an geeigneten Orten Motive mit dem Zeichenstift auf Papier fest zu halten. Nach seiner Rückkehr übertrug er die Skizzen auf Hartfaserplatte oder Leinwand und hielt auf diese Weise eindrucksvoll die Schönheiten dieser einzigartigen Natur fest.

 

Am 6.12.1943 erkrankte der Künstler plötzlich schwer und musste sich in einem Krankenhaus einer Darmoperation unterziehen. Von den Folgen dieses Eingriffes erholte er sich nicht mehr. Er starb 45jährig am 16. Dezember 1943 in Oldenburg.

 

Im Verlaufe seines kurzen Lebens schuf der Maler viele Ölgemälde und Aquarelle, die er häufig mit dem Namen ter Veen versah.

 

Die damalige Stadt Rüstringen, heute Wilhelmshaven, erwarb seinerzeit von ihm Aquarelle und ein Ölgemälde mit dem Titel „ Kornhocken“.

Mit ihm starb viel zu früh ein herausragender Landschaftsmaler, der mittlerweile in Vergessenheit geraten und darum nur wenigen Kunstinteressierten bekannt ist.

       

 Quellennachweis:

 Hoftheater, Landestheater, Staatstheater in Oldenburg, herausgegeben von Heinrich  Schmidt

Heimatmalerei-Das Beispiel Oldenburg- von José Kastler

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land

Oldenburger Hauskalender von 1933, S. 41

Einwohnerbuch der Stadt Oldenburg von 1929

Oldenburger Hauskalender von 1946, S. 56

Niedersächsisches Landesarchiv, Signatur 69, Personalakte über Gerhard Terveen der Oberreal-und Vorschule Oldenburg

 


 


 

 Gerhard Thelen

 

Gerhard Thelen wurde am 9. Juni 1920 in Oldenburg geboren. Als Maler war er Autodidakt, beruflich war er zunächst als Mechaniker, dann als Kartograph tätig. Ein längerer Aufenthalt in Frankreich war für seine künstlerische Entwicklung bestimmend. 1957 erhielt er vom Oldenburger Kunstverein ein Stipendium für eine Studienreise, die ihn nach Dänemark führte. Die nordische Landschaft war es, die in starker Farbigkeit abgewandelt,Themen seiner Arbeiten waren. Auf grafischem Gebiet waren figürliche Kompositionen Hauptthemen seiner Studien. Neben seinem grafisch - malerischem Werk entstanden in seinem Atelier in Bloherfelde Keramiken und Marmormosaiken.

Theken gehörte der Freien Gruppe des BBK an und nahm an mehreren Ausstellungen teil.

Folgende Ausstellungen sind dokumentiert:

1.     Juryfreie Ausstellung  des BBK für Nordwestdeutschland in Hannover am 30.5.1956.

2.     BBK-Ausstellungin den Theatervorräumen im Großen Haus und im Schloss Oldenburg am 4.1.1956.

3.     BBK-Ausstellung– Freie Gruppe – in den Räumen des Oldenburger Kunstvereins am 25.5.1966

4.     BBK-Ausstellung „ Kunst im Schaufenster der Haarenstraße“ am 16.10.1968.

5.     BBK-Ausstellung im Rathausturm, ausgerichtet vom Kunstverein Nordenham.

6.     Eine weitere Ausstellung folgte 1980 im Oldenburger Stadtmuseum.

 Gerhard Theken starb am 6. Februar 1997 in Oldenburg

          

 Quellenangaben:

 Oldenburgischer Hauskalender von 1963

Diverse Ausstellungskataloge des BBK aus den Jahren 1956,1966,1968,1972

„Aus Stiftung und Erbe- Veröffentlichungen der Oldenburgischen Landschaft Band 6

 

 

 Wilhelm Tischbein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Johann Heinrich Wilhelm Tischbein wurde am 15. Februar 1751 in Haina geboren. Er war der Sohn des Klostertischlers Johann Conrad Tischbein. Er ließ sich ab 1766 in Hamburg von seinem Onkel Johann Jacob Tischbein unterrichten. Im Zeitraum von 1771 bis 1773 unternahm er eine Studienreise in die Niederlande und hielt sich in Bremen, Kassel und Hannover auf. Er arbeitete anschließend erfolgreich von 1777 bis 1779 als Porträtmaler in Berlin. In der Zeit von 1779 bis 1781 folgte ein erster Italienaufenthalt. 1782 schloss er sich in Zürich dem Kreis um Lavater und Bodmer an, dann 1783 wieder Italienaufenthalt.1786 lernte er Goethe auf dessen italienischer Reise kennen, der in seine Wohnung am Corso einzog. 1787 führte ihn eine Reise nach Neapel, wo er 1789 zum Akademie-Direktor berufen wurde.1799 flüchtete er vor den französischen Revolutionstruppen über Kassel, Göttingen und Hannover nach Hamburg, wo er sich 1801 nieder ließ. 1804 verkaufte er seine in Italien gerettete Gemäldesammlung an Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg. 1808 wurde er zum Hofmaler und Galerieinspektor ernannt. Er siedelte in die oldenburgische Nebenresidenz Eutin über. Bis 1829 wirkte er in Eutin am Hofe von Peter I., dem Prinzregenten von Oldenburg. Er malte er während seiner Eutiner Zeit des öfteren Angehörige des Oldenburger Hofes, vor allem den Herzog Peter Friedrich Ludwig und den Erbprinzen Paul Friedrich August. Im Landesmuseum zu Oldenburg finden sich im sogenannten Tischbein - Zimmer Ausmalungen des Künstlers.

Ein Briefwechsel Tischbeins wurde 1872 vom damaligen Oberkammerherr Friedrich von Alten unter dem Titel „ Aus Tischbeins Leben“ veröffentlicht.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein starb am 26. Juni 1829 in Eutin..

 

Quellen: der Oldenburgische Hauskalender oder Hausfreund auf das Schaltjahr 1936, S. 44.

Wikipediaauszüge Johann Heinrich Wilhelm Tischbein.

Gerhard Wietek – 200 Jahre Malerei im Oldenburger Land, S.275.

   


Helmut Tönsing

 

Helmut Tönsing wurde 1926 geboren. Er befasste sich intensiv mit Zeichnungen, ehe er in der Mitte des 1950er Jahre ein Studium an der Kunsthochschule in Düsseldorf absolvierte. Neben zahlreichen Ausstellungen in seiner Heimatregion Wilhelmshaven, unter anderem mehrere in der Kunsthalle Wilhelmshaven, zeigte er seine Arbeiten auf Ausstellungen in Düsseldorf, Hamburg, Köln und St. Gallen. Tönsing malte in Öl - und Aquarellfarben, fertigte Zeichnungen an und  widmete sich den Radierungen, wobei er einen Schwerpunkt auf die Aquatintaradierung legte. Er starb 1995.

Wer weitere Informationen über den Künstler, Fotos von ihm oder seiner Arbeiten besitzt, dem wäre ich dankbar, wenn er sie mir für die Erweiterung der Biografie zur Verfügung stellen würde.

 

Quellen:

Wilhelmshavener Zeitung vom 6.12.2012 – Werke verstorbener Künstler –ein Artikel von Alexander Langkals in Zusammenhang mit einer Dezemberausstellung (Eröffnung 6.12.2012)2012 der Sezession Nordwest. Die Ausstellung endete am 1.1.2013.


Hans Trimborn

 

Hans Trimborn wurde am 2. August 1891 als eines von zwei Kindern des Jean Trimborn und dessen Ehefrau Margarethe geborene Koeb, geboren. Als 1898 seine Mutter starb, übernahmen die Großeltern die weitere Erziehung der Kinder. 1913 machte Hans Trimborn das Abitur auf dem Staatlichen Beethoven-Gymnasium in Bonn.

Er war musikalisch begabt, was sich schon während seiner Schulzeit zeigte, als er in der Gaststätte seiner Großeltern die Gäste am Klavier unterhielt.

Von 1913 bis 1916 studierte er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Medizin.

Während dieser Zeit betrieb er Naturstudien. Arbeiten, die in den Jahren 1915 bis 1918 entstanden, standen bereits unter dem Einfluss des Rheinischen Expressionismus. Beeinflusst wurde er dabei von Arbeiten Mackes, Klee und Christian Rohlfs.

Während des Ersten Weltkrieges wurde Trimborn zum Kriegsdienst verpflichtet. Er arbeitete als Feldunterarzt in verschiedenen Lazaretten im Rheinland. Er setzte nach Ende des Krieges das Medizinstudium in Heidelberg zwar fort, brach es dann 1919 aber endgültig ab.

Nach der Heirat mit der Pianistin Marta Trapp ließ er sich als freischaffender Maler und Musiker auf der Insel Norderney nieder.

Dort trat er gemeinsam mit seiner Frau im Rahmenprogramm des Badebetriebes als Pianist auf. Er arbeitete als Chorleiter und gab 1922 ein Konzert mit eigenen Kompositionen nach Texten von Meister Eckhart. Im Musikbereich brachte er sich in der Folge vielfältig ein.

Seit 1920 bestand ein freundschaftlicher Kontakt zu dem Bildhauer Bernhard Hoetger und anderen Worpsweder Künstlern.

Beeinflusst von diesen entstanden Wattlandschaften und Norderneyer Ansichten. Durch den Verkauf dieser Arbeiten hielt er sich finanziell über Wasser.

Die Geburt seines Sohnes Johannes im Jahr 1922 regten ihn zu den Bilderthemen „ Mutter und Kind“ an.

1924 gründeten Trimborn und Bernhard Hoettger das „Kaffee Worpswede“ auf Norderney.

Hans Trimborn war unzuverlässig, hielt häufig vereinbarte Termine nicht ein  und geriet immer wieder auch dadurch in finanzielle Notlagen.

1931 und 1932 besuchte er die Universitäten in Jena und Hamburg, brach jedoch das begonnende Medizinstudium wieder ab und kehrte nach Norderney zurück.

Bei Kiegsausbruch verließ er 1939 Norderney und zog ins Schloss Lütetsburg bei Norden. Er folgte damit einer Einladung der Fürstin Theda zu Inn- und Knyphausen. Auf Schloss Lütetsburg lernte er 1940 seine spätere zweite Frau, die wesentlich jüngere Organistin  Maria Immer kennen. Nachdem 1948 die Ehemit Marta Trapp geschieden wurde, heiratete er 1950 Maria Immer. 1952 wurde Sohn Jan geboren.

Der kleine Ort Arle bot ein neues Zuhause. Dort schuf Trimborn farbenfrohe Gemälde.

1960 verzog er nach Norden. Am 10. Mai 1963 ernannte ihn die Ostfriesische Landschaft zum „Ostfriesen ehrenhalber“.

Während dieses Zeitabschnittes malte Trimborn Stadtansichten und Landschaften, auch entstanden karikaturhafte Bildnissse.

Am 10. Oktober 1979 starb der Maler in Norden.

Arbeiten von ihm befinden sich im Landesmuseum Oldenburg, im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden, der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, der Sparkasse Aurich – Norden und in der Kunsthalle in Emden..

Quellen:

Ruth Irmgard Dalinghaus – Ein Beitrag für die Ostfriesische Landschaft über den Maler Hans Trimborn ( BLO II, Aurich 1997, S. 368-371

Hans Trimborn, 1891 -1979 – Maler und Musiker, herausgegebenvom Landesmuseum Oldenburg 1994, ISBN 3-930537-00-1.

Auszüge aus Wikipedia zu Hans Trimborn.